Aufnahme: 1892

Nordansicht des Westturmes von St. Pankratius

"Die Propstei Oberpleis
Mit dem Verklingen des Siebengebirges und des Westerwaldes beginnt, südlich begrenzt und überragt noch vom Oelberg, in stilleren Formen ein sanft hügeliges Land, vom Rhein geschieden zwar, doch von seiner Nähe anmutvoll bestimmt. In vielen Windungen führt die Straße vom Strom her, Höhen überwindend und Senkungen durchlaufend. Zu ihren Seiten liegen die hellen, freundlichen Ortschaften, Häuser im schönen Schwarzweiß des rheinischen' Fachwerkes, gehegte Gärten und gedehnte Weiden. So öffnet sich dem Wandernden die Schönheit eines gesegneten Ländchens, das minder durch Großartigkeit als durch Lieblichkeit gefällt. Bald hinter dem Friedhof in Oberdollendorf, in dessen Mauer alte Kreuze mit derber Ikonographie eines mittelalterlichen Memento mori stehen, beginnt die wechselnde Folge tiefgrüner Wiesen und weiter Felder, die gemächlich mit den Schwüngen und Steigungen des Geländes gehen. Zuweilen noch eröffnet sich zwischen den Bergkulissen der Ausblick zum Rhein hinüber, und ein letztes Mal hat die beschauliche Kleinheit und trauliche Enge des Landes noch Teil an der Größe und mächtigeren Schönheit des Rheintales. Dann freilich, wenn der barocke, gewaltige Torbogen der Abtei Heisterbach auftaucht mit den symbolischen Mönchsfiguren und dem tanzenden Gitter darüber, mit der ernsthaften, nahezu italienischen Anmut einer Allee steiler Pappeln, die schnurgerade auf die berühmte Ruine hinzuführen scheinen, auf jenen köstlichen Rest zisterziensischer Baukunst, dann freilich ist das Bild des Rheines ganz vergangen. Und vollends ist das Land von ihm getrennt, wenn die erste Steigung des Oelberges überwunden ist.

Es breitet sich dann mit dem langsamen Zutalgehen eine Gegend, um deren Reichtum und Reiz es sich wohl verlohnte zu streiten, wie es vordem die Herren des Bonner Stiftes von St. Cassius oft und heftig getan. Ja, sie trugen sogar ihre Klagen um das Gebiet, das hinter dem Siebengebirge der Sieg zugekehrt liegt, und um den Ort Oberpleis, der ihr offenbarer Mittelpunkt ist, insbesondere bis zu den Ohren des Papstes. Bis endlich der Erzbischof Bruno II. von Köln die Fehde, deren anderer und nicht weniger streitbarer Teil die Abtei Siegburg war, im Jahre 1132 entschied, dergestalt, dass das begehrte Ländchen an der Pleis den Siegburgischen zufiel und die Herren von St. Cassius entschädigt wurden mit sechzig Mark Silber und Einkünften von Ramersdorf.

Mit dieser Bestimmung wurde den Siegburgern ein Recht zugestanden, dessen sie schon lange offenbar genossen. Denn gegen das Ende oder um die Wende des 11. Jahrhunderts war schon in Oberpleis, damals „Pleisa" oder „Bleisa" genannt, eine Propstei von dort her gegründet worden. Es ging, als man mit Eifer dem Ursprung und der Geschichte solcher Bauten nachzuspüren begann, lange die Sage, sie sei eine Tochterniederlassung des Klosters Corvey an der Weser gewesen, des zu großer Berühmtheit gelangten ‚Convents von Dreizehn-Linden‘ und schon um das Jahr 950 mit Mönchen besiedelt worden. Doch scheint es sich aus späterer Forschung klarer zu heben, dass die Abtei von Siegburg Oberpleis zum geistlichen Wohnsitz bestimmte, auf dass von dort aus leichter der ausgedehnte Besitz zu verwalten sei und nutzbringend zu verwenden. Von Siegburg erhielt die neue Propstei, die unter den Schutz des heiligen Pankratius gestellt wurde, mönchische Ordnung und die Regel der Benediktiner.

Nun folgen in langer Reihe die Pröpste von Oberpleis, Herren des rheinischen Adels zumeist, milde und gestrenge, die sich eine stolze Stellung zu wahren wußten zwischen dem Mutterkloster und der um eine Wegstunde entfernten, mächtigen Zisterzienser-Abtei Heisterbach. Sie waren in der Zeit des frühen und hohen Mittelalters, ja offenbar noch bis zur Aufhebung der Propstei auch mit weltlicher Gerichtsbarkeit begabt, so dass die Herren des Klosters von St. Pankratius rittermäßig ihr schönes Ländchen regierten. Der Propsthof neben der Propstei war Sitz des Schöffengerichtes, und nach dem Weisthum galt der Propst als Lehnsherr. Urkunden und Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts geben in schönen, altertümlichen Worten und Formulierungen, deren deutliche Umständlichkeit wie die Schnörkel verblichener Handschriften uns erscheinen, Kunde von Gerichtstagen und Markgeding. Und so wird auch in ihnen berichtet, dass der Propst des Klosters neben dem Recht zu wägen und zu strafen kraft besonderer Vollmacht die schöne Gnade des Asylgewährens üben durfte. In einem alten Lagerbuch steht es so zu lesen: 'Dieses Gotteshaus und Propstey hat sowohl adeliche als geistliche Freiheit; und möchte es geschehen, daß jemand wegen begangener Uebelthat sein Zuflucht uff die Propstey nehmen würde, sollte niemand sine gravi laesione praedictae libertatis - das will heißen, ohne große Verletzung eben jener Freiheiten - hinweggenommen werden können.'

Man wird die Geschichte der Propstei Oberpleis, ihr Wachsen und Blühen im Mittelalter, ihre adelige Machtstellung bis auf die Höhe des 18. Jahrhunderts, aber auch die wacker bestandenen Notzeiten und Gefahren ohne große Mühe und höchst anschaulich an den Bauten ablesen können, die als Erinnerung und Zeichen geistlicher Herrschaft in Oberpleis erhalten blieben, nachdem das Kloster aufgehoben wurde mit der allgemeinen Säkularisation in den ersten wirrsäligen Jahren des 19. Jahrhunderts. Die neue Bestimmung, nach dem Wegzuge der Stiftsherren, Pfarrkirche des Ortes zu sein, der mit dem Kloster gewachsen war, an der Stelle eines sehr zerfallenen Gotteshauses, hat die Propsteikirche und mit ihr die ehemaligen Klostergebäude vor dem Abbruch gerettet, der die nahe Zisterzienser-Abtei Heisterbach so grausam zerstörte. So ist die Propstei heute ehrwürdiges Zeugnis vergangener Jahrhunderte und in ihrem schönen und sichtbaren Gewachsensein Spiegel des Lebens, das sie vordem barg. Sie wurde jüngst in einer Beschreibung zu den Bauwerken gezählt, 'die in ihrer ungeheuren Fülle und mit der Kraft ihres Wesensgepräges der Rheinlandschaft einen ganz bestimmten Ausdruck verleihen'. Zugleich aber wird man sagen dürfen, sie seien auch in hohem Maß von ihr geformt, denn eben in dieser Wechselseitigkeit scheint die tiefe Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit zu liegen, die dem Bau hier und nirgends anders seine Heimat räumlich und künstlerisch gibt.

Vom frühen romanischen Beginn bis zu der gemessenen Schönheit des noch kühlen 18. Jahrhunderts folgen sich die Baustile, nicht ohne Unterbrechung, doch in einer schönen Bezogenheit. An ihrer Ausprägung mag man Kunstsinn und Reichtum der Bauenden ersehen, und zuweilen ist sogar ein Wappen oder ein Namenszug unmittelbares Zeichen der Urheberschaft. Im Ganzen aber ist die Propstei Oberpleis trotz des sichtbaren Wandels der Form und des künstlerischen Maßstabes wesentlich geprägt von dem Geist, der der ersten Anlage innewohnte, von der gehaltvollen Würde der deutschen Romanik. Unter den schöpferischen Willen eines ersten Baumeisters beugten und fügten sich die später Schaffenden, also dass auch die Bauglieder folgender Jahrhunderte nicht der Gemessenheit und der Maße ermangeln. Darum wird es erlaubt sein, trotz der Vielheit der Einzelerscheinung hier von einer zu Anfang gewollten und nie zerstörten Einheit und Einheitlichkeit zu sprechen. Freilich war auch die Prägung des späten 11. und des beginnenden 12. Jahrhunderts stark und von unvergleichlicher Schönheit. Welchen anderen Ort hätte ein Baumeister erwählen können für die beherrschende Lage eines Klosters als diesen Abhang, der der Sonne entgegen liegt? Heute allerdings wird man zumeist den ersten Eindruck von dem schweren und wohlgefügten Westwerk her bekommen. Noch immer ist, auch in gewandelter Zweckmäßigkeit jene Zusammengehörigkeit von Kirche, Propstei und Propsthof nicht gelöst, so dass das Gotteshaus nur von drei Seiten her zu sehen ist für den zufälligen Besucher. Doch ist eben in dieser Bestimmung die reiche und köstliche Durchformung des Baukörpers nach West, Nord und Ost hinbegründet, eine Gestaltung, deren Klarheit und Wohlerwogenheit entzückt.

Allzu mächtig fast erwächst mit einer plötzlichen Biegung der Straße der gewaltige Turm, einem festen Wehrwerk nicht unähnlich, der niederen Gedrungenheit der umgebenden Häuser. In kaum gegliederten unteren Geschossen, sind seltsame Tierfiguren früher Zeit Schmuck und fast einzige Zier. Um weniges heben sie, deren Symbolik uns nicht mehr deutbar ist, sich als Relief aus rauhem Stein. Darüber aber steigen leichtere letzte Baustufen auf, von Lisenen und Blendarkaden belebt und durchbrochen auch erstmals von der maßvollen Form gekuppelter Fenster unter gemessenem Bogenschwung. In der Klarheit dieses Turmbaues, in dem sinnvollen Wachsen aus schwerer Basis zu zwar würdiger doch gelösterer Höhe ist die Geschichte der Propstei enthalten. Die ungezierten Geschosse gehören der ersten Bauzeit, dem vergehenden 11. Jahrhundert an, und sie tragen ihre Prägung gemeinsam mit der in edlen Formen einfachen Krypta der Kirche. Die freiere Lösung oberer Stockwerke ist eine Schöpfung der hohen und reifen romanischen Zeit. Dieser offenbaren Blüteperiode der Propstei entstammt auch die schöne Formgebung des Langhauses und des mit Maß reichen Chores, die ein Blick von Norden her unvergleichlich erschließt. Sehr reizvoll ist das Bild der Kirche von dem nördlchen Garten aus, der indes auch selbst eine Köstlichkeit ist.

Man ist versucht, trotz geringer Ausmaße ihn einen Park zu nennen, weil er die unbeschreibliche Anmut solcher Plätze hat, deren sich unsere Zeit kaum erinnert, und die sie selbst nicht mehr zu formen weiß. Wie befriedigend ist die Ruhe der gleichmäßig geschwungenen Wege unter der geneigten Schwermut alter Bäume, wie sanft das Grün eines sorgsam gepflegten Rasens. Auf zarte Weise erinnern verwitterte Grabmäler daran, es sei dieser Park einmal ein Friedhof gewesen. Wilde Rosen sind längst über die Steine hingewachsen, von zärtlicher Hand zum immerwährenden Kranz geformt; sie sind ein Zeichen, wie nahe und ohne Grauen in der Stille dieses Ortes das Leben dem Tode und die Gegenwart der Vergangenheit ist.

Und ohne den Schauer des unbegreiflichen Sterbens ist auch das Golgatha dieses alten Friedhofes. In bäuerlichem Barock, schwer, doch wohlgefügt, spricht die Kreuzigungsgruppe eher den Frieden der Erlösung als die Marter des Todes aus. Gleichsam auf der Mensa eines Altares ist das Kreuz errichtet, daran über der höchst originellen Schlange der Versuchung und dem symbolischen Baum des Todes, dessen Früchte Schädel sind, ein Christus hängt, der mit der Hingabe des Lebens zugleich als Sieger scheint. Und in jener Ruhe, ja fast in einer herkömmlichen Namenlosigkeit überzeitlicher Erscheinung ist auch die Muttergottes geschaffen, von einem gewiß nicht unvermögenden Künstler. Denn er wußte der zu dreiviertel lebensgroßen Gestalt mit der nonnenhaften Strenge des Gewandes Geist und Zeichen würdiger Trauer zu geben. Ein Einmaliges und Eigenes aber gelang ihm mit der Formung der Johannesfigur, die von bildnishafter Lebensnähe ist. Es scheint, als wollte es sich verlohnen, nach dem Schöpfer dieses aufgeschlossenen und höchst ausdrucksvollen Kopfes zu forschen.
Fast allzu verborgen ist die Kreuzigung unter den geneigten Zweigen, fast ohne den Anspruch des Gesehenwerden, neben dem mächtigen Bau der Kirche, von deren Bildwirkung allein - man verzeihe den Umweg in der Beschreibung -, die Form des Parkes bestimmt ist. Vor ihr weicht der Schwung der Bäume aus, und über den Rasen hin bietet sich der Anblick des Langhauses in einem erwählt schönen Rahmen vielfach gestuften Blattgrünes.

Vom Turm her wächst der Bau im Äußeren der traditionellen Kreuzform zu, in der Anlage Werk der romanischen Frühe, in der Ausführung und in der Schmuckwirkung Zeugnis staufischen Stilwillens. Sehr rein ist diese Kreuzform des Mittel- und Querschiffes, der die Seitenschiffe nur schöngliedrige Zutat erscheinen. In einer edlen und zurückhaltenden Weise ist die Zier der Blendarkaden und Fensterlaibungen der Mauer eingefügt. Und selbst nach mancher Zutat des 19. Jahrhunderts, die allerdings oft eine erhaltende und stützende Notwendigkeit war wie der Sakristeibau etwa an der Stelle eines allzu schwachen Turmes, ist die Klarheit der Architektur vor der Einzelform wirksam. Es ist diese Klarheit ein köstliches Zeichen 'deutscher Frühe', einer Zeit, in der noch nicht der wuchernde Reichtum des Schmuckes die Baugliederung verbarg. Zu einer noch großartigeren Einheit aber verbinden sich architektonische und schmückende Bauelemente am Chor der Propsteikirche. Hier wächst die gebundene romanische Kunst einer kühnen Freiheit entgegen und in der leichten Beherrschung lange geübter Formen erzeigt sich die Höhe und Reife des Stiles. Zwischen schmalen Lisenen schwingen zierlich wie Girlanden die Arkaden, und reich und prächtig sind die Fenster in tiefe, oft profilierte Gewände eingefügt.

Von edler Reinheit der Maße ist auch der Innenraum der Propsteikirche, der gleichermaßen von West nach Ost, vom schweren gedrungenen Anfang der dunklen Turmhalle zum reichgliedrigen Chor hin gleitet. Sehr malerisch ist der von tiefem Bogen überschnittene Blick durch das Langhaus hin. Um ein Geringes ist in dieser schönen Kirche schon das durch das Vierungs-Quadrat, das aus dem Zusammentreffen von Langhaus und Querhaus gebildet wird, gebundene Bausystem gelöst und abgewandelt. Um Geringes schmaler sind die Felder der Wölbung, und schlanker steigt in öfterer Teilung die Mauer empor zum hellen Oberlichtgaden. Dennoch ist noch die Waagerechte nach dem Baugesetz des romanischen Stiles herrschend, und ungebrochen ist darum auch das strenge Gerichtetsein der Kirche, von deren Gewölbe seltsam genug die hängenden Schlußsteine tropfen, auf den Altar hin, das den geistigen Mittelpunkt zwingend bedeutet. Man sehe von den Seitenschiffen, die die Wappen der Propstei von St. Pankratius bergen, hinüber zum Langhaus. Da scheint sich der Raum zu straffen und kühner zu heben, ein wahrhaftes Bild nie gealterter Kunst.

Verwirrender, reicher ist die Einheit von Querschiff und Chor, in Stufen sichtbar erhoben über den Raum der betenden Gemeinde. In einer fast gotisch bizarren Lösung wurden Türme, die heute nicht mehr in ihrer Ganzheit bestehen, in diesen Bauteil einbezogen gleich Nebenapsiden zu der ausgeschwungenen Rundung des Chores. Sie sind tief gekehlt und voll dämmernder Schatten. Ohne Bild oder Zeichnung läßt sich ihr Gestaltetsein kaum erklären. Ihre Seltsamkeit macht den Chorraum zum Geheimnis der Kirche. Die kühle Klarheit des äußeren Baues, die eindeutige Kreuzform wird hier zur bestaunten Rätselhaftigkeit. Um wie vieles köstlicher muß diese Wirkung noch gewesen sein als die unerhörte Grazie des Heisterbacher Gitters, jenes berühmten Erzeugnisses rheinischer Rokokokunst, das heute im Schnütgenmuseum in Köln wie ein zartes Schattenspiel vor der Halle eines Kreuzganges steht, noch den Chor vom Mittelschiff schied.

Unter der vielgliedrigen Apsis liegt die sehr gemessene Einfachheit der Krypta, die der zeitlichen Bestimmung dem schweren Turm verwandt, doch um vieles reicher und kostbarer in der Wirkung. Die sechzehn Säulen tragen ein in mannigfachem Spiel der möglichen Form gewandeltes Gewölbe. Man wird den Anblick des Raumes kaum schöner beschreiben können, als das jüngst in der Veröffentlichung der ‚Rheinischen Kunststätten‘ durch Kubach geschah. 'Durch diese Feinheiten - die wechselnde Stärke und der unterschiedliche Werkstoff der Säulen - und durch die rhythmisch wechselnde Jochbreite kommt ein atmendes Leben in das gebundene Maß dieses Raumkunstwerkes, dessen Ernst und Strenge alle Einzelheiten bestimmt hat.' In der Schönheit der Propsteikirche, die oft genug mit dem Bonner Münster verglichen wurde, ist die Schwere der romanischen Kunst zu einer Reife geführt, der - es sei die Entlehnung gestattet - das schmückende Prädikat ‚con gravita‘ wohl ansteht. Ja, sie vereint wahrhaft edle Form und Würde. Wie ein Lächeln in diesem hoheitsvollen Ernst blüht die Zierlichkeit barocker Bilder, vor allem jene reizvolle, königliche Maria, die neuerlich eine glückliche Wiederherstellung erfuhr. Von ihrer Grazie ist es ein weiter Weg zu der schweren Gebundenheit der früheren Pieta und zu der Gehaltenheit des oft gerühmten Dreikönigsreliefs.

Es wunde gesprochen von der Einheit, die die Kirche mit den anderen Bauten der Propstei verbindet. So entläßt der Kirchenraum in den schönen geschlossenen Bezirk des Innenhofes, den sie mit dem alten Wohngebäude und dem einzigen erhaltenen Kreuzgangflügel bildet. Nochmals zeigt sich dem Blick, überschnitten von einem steilen, ernsten Raum, der erwogene Schmuckreichtum des Langhauses, ein schönes Schauspiel vom gestuften Mauersockel bis zum gezackten Dachfirst.

Dann aber verliebt sich das Auge in den mannigfachen Reiz des Kreuzganges. Man wird die Zierlichkeit der schlanken Säulen rühmen dürfen, die denen des Bonner Münsterkreuzganges verwandt sind, als um weniges jüngere Geschwister und gleich ihnen ‚eine Fundgrube für die Bauzier der Stauferzeit‘. Am Ende der Bogenschwünge, die steigen und fallen mit der edlen Leichtigkeit eines Spieles, steht ein barocker Grabstein, eines jener Steinmetzwerke, die in der gemessenen Eleganz - hier ist das Wort zu seinem Ursprung und seinem Sinn geführt, der ‚eligere‘ gleich ‚erwählen‘ sein läßt, um den Verdacht der Leichtfertigkeit von einem längst verstorbenen Künstler abzuwenden - die also in Eleganz den Ernst und die Dunkelheit des Todes mit Feierlichkeit zu überwinden wissen. Die Inschrift sagt, daß am 7. März des Jahres 1736 der sehr edle Herr Christian Everhard von Stael als Propst hier gestorben ist. Mit der Nennung seines Namens wird man zugleich seiner Vorgänger gedenken, der Herren Bertram von Ans und des von Nesselrode, die an der Stelle der in Not- and Kriegszeiten schadhaft und unwohnlich gewordenen Bauten die neue Propstei schufen, ein schlichtes Haus des 17. Jahrhunderts, erwogen in den Formen und wohlgestaltet, und jenes bezaubernden Tores, in ländlichem Baustil, das zum Wirtschaftshof hinüberführt.

Weniger Schritte nur bedarf es, um aus dem Bezirk klösterlichen Friedens und der abgeschlossenen Weltverlorenheit eines Gartens, in dem zerbrochene Säulen und Mauerreste vor Propstei und Kreuzgang ein erinnerungsvolles Gestern sind, zu dem ungleich lebhafteren Reich landwirtschaftlichen Waltens zu gelangen. Ein anderer Name steht darüber. Der Propst Walbott von Bassenheim schuf, gleichfalls ein schon früher Gewesenes erneuernd, den großen Wirtschaftshof mit dem bestens gefügten Winkelzug der Ställe, mit dem schönen Nebeneinander von leuchtendem Fachwerk und solidem Steinbau im Jahre 1701. Er scheint ein derberer Herr gewesen zu sein, als der Propst von Nesselrode, der sein Wappen sehr zierlich führte, und auch als der von Stael, um dessen Namen der Hauch des französischen Esprits, nicht einmal ganz zu Recht vielleicht, ist. Indes wer seine Phantasie gern spielen läßt, mag sich die Pröpste von St. Pankratius nach ihren Schöpfungen vorstellen, vornehm und der höheren Kunst zugetan oder auch breit und von behäbiger Diesseitigkeit, die gern die fröhliche Sorge für das Tägliche trägt.

Gewiß aber muß man die schöne Anlage des Walbott von Bassenheim, die helle Geräumigkeit der Bauten um den malerischen Ententeich, die die Wappen und die Jahreszahl als sein Werk bezeichnen, auch heute noch als gültig und brauchbar anerkennen müssen, denn sie dient in ihrer jetzt mehr als zweihundertjährigen bedachtsam erwählten Form auch heute noch ihrem ihm bestimmten Zweck bestens. Der mauerumschlossene Propsthof, der ehedem, adligen Gütern gleich, mit Rechten und Freiheiten reichlich ausgestattet war, ist für den Besucher der Propstei der Beschluß seiner Wanderung. Und allzu bald entläßt das tiefgeschwungene romanische Tor mit der gestuften Zier seiner schönen Profilierung aus diesem friedlichen Nebeneinander von täglicher Arbeit und glücklicher Weltabgeschiedenheit, von tätigem Schaffen und geweihter Stille."

*Dieser Bericht war in der Festschrift ‚1000 Jahre Oberpleis Festwoche 18.-26. September 1948‘ auf den Seiten 13-21 abgedruckt.

Quelle
Irmgard Thomas: In Blätter für Heimatkunde des ‚General-Anzeigers für Bonn‘ vom 10. November 1938.
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet Die Propsteikirche zu Oberpleis
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