Aufnahme: 1972

Deine Stadt ist meine Stadt

Die meisten Bürger wissen es, die wenigsten sagen es: Nach gut zwei Jahren gehört die menschliche Kontaktarmut zwischen Berg und Tal immer noch zu den größten Problemen von Stadt Königswinter. Wo die Schuld liegt, ist schwer zu sagen, aber niemand sollte sich ganz davon freisprechen. Die Ratsherren sind noch am besten dran, denn sie halten Tuchfühlung und ziehen notgedrungen gemeinsam an einem Strick - wenn es mitunter in verschiedenen Richtungen erfolgt, so geschieht es immerhin noch zum Wohle irgendeines Stadtteils. Die Verbindung von Berg und Tal war keine Liebesheirat und der Gesetzgeber Nordrhein-Westfalen war kein feinfühliger Hochzeitsbitter - eher ein technischer Zeichner, der die Grenzen zog und hinterher betete: „Wachset und mehret euch".

Nun aber haben Rat und Verwaltung das städtische Kind zu schaukeln, wobei es leicht möglich ist, sich am bisher heißesten Eisen die Finger zu verbrennen. -Was meinen Sie, verehrte  Leser, wo das neue Rathaus eines Tages stehen sollte,  oben, unten oder in der Mitte? Die SPD/FDP-Ratsfraktion weiß es bereits, die Regio Planer aus Berlin ebenfalls und ganz sicher wissen es auch schon die „Pleeser"  Bürger.  - Doch  dann hätten wir bald drei von den Dingern herumstehen, aber so viele  Rathäuser  braucht die Stadt erst, wenn Honnef und der Westerwald mit eingemeindet sind. Es gehört heute fast schon etwas Mut dazu, über den eventuellen Standort nur nachzudenken. Reiner Übermut, wenn nicht gar Todesmut, wäre es allerdings, auf  dem Oberpleiser  Kirchplatz zu rufen, das neue Rathaus gehöre nach Alt-Königswinter. Umgekehrt würde vermutlich im Tal der Vater Rhein über das Ufer und darüber hinaus den Schreier irgendwohin treten, wenn er fordern sollte, das Rathaus dürfe nur in Oberp!eis gebaut werden. Du lieber Himmel  - 20 Millionen sind schließlich eine Überlegung  wert.

Wenn die errechnete Zukunfsbesiedelung tatsächlich zu zwei Drittel „auf dem Berge liegen sollte, dann hätte Oberpleis recht - und wenn die Stadt Bonn eines Taqes den Rheinstreifen abgrasen würde, hätte Alt-Königswinter recht. Sollte aber mit der Zeit Stadt Königswinter wirklich ein Herz und eine Seele werden, dann hätten Thomasberg und  Heisterbacherrott recht, aber das wäre vielleicht den anderen wieder nicht recht. Gottlob liegt vorerst noch alles auf Eis. - Wollen wir also hoffen, daß der Kühlschrank  noch eine Weile hält, damit wenigstens die Hoffnungen nicht schmelzen. Und wo möchtest du das neue Rathaus sehen, Amanda ?", fragte ich meinen häuslichen Ratgeber. „Auf dem Petersberg", sagte sie, ohne nachzudenken. „Dann wäre es oben und doch unten. - Außerdem hätte die Verwaltung endlich mal eine reelle Chance, ihre Unterkunft am Rosenmontag erfolgreich zu verteidigen." . Der Petersberg kommt nicht in Frage, sagte ich energisch. „Und warum nicht?", fragte mein Engel erstaunt. „Weil sich dann Alt-Königswinter nicht dagegen wehren könnte, von den Ratshausbesuchern täglich von oben herab angesehen zu werden."

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 16 vom 14.04.1972; Text: Jean (Jodokus) Assenmacher, Heimatdichter
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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Kommunales Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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