Aufnahme: 1971

Wilhelm Scheffen sprach mit dem 1. Beigeordneten der Stadt Königswinter: Erich Lichtenberg

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Lichtenberg, Sie wurden in der ersten Sitzung des Stadtrates nach der Sommerpause offiziell in Ihr neues Amt als Erster Beigeordneter der Stadt Königswinter eingeführt. Zu Ihrem neuen Amt zuerst einmal herzliche Glückwünsche der Siebengebirgs-Zeitung. Wo werden Sie Ihr Amt ausüben - in Alt-Königswinter oder in Oberpleis?

Lichtenberg:
Teils - teils, da das Schulamt sich in Oberpleis, das Sozial- und das Ordnungsamt sich jedoch in Alt-Königswinter befinden.

Siebengebirgs-Zeitung:
Wie stehen Sie denn zu der heute dezentralisierten Verwaltung? Glauben Sie, daß es gut ist, eine halbe Verwaltung in Oberpleis und eine halbe in Alt-Königswinter zu haben?

Lichtenberg:
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. So wünschenswert für manchen eine zentrale Verwaltung  sein mag, so sollte man doch nicht verges­sen, daß die Bevölkerung eine möglichst ortsnahe Verwaltung sehen möchte, damit ihr weite Wege zu den einzelnen Verwaltungsstellen erspart bleiben.

Siebengebirgs-Zeitung:
Ihr neues Amt - Sie sind auch erster Stellvertreter des Stadtdirektors -verdanken Sie zu einem  nicht uner­heblichen Teil Ihrer kommunalpolitischen Arbeit als CDU-Gemeindevertreter. Wird es Ihnen nicht schwerfal­len, in Zukunft an der Verwaltungs­spitze eine neutrale Haltung einzunehmen?   

Lichtenberg:
Ich habe die feste Zuversicht, daß es mir nicht schwerfallen wird, neutral zu bleiben. Als Mitglied der Verwaltung bin ich der gesamten Ratsvertretung verantwortlich.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Lichtenberg, Sie haben sich im Rat der früheren Gemeinde Oberpleis Ihre kommunalpolitischen Sporen verdient. Die Bürger der Stadt Königswinter dürfen froh sein, einen Mann wie Sie in der Verwaltungsspitze zu haben, der mit allen kommunalpolitischen Problemen bestens vertraut ist. Dürfen die Oberpleiser von ihrem ehemaligen Gemeindevertreter erwarten, daß er sich für ihre Belange besonders einsetzt?

Lichtenberg:
Ich kann diesen Part in der Verwaltung nicht spielen. Selbstverständlich werde ich mich der Oberpleiser Dinge annehmen, und natürlich kann ich dazu wohl auch etwas mehr sagen, weil ich dort die Hintergründe oft besser kenne. Das war schließlich auch ein Vorteil, den ich gegenüber anderen Bewerbern hatte. Ich bin aber nicht Lobby für einen bestimmten Stadtteil. Im Übrigen ist für alle Entscheidungen auch der Stadtrat verantwortlich, der sich aus Vertretern aller Stadtteile zusammensetzt.

Siebengebirgs-Zeitung:
Was wird Ihre neue  Aufgabe sein, welche Ressorts unterstehen Ihnen und welche Vorstellungen haben Sie zu diesem  Zeitpunkt über Ihre zukünftige Arbeit?

Lichtenberg:
Mir unterstehen das Schul-, das Sozial- und das Ordnungsamt. Vor allem die wichtigen Schulprobleme kenne ich ja schon von meiner kommunalpolitischen Tätigkeit her. Bei der Schulentwicklungsplanung ist es vor allem notwendig, das dringend Erforderliche mit den realen Möglichkeiten in Einklang zu bringen und ohne zuviel Schwierigkeiten für Schule und Schüler vernünftige Reformen durchzuführen, soweit sie annehmbar sind. Im Bereich ist es vor allem die Sorge, die alten Leute der Stadt, um die man sich im ganzen Stadtgebiet umfassend kümmern muß. Ich denke da an weitere Einrichtungen wie „Haus der offnen Tür" in allen größeren Ortsteilen im gesamten Stadtgebiet. Auch Bereich Kindergärten ist noch manches zu tun. Das überschneidet sich zum Teil auch wieder mit dem Schulbereich.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Lichtenberg, vor der kommunalen Neugliederung wollten Berg- und Talgemeinden getrennt bleiben. Glauben Sie, daß sich die beiden „Hälften" nach zwei Jahren nunmehr zusammen gefunden haben und eine kommunale Einheit bilden, oder ist noch einiges zu tun, bis eine solche verwirklicht ist?

Lichtenberg:
Ich meine, Herr Scheffen, das sich nach zwei Jahren das Verständnis füreinander angebahnt hat. Man hat sich inzwischen besser kennengelernt. Viel guter Wille ist vorhanden, und zu hoffen, daß dies alles nicht gestört wird. Jeder Bürger dieser Stadt - habe ich schon früher gesagt - sollte sich jedoch bei seinen Wünschen beschränkt fühlen durch die berechtigten Wünsche der anderen Bürger.

Siebengebirgs-Zeitung:
Zahlreiche Probleme kamen auf die neue Stadt zu. Welches ist Ihrer Ansieht nach dasjenige, das am dringendsten auf eine Lösung wartet?

Lichtenberg:
Das dringlichste Problem ist de einer Kläranlage im Rheintal.  Das ist
ganz klar. Es ist nicht mehr vertretbar, daß die Abwässer ungeklärt in den Rhein fließen. Danach folgt aber sofort der Bau des Schulzentrums Oberpleis und die Abrundung des Schulzentrums Alt-Königswinter. Schulbauten sind wichtig für die Bevölkerungsentwicklung. Gute Schulen dürfen in einer Stadt dieser Größenordnung einfach nicht fehlen.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr  Lichtenberg, Sie wurden vor der Sommerpause in einer Kampfabstimmung des Stadtrates mit 19 „ Ja-" gegen 16 „ Nein" -Stimmen zum Ersten Beigeordneten gewählt. Sind Sie mit diesem Ergebnis zufrieden oder hätten Sie sich mehr „Ja"-Stimmen gewünscht? Von der SPD-Fraktion wurden damals auch Zweifel an Ihrer beruflichen Qualifikation angemeldet. Müssen Sie keine Sorge davor haben, daß die Ihrer Wahl vorausgegangenen Unstimmigkeiten innerhalb des Stadtrates Ihre Arbeit schon im voraus belasten könnten?

Lichtenberg:
Selbstverständlich hätte ich gerne ein besseres Stimmenverhältnis gesehen. Aber es war eine demokratische Entscheidung, die man, so glaube ich, akzeptieren kann. Dreieinhalb Monate nach der Wahl stellen sich die Dinge so dar, daß ich zuversichtlich glauben kann, daß keine Belastung mehr gegeben ist. Was die Frage nach der Qualifikation betrifft, ich bin immerhin 21 Jahre  lang in der Verwaltung tätig. Im Übrigen, Herr Scheffen, ist es mein vornehmstes Bestreben, auch den Ratsvertretern, die mir ihre Stimme damals nicht geben konnten, durch meine  Arbeit zu beweisen, daß ich in der Lage bin, dieses Amt seinen Erfordernissen entsprechend auszuüben.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Lichtenberg, Ihr neues Amt bringt große Verantwortung und sehr viel Arbeit mit sich. Glauben Sie, daß Ihnen noch genügend Zeit für Ihre Familie und für Ihre Hobbys bleibt?

Lichtenberg:
Da bin ich selbst mal gespannt! Mein Beruf und die Kommunalpolitik haben mir schon früher wenig Zeit für Familie und Hobbys gelassen. Ich schwimme gerne, genau wie meine Frau. Einmal in der Woche fahren wir mit den Kindern ins Hallenbad nach   Hennef. Ich wünsche mir, daß wir bald in Oberpleis ein Hallenbad haben, in das wir gehen können. Im übrigen fahre ich, ebenfalls mit der ganzen Familie, einmal im Jahr, meist  im März, April, in den Ski-Urlaub.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Lichtenberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen in Ihrem neuen Amt viel Erfolg.
                                   

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Erich Lichtenberg, Erster  Beigeordneter der Stadt  Königswinter, wurde am 15. November 1929 in Oberpleis geboren. Er besuchte die Volksschule und danach das humanistische Gymnasium in Siegburg, wo er 1950 sein Abitur ablegte. Anschließend trat er einen dreijährigen Vorbereitungsdienst bei der Finanzverwaltung in Siegburg an. Er legte die Inspektorenprüfung ab und war dann als Steuerinspektor tätig. 1959 ging er in den Betriebsprüfungsdienst, wo er bis zum September dieses Jahres tätig war. Erich Lichtenberg  ist seit 1961 Mitglied der Christlich-Demokratischen Union.

Bei den Kommunalwahlen im März 1961 wurde er in den Oberpleiser Gemeinderat gewählt. In Oberpleis Unterdorf erreichte er in direkter Wahl das beste Ergebnis. 1964 wurde er  im gleichen Wahlkreis wieder mit dem besten Stimmenergebnis wiedergewählt. Im Mai 1969 wurde er als Nachfolger des zurückgetretenen Anton Weber Gemeinde- und Amtsbürgermeister. Nach der kommunalen Neugliederung war er dann bis zur Wahl  des  neuen Bürgermeisters Ratsbeauftragter der neuen Stadt Königswinter. Im neuen Stadtrat war Lichtenberg dann Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion. Nach seiner Wahl zum Ersten Beigeordneten mußte er seine kommunalpolitischen Ämter niederlegen.

Erich Lichtenberg, der verheiratet ist und vier Kinder hat, ist den Oberpleisern nicht zuletzt als „Karnevalsjeck" bekannt. In den Jahren von 1950 bis 1969 mimte er zusammen mit drei anderen Karnevalisten die auch heute noch unvergessenen „Vier Botze". Fast zwanzig Jahre lang erfreuten diese die Oberpleiser Narren mit ihren Vorträgen und Späßen.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 42 vom 15.10.1971; Fotograf unbekannt; Text: Wilhelm Scheffen
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