Aufnahme: 1981
Heimat, die ich liebe
Aus historischer Sicht müßte die Stadt Königswinter eigentlich schwarz sein, tief schwarz sogar, denn der Namensgeber Altstadt mit Wolkenburg und Drachenfels sowie dem einstmals bäuerlichen Hinterland lttenbach war jahrhundertelang Bestandteil des Erzbistums Köln. Doch außer Heimatvereinen und Geschichtsforschern kümmert sich heutzutage kaum noch jemand darum. Schließlich ist derweil auch viel Wasser durch das Rheinbett geflossen, und was l969 im Zuge der kommunalen Zurechtrückung aus dem ehemaligen Herzogtum Berg zur jetzigen Großgemeinde stieß, drängte das Erbe des erwähnten Erzbistums in die Minderheit. - Was jedoch nicht heißen soll, Schwarz habe vor einer anderen Farbe kapituliert.
Den Namen Königswinter kennt jedes Kind. Von Römlinghoven bis Sassenberg und von Oberscheuren bis Ittenbach ist er auf allen Ortsschildern zu lesen. Dick und schwarz auf gelbem Untergrund: „Stadt Königswinter". Als Untertitel folgt ein wenig ärmlicher der jeweilige Ortsteil, den viele gerne zum Stadtteil erheben möchten - was er im Grunde auch ist. Längst nicht alle Eingeborenen kennen neben den dicken Besiedlungsbrocken auch sämtliche Winkel, Flecken und Ortchen unserer weiträumigen Stadt. Wie verwirrend muß erst die Zusammensetzung für ahnungslose Neubürger sein. Sofern dem Autofahrer der Sprit nicht zu schade ist, kann er relativ leicht das 76,13 qkm große Gebiet durchforschen. Mit dem Drahtesel ist es zwar billiger, aber auch wesentlich mühevoller. Zudem besteht die Gefahr, daß man nicht rechtzeitig zum Mittagessen daheim ist. Da wäre den Nichtbereiften eher der städtische Busrundverkehr zu empfehlen. Eine Streifenkarte zum Preise von 4 Mark läßt dabei bereits die halbe Stadt in ihrer ganzen Schönheit am Busfenster vorüberziehen.
Den Rhein braucht man nicht erst zu entdecken, er drängt sich förmlich auf. Genau wie die Altstadt mit ihrem Dreiviertel-Drachenfels. Zusammen mit den beiden Dollendorf und Römlinghoven kann der bewohnte Rheinstreifen sowieso nicht mehr als vier Orte aufweisen. Daß die Fremdenbetten hier mehr gefragt sind, liegt weniger an der Bettwäsche, dafür um so mehr an der populären Urlaubsgegend! Den Talbereich darf man also ruhig vergessen, irgendwann ist hier jeder schon einmal gewesen. Etwas anders ist es im Bergbereich, vor allem östlich der Autobahn Köln - Frankfurt. Die Autobahn ist übrigens ein markanter Scheidestreifen und wer das Stadtgebiet kennenlernen will, kann sich an ihr leicht orientieren. Sie zerteilt das Gelände von Nord nach Süd oder umgekehrt in ·zwei fast gleiche Hälften.
Vom längsthalbierten Rheinstrom mit den Uferorten umfaßt der westliche Teil zudem noch Vinxel, Stieldorf, Oelinghoven, Rauschendorf, Heisterbacherrott, Thomasberg und lttenbach. Von diesen sieben relativ großen Wohngebieten hat Thomasberg damals die intensivste Verschmelzung erfahren. Nicht weniger als 14 kleine und kleinste Dorfgebilde hat es hier einmal gegeben, deren Name heute nur noch in einigen Straßenbezeichnungen zu finden sind. Nur Bismarck hat · mit seiner Reichsgründung größeres geleistet - würden die Spötter sagen. Ähnlich wie die beiden Dollendorfs im Tal, liegen auch Thomasberg und Heisterbacherrott auf Tuchfühlung miteinander. Doch ihre Entstehung erfolgte aus verschiedenen Richtungen. Der Erstgenannte war der Vorgeschobene von Oberpleis, der andere, der Verdrängte von Heisterbach.
Östlich der Autobahn präsentiert sich die Stadt anders, jedoch nicht weniger reizvoll. Der dicke Fisch ist hier zweifellos das alte Oberpleis; und wer noch nie die prächtigste Kirche von Stadt Königswinter an Ort und Stelle bewundern konnte, hat sicherlich etwas versäumt. Um Oberpleis herum aber beginnt zumindest für viele Talbewohner das Puzzlespiel. Wer weiß da z. B. schon den sogenannten Oberhau, die ehemalige Obergemeinde von Oberpleis richtig einzuordnen? Das Gebiet bildet den südöstlichen Endlappen unserer Stadt. Mittelpunkt und Hauptort ist Eudenbach. Insgesamt 18 Ortsnamen machen den Oberbau aus, von denen die lustigsten Faulenbitze, Kappesbungert, Schnepperoth und Schwirzpohl heißen. Auch der städtische Flugplatz mit 126 ha Ausdehnung ist im Oberbau zu finden. - Da wage nur noch jemand zu sagen, lediglich Rhein und Drachenfels seien der Nabel unserer Stadt.
Historisch braucht sich der Oberhau nicht zu verstecken. Zwar sind Ersterwähnungen einzelner Orte keine Wertmesser, aber wo Dollendorf 966 und die Altstadt erst 1015 ihre Ersttagsstempel vorweisen, wird das kleine Quirrenbach in den Protokollen des Erzbischofs Wilfried von Köln schon 948 erwähnt. Eine Menge bekannter und weniger bekannter Orte liegen im städtischen Bergbereich. Allein 52 soll Oberpleis vor der kommunalen Zusammenlegung betreut haben. Das lang gestreckte Berghausen darf dabei nicht übersehen werden, schließlich beheimatet es unseren Vizebürgermeister.
Nördlich von Oberpleis wird es ein wenig lichter. Viel Land, Wald und Wind zwischen den Ortsteilen, die schon deshalb in ihrer Gemeinschaft zusammenhalten wie Pech und Schwefel. In diesem Raum ist Bockeroth der größte Stadtteil, was jedoch nicht heißen soll, Ober- und Niederscheuren oder Freckwinkel, Uthweiler und Pleiserhohn seien weniger wen erwähnt zu werden. Und was in Rheinnähe damals eine Heisterbacher Talbahn leistete, brachte die Bröhltaler Eisenbahn auf ihrer Nebenstrecke über Uthweiler, Oberpleis bis Rostingen schon lange fertig. 60 Ortsteile weist die Stadtkarte von Königswinter auf. Sie alle kennenzulernen, braucht seine Zeit. Das Siebengebirge hat es diesbezüglich besser, denn auch
Das Siebengebirge hat es diesbezüglich besser, denn auch der bequemste Bürger wandert irgendwann einmal drin herum. Ittenbach, Thomasberg und Heisterbacherrott profitieren davon. Als Randorte sind sie für Rastpausen wie geschaffen. Doch die Großgemeinde bietet auch anderswo Gelegenheit zu wandern, zu rasten und zu staunen. Wer willens ist, kann sich vorher leicht informieren. Nicht nur die Altstadt oder Dollendorf haben Gedrucktes über Vergangenheit und Gegenwart anzubieten. Es gibt Broschüren anläßlich der 800-Jahrfeier von Heisterbacherrott und Vinxel. Ein Oktoberfestheft von Thomasberg und natürlich Schriften über das im Jahre 948 erstmals urkundlich erwähnte Oberpleis. Mehr und mehr werden literarische Lücken geschlossen. Eine Liebeserklärung an Rauschendorf füllt sogar ein 217-seitiges Buch. Auch von Bockeroth findet man Wichtiges und Amüsantes in einem Büchlein.
Oelinghoven wird bald folgen, und schließlich hat der Oberbau neuerdings einen Text- und Bildband vorzuweisen„ der keinen Ort des Gebietes ausläßt. Als damals die neue Stadt entstand, waren wohl die wenigsten Bürger glücklich über das Heimatsüppchen, das man ihnen gekocht hatte. Mußten doch viele vordem selbständige Gemeinden das eigene Planen und Handeln zugunsten der Allgemeinheit aufgeben. Auch heute, nach 12 Jahren, bleibt das Gemeinschaftsgefühl mitunter noch ein wenig im eigenen Vorgarten stecken. Dennoch, mehr und mehr gewöhnt man sich an den Zustand. Vielleicht stehen vorerst die trennenden Felder und Wälder einer innigen Verschmelzung noch im Wege. Es fragt sich jedoch, was schöner und lebenswerter ist: Eine Stadt in der vorhandenen Ausdehnung, in der Haus an Haus steht oder eine romantische Wohnlandschaft, in der jeder Bürger gewissermaßen den Wald vor der Haustür hat? Bleibt nur noch zu hoffen, daß nicht eines Tages eine weitere Neuordnung die Bewohner wieder zum Umdenken zwingt. Ein 1969 ist genug. Schließlich möchte man auf Dauer gerne wissen, wo man zu Hause ist.
Jean Assenmacher (Jodokus)
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