Wilhelm Effmann referierte im Februar 1887 über die Oberpleiser Kirche

Aufnahme: 1887

Wilhelm Effmann referierte im Februar 1887 über die Oberpleiser Kirche

Abschrift:
Münster, 10. Febr. 1887
In der zweiten diesjährigen Sitzung des Florentius-Vereins, welche am 3. d. Mts. abgehalten wurde, behandelte Herr Regierungsbauführer Wilhelm Effmann ein bisher unbeachtet gebliebens Kunstdenkmal aus der Blüthezeit der romanischen Kunst, die ehemalige Propstei- jetzige Pfarrkirche zu Oberpleis im Siegkreise, Erzdiöcese Köln. Unter Heranziehung eines reichhaltigen Urkundenmaterials wies der Vortragende nach, daß der Ursprung der Propstei Oberpleis, welche als Filialstiftung von der alten, durch den hl. Anno im Jahre 1066 gegründeten Benedictiner-Abtei Siegburg ausgegangen, mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit um 1160 zurückreicht. Der damals errichtete Bau war eine einfache, dreischiffige, flachgedeckte Pfeilerbasilika mit schwerem Westthurm, Querschiff und halbrunder Apsis. Chor und Querschiff sind von einer Krypta unterbaut, welche im alten Zustande erhalten, in ihrer Plangestaltung auf die gegenwärtig als Gefängniß-Badeanstalt dienende Krypta der Abteikirche zu Siegburg hinweist. Sie setzt sich zusammen aus einem Quer- und einem Langhause. Beide sind dreischiffig. Ersters ist durch zwei Reihen von je sechs, letzteres von je zwei Säulen, denen seitlich Wandpflaster entsprechen, getheilt.

Die Seitenschiffe des Langhauses endigen östlich in jetzt vermauerten Rundnischen, das Mittelschiff erweitert sich unter der Apsis des Chores zu einem mit einem Tonnengewölbe überdeckten quadratischen Raum. Die übrigen 27 Felder sind mit einfachen rippenlosen Kreuzgewölben zwischen Gurtbögen überspannt. Die Säulen haben Würfelcapitäle und die übliche attische Basis. Zugänglich war die Krypta ursprünglich durch zwei Treppen von den Seitenschiffen aus. Gegenwärtig sind dieselben vermauert und dient die Krypta, welche 1718 von der Südseite aus einen anderen Eingang erhalten hat, als Keller der Pastorat. Die gegen Ende des 12. Jahrhunderts vorgenommene Incorporation der Pfarre in die Propstei Oberpleis gab muthmaßlich den Anlaß zu dem im Anfang des 13. Jahrhunderts durchgeführten Um- und Erweiterungsbau der Propsteikirche, bei welchem Chor, Querschiff und Hochwände des Mittelschiffes neu erbaut und die ganze Kirche eingewölbt wurde. Mit großer Geschicklichkeit wurde hierbei unter Anschluß an das Bestehende in durchaus eigenartiger Weise durch Anbau zweier Halbabsiden eine innige Raumverbindung des Chores mit den Flügeln des Querschiffes hergestellt; eine Lösung, deren Princip, wenn auch in etwas veränderter Form in der gothischen Kunst (Liebfrauenkirche in Trier, Katharinenkirche in Oppenheim, Petrikirche in Soest) mehrfach Aufnahme gefunden hat, in der romanischen Kunst aber und namentlich in dieser besonderen Form als einzig in ihrer Art dastehen dürfte.

Die innere Rundung dieser Halbabsiden ist durch drei Nischen gegliedert; der mittleren entwachsen achteckige Nebenthürme welche sich mit dem über der Vierung emporsteigenden, ebenfalls achteckigen Mittelthurme ähnlich der Apostelkirche von Köln die Nebenthürme zur Annexe bilden, sind dieselben hier in Oberpleis auf die geschilderte Art in der geschicktesten Weise für die innere Raumentwicklung nutzbar gemacht. Leider sind sämtliche drei Ostthürme bis auf den Dachboden hin abgebrochen; nur schwache Reste zeugen dort noch von ihrer ehemaligen Gestaltung. Auch von dem Kreuzgange, welcher wohl der Mitte des 12. Jahrhunderts angehört, ist nur noch ein Theil, der Westflügel, erhalten. Derselbe zeigt, übereinstimmend mit dem noch wenig beachteten gleichzeitigen Kreuzgange der Münsterkirche zu Bonn, ein vollständig entwickeltes Strebesystem; beide Bauten zeigen wiederum, daß die deutschnationale Bauweise in ihrer, zwar in anderen Bahnen sich bewegenden Entwicklung auf dem Wege war, auch in constructiver Hinsicht zur Vollkommenheit zu gelangen, welche sie erreicht haben würde, wenn sie nicht durch das siegreiche Eindringen der französischen Gothik unterbrochen worden wäre.

Quelle
General-Anzeiger vom 23.02.1887 Archiv: Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, Abt. Digitalisierung
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Willi Joliet
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Katholische Kirche Oberpleis Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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