Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, I. Teil
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Aufnahme: 1935

Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, I. Teil

Partie am Bürgermeisteramt, so lautet der Titel des obigen Photos. Es wurde entnommen der wertvollen Bildersammlung des Arbeitskreises für Heimatkunde im Volksbildungswerk Oberpleis und stammt aus den dreißiger Jahren. Es zeigt die Dollendorfer Straße in Höhe des Bürgermeisteramtes. Allerdings hat sich auch dieser Teil des alten Oberpleis längst gewandelt, und unser Bild ist schon Geschichte geworden.

Die großen, im Sommer schattenspendenden und duftenden Lindenbäume. rechts und links der Dollendorfer Straße, wurden in den letzten Jahren gefällt; sie wurden ein Opfer des Ausbaues und der Verbreiterung der L 331. Das links im Bild sichtbare alte Bürgermeisteramt wird in diesen Tagen abgerissen. Das Gebäude, ehemals als Wohnhaus erbaut, wurde mehrfach umgestaltet und war über 70 Jahre lang Sitz der Amtsverwaltung Oberpleis. Wegen der unerträglichen räumlichen Enge entstand im vergangenen Jahr hinter dem alten Gebäude ein neues, modernes Rathaus.

Nur das an der Abzweigung Ittenbacher Straße stehende, historische Prozessionskreuz, und das dahinterliegende Fachwerkhaus, blieben in Gestalt und Form erhalten. Wir beginnen in unserer heutigen Ausgabe mit dem Abdruck eines neuen Heimatberichtes unter dem Titel „Aus der Jugendzeit". Herr Johann Bennerscheid aus Eisbach bei Oberpleis schildert in seinen Jugenderinnerungen das Oberpleis, wie es früher war. Er beschreibt in seiner recht amüsanten und humorvollen Art „Pleeser Originale", streift die politischen und kirchlichen Verhältnisse, berichtet über Post und Eisenbahn kurzum in seinen ausgezeichneten Beiträgen wird das alte urwüchsige Oberpleis noch einmal zu neuem Leben erweckt. Lesen Sie bitte weiter im Innern des Heftes.


Aus der Jugendzeit

Jugend und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid

Nach Berichten, Überlieferungen usw. war schon 1785 ein Pfarrer Stricker, geboren in Boseroth als Lehrer tätig, und zwar in einem Tanzlokal in Oberpleis; ihn löste Pater Constantinus vom Kloster in Oberpleis ab. Als dieser starb, hörte der Schulbetrieb in dem Tanzlokale auf. Um 1808 wird von schreibkundigen Bauern in Pleiserhohn, Berghausen, Ruttscheid und anderen Dörfern berichtet, die den Kindern, die freiwillig kamen, gegen kleines Entgeld Lesen und Schreiben beibrachten. Nach 1813 wurden die Kinder von dem jeweils amtierenden Vikar in einem Raume der Vikarie unterrichtet. 1825 wurde die Schule aus der Vikarie in die frühere Pfarrerwohnung (heute Herchenbach-Pütz), wo staatlicherseits der erste geprüfte Lehrer, namens Limbach angestellt wurde. Als die Gemeinde 1832 die vier-klassige Fachwerkschule baute, diente die bisherige alte Schule ausschließlich als Lehrerwohnung.

Dieses Gebäude wurde 1739. unter dem Pfarrer Franz Jakob Mauritius Mappius als Pfarrerwohnung erbaut. Pfarrer Mappius starb am 11. Februar 1773. Nach der Überlieferung hat mein Urgroßvater in der alten Pfarrkirche noch die hl. Messe gedient. Es ist nirgends festzustellen, wo die alte Kirche gestanden hat, jedoch kann man annehmen, dass die vorhin beschriebene, unter Pfarrer Mappius erbaute Pfarrerwohnung, nicht allzu weit von der Kirche entfernt erbaut wurde. Als mein, 1810 geborener Großvater in die Schule ging, bestand noch kein Schulzwang, weshalb auch die Eltern der Kinder, die die Schule besuchen wollten, für Heizungsmaterial sorgen mussten. Nach der Überlieferung geschah das in der Weise, dass die Kinder im Winter morgens ein sogenanntes „Schollescheck" (Holzscheit) mitbringen mussten. Dieses „Schollescheck", wie es damals genannt wurde, diente zum Beheizen des Schulzimmers, nachdem es von größeren Knaben klein gesägt wurde.

Es lag auf der Hand, dass durch diese Art Heizmittelbeförderung bei den Kindern öfter Unzuträglichkeiten entstanden, indem mit dem Holzscheit auf dem Schulwege schon mal „blutige Fehden" unter den Schulkinder ausgetragen wurden. Als der Schulzwang eingeführt wurde, regelte die Gemeinde auch die Heizungsfrage. Damit waren die Schulkinder von dem Holzschleppen und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten befreit. Mein, 1848 geborener Vater ist von dem Lehrer Gabriel Flink, Vater des Gastwirten Heinr. Flink und des Kaufmannes Rob. Flink unterrichtet worden. Es muss dieses wohl ein hervorragender Pädagoge gewesen sein; von den alten Leuten wurde immer mit größter Hochachtung vom Lehrer Flink gesprochen. An meinen eigenen ersten Schulgang kann ich mich noch dunkel erinnern. Ich machte ihn in Gemeinschaft mit Wilhelm Hoitz und Peter Buchholz, dem späteren Prälaten Buchholz, der noch einige Jahre die Volksschule in Oberpleis besuchte, bevor er nach Büderich zu seinem Geistlichen Oheim kam und in Neuß das Gymnasium besuchte. Buchholz, sowohl wie auch Hoitz, sind schon gestorben, wie denn auch von meinem Jahrgang nur noch wenige leben. Wenn ich auch frohgemut den ersten Schulgang antrat, so fiel mir doch das „Herz in die Hose", als ich vor dem alten Schulhaus stand, welches mir damals so schrecklich groß vorkam. Ich bekam es mit der Angst zu tun und begann zu weinen. Auf der steinernen Außentreppe des Schulhauses standen die Lehrer Kurscheid und Schwind sowie die Lehrerinnen Büßgen und Reidt. Letztere hatte mein Weinen bemerkt. Sie fasste mich an der Hand, redete mir gut zu und führte mich in ihre Klasse; sie hatte in jenem Jahre die Erstlinge zu betreuen. In meiner Angst kam sie mir damals wie ein Engel vom Himmel vor und ich habe sie bis heute noch in gutem Gedenken.

Frl. Reidt kann ich mir noch gut vorstellen. Sie war eine freundliche zierliche Person und hatte ihre Uhr, die sie an einer Kette um den Hals trug, im Gürtel stecken. Wenn sie sich bückte, oder wenn sie, was selten vorkam, einem Kinde eine Ohrfeige gab, so verfingen sich ihre Hände immer wieder in der baumelnden Kette, wodurch die Uhr öfters aus dem Gürtel gerissen wurde. Geändert wurde aber die Tragweise nicht, damals waren die Armbanduhren noch nicht üblich.

Ich muss ehrlich gestehen, als „Frischling" bin ich nicht gerne zur Schule gegangen, anscheinend hielt ich den Schulbesuch „zur Erlangung der ewigen Seligkeit" nicht für ganz notwendig. Morgens setzte es öfters einen tränenreichen Abschied vom Elternhause ab. Wenn ich dann weinend die Dorfstraße hinunterging, stand meine gute Großmutter, die am Ortsende wohnte, mit einem Butterbrötchen an der Straße, um ihren kleinen Enkel zu dem schweren Schulgang zusätzlich zu stärken und zu trösten.

Ich hatte schnell begriffen, wozu mein Weinen nützlich war, denn ich hatte schon lange die Unabänderlichkeit des Schulbesuches eingesehen, aber ich konnte mir nicht versagen, in lautes Weinen auszubrechen, wenn ich mich der Behausung meiner Großmutter nahte, nur um nicht des Butterbrotes verlustig zu gehen. Der Herrgott möge der guten Seele im Himmel all die „Trostbutterbrote" vergelten, die sie ihrem Enkel gespendet hat, mir aber möge er verzeihen, dass ich „kleines Würstchen" meine Großmutter so oft mit meinen geheuchelten Tränen betrogen habe.Nach Frl. Reidt, bei der ich nicht lange war, kam ich bei den Lehrer Schmeiser. Es war dieses ein junger lustiger Herr, der uns Kinder immer wieder durch seine humorvollen Redensarten zum Lachen brachte. Sein Hobby war Musik und Gesang, später ist er auch Musiklehrer geworden.

Auch bei Schmeiser war ich nicht lange, ich kam dann für längere Zeit bei den Lehrer Schwind in die Klasse. Dieser Herr war das Gegenteil von Schmeiser, ernst und etwas nervös, hatte er seine liebe Not mit uns Kindern. Besonders mit den älteren Jungen, die seine Aufgeregtheit öfter mit allerlei Schabernak noch verstärkten. Mit Strafen war Lehrer Schwind schnell bei der Hand. Wenn „Hochsaison" war, heulten öfters eine Reihe Kinder zugleich. Schwere Fälle wurden mit dem Stock geahndet, leichtere Fälle mit der Hand. Einige Kinder standen während des Unterrichtes öfters als Strafe hinter der großen Schultafel. Beliebt war auch bei Schwind das Nachsitzen. Wenn vier Uhr nachmittags der Unterricht zu Ende war, quälte sich Schwind oft noch eine Stunde mit diesen Sündern ab. Wenn auch, wie gesagt, Lehrer Schwind mit Strafen nicht sparte, so habe ich selbst doch nur dreimal die Bekanntschaft mit seinem Stock gemacht, dann aber auch so gründlich, dass es mir wegen den, damit verbundenen „Gefühlen" bis heute im Gedächtnis haften geblieben ist. Erster Fall: Wir mussten eines Tages als Schönschreibeaufgabe vier Dingwörter deklinieren und zwar:

Vater, Mutter, Kind, Hemd. Nachdem ich Vater, Mutter, Kind absolviert hatte, kam das Hemd an die Reihe und ich schrieb fein säuberlich in mein Heft: „das Hemp, des Hempes, dem Hempe, das Hemp". Mehrzahl: „die Hemper, der Hemper, den Hempern, die Hemper." Ich war stolz, dass ich dieses so. schön hingebracht hatte, aber am anderen Morgen, als Schwind die Hefte durchgesehen hatte, wurde ich als erster aufgerufen: „Bennerscheid komm mal her, ich will dir mal was auf das „Hemp" geben"! Damit griff er zum Stock und was dann folgte, ging mir wirklich durch das „Hemp". Die Strafe fiel wohl deshalb so streng aus, weil Schwind meinte, ich hätte ihn „veruzen" wollen. Dem war aber durchaus nicht so, ich hatte bloß in meiner kindlichen Einfalt, ohne viel zu denken, „das Hemd" so geschrieben, wie es im Dialekt gesprochen wurde.

An meinem zweiten Bestrafungsfalle hatte Josef Kreuz, der spätere Redemptoristenpater  Kreuz die Hauptschuld. Josef überragte an Größe und Stärke fast alle seine Mitschüler. Dieses nutzte er aber auch weidlich aus, weshalb er auf dem ganzen Schulhofe gefürchtet war. Wie es kam, weiß ich nicht mehr, Josef warf mir einen Stein ins Gesicht, es blutete stark. Ich wollte zurückwerfen; Josef bückte sich aber geschickt und mein Stein zertrümmerte einem Mädchen, welches zufällig hinter Kreuz stand, die Schultafel. Nach der Pause fiel Schwind mein blutiges Gesicht auf; ich musste berichten. Inzwischen erschien auch in unserer Klasse das weinende Mädchen mit dem leeren Schultafelrahmen. Josef Kreuz, der in eine andere "Klasse ging, wurde gerufen. Dann legte uns beide Sünder Lehrer Schwind „liebevoll" übers Knie und brachte uns mit dem Stock den Grundsatz bei, dass man nicht mit Steinen werfen darf.

Es war dies für mich eine schmerzliche Sache. Ich habe lange geweint. Kreuz aber berührte es nicht. Kaum war Schwind mit seiner „Prozedur" fertig, da lachte Josef schon wieder. Er war stark im Geben, aber auch stark im Nehmen. Es wurde damals gemunkelt, Josef, der öfter in „Kollision" mit seinem Lehrer kam und den Schwind immer „mein Hauskreuz" nannte, hätte sich, wenn er zur Schule ging, für alle Fälle einen „doppelten Hosenboden" zugelegt. Das wurde im vorstehenden Falle offenkundig, die Stockschläge klangen Schwind verdächtig hohl, er ging der Sache auf den „Grund" und zog dem armen Josef ein Stück Pappdeckel aus dem Hosenboden. Wenn damals einer gesagt hätte, dass Josef noch einmal so ein „berühmter Herr"' werde, der wäre ausgelacht worden.
(Fortsetzung folgt)

ZUM AUTOR
„Ich möchte nicht den Eindruck eines geschwätzigen alten Mannes erwecken, darum veröffentliche ich meine Erinnerungen aus der Jugendzeit nur ungern." Dies sind die Worte unseres heutigen Autors. Worte eines Mannes, der schlicht und einfach, aber gerade und aufrecht getreu seinem Lebenswandel jederzeit das ausspricht, was er fühlt und denkt.
Viele unserer Leser lernten Herrn Johann Bennerscheid bereits vor zwei Jahren kennen, als wir seine ausgezeichneten Beiträge zum Thema „Burg Niederbach" veröffentlichten. Aus jener Zeit stammt auch unser obiges Photo, dass wir nur durch viel Überredungskunst von Frau Bennerscheid anfertigen konnten.

Der fast 80jährige (er wurde am 29. Juni 1888 in Eishach bei Oberpleis geboren) lehnt jede Art von übertriebener Publizistik ab, obwohl er bereitwilligst und gerne sein Wissen um die Heimat mitteilt. Der langjährige, lebenserfahrene Gutsverwalter der Gräflich-Hillesheim-Spee'schen Besitztümer in Oberpleis kann viel erzählen aus längst vergangenen Zeiten.
Und wenn er, der langjährige Freund des unvergessenen Prälaten Peter Buchholz, erzählt, dann taut der sonst so stille ältere Herr auf. Dann leuchten seine Augen und mit Begeisterung und in seiner, ihm eigenen humorvollen Art, schildert er begeistert Erlebnisse und Anekdötchen aus seiner Jugendzeit.

Wir beginnen in unserer heutigen Ausgabe mit dem Abdruck einer längeren, recht amüsanten und interessanten Artikelserie von Johann Bennerscheid. Wir sind sicher, dass auch Ihnen, verehrte Leser, seine Erzählungen gefallen werden.

Unser Archivbild zeigt die alte, im Jahre 1832 erbaute, vierklassige Volksschule, die auf dem Platz vor dem heutigen Ehrenmal gestanden hat. Sie wurde 1912 abgerissen und die eine Hälfte der Schule am Wege zur Hardt als Wohnhaus wieder aufgebaut. Das im Fachwerkstil erbaute Schulgebäude war außen mit grün gestrichenen Brettern verkleidet. Durch den Haupteingang gelangte man in einen dunklen Flur, von dem aus je rechts und links ein Klassenzimmer erreichbar war. Im Obergeschoß befanden sich weitere zwei Klassenräume. Kein Wunder, dass dem kleinen Bennerscheid beim Anblick dieses düsteren Gebäudes angst und bange wurde.

Quelle
SZ. Nr. 2 vom 12. Januar 1968; Fotograf unbekannt; Scan: Heinrich Röttgen
Zur Verfügung gestellt von
Arbeitskr.Heimatk.(Bild 1+2);Franz Hermes(Bild 3) Die frühere Pfarrerwohnung - Alte Schule - Die Geschichte der Katholischen Volksschule Oberpleis
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