Aufnahme: 1900
In der Kirche (Sonett von Werner Heinen)
Als ich ein Kind war, an der Mutter Hand
Zur Abendandacht in die Kirche trat,
Sah ich zuerst den Priester im Ornat,
Sodann die Ministranten, und ich fand
Den Raum, der voll Geheimnis um mich stand,
Nur schwer und dunkel. Denn die Kerze hat
Nicht soviel Wärme und nicht Goldbrokat
Genug, dass sie erfülle diese Statt
Des Geistes und der innerlichsten Liebe.
Allmählich aber fügten die Gewänder,
Der Schein der Kerzen vor dem Hochaltar,
Die Pfeiler und die Friese und die Bänder
Sich wie ein Kleid um mich, so wunderbar,
Dass nicht die kleinste Angst in mir verbliebe.
Nun, da ich alt bin, spüre ich den Drang
Der Römerbögen, die Gewalt der Pfeiler,
Die sich, zum Chor hinstrebend, immer steiler
Aufrecken, nur als herrlichen Gesang.
Nichts mehr ist ohne Maß, kein Überschwang,
Nur Urgesetze, die sich da verweben
Zu einem ganz in sich geschlossenen Leben,
Das sich von Ewigkeiten her durchdrang. -
Hier eint sich wahrhaft Arbeit und Gebet,
Denn, was in reinen Harmonien waltet,
Nicht ohne Mühsal wurde es gestaltet
Und oft in Qual. Ob auch am Zeichenbrett
Der unbekannte Meister dichtete,
Ob auch der Maurer Stein um Steine schichtete.
(Quelle: Festschrift zur Tausendjahr-Feier der Pfarrgemeinde St. Pankratius Oberpleis, 1948, S. 23)
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