„Keine einsamen Beschlüsse" - Interview mit Bürgermeister Erich Lichtenberg
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Aufnahme: 1969

„Keine einsamen Beschlüsse" - Interview mit Bürgermeister Erich Lichtenberg

Siebengebirgs-Zeitung: Herr Lichtenberg, man kann Sie wohl mit Recht einen kommunalpolitischen „Senkrechtstarter" nennen. Erst vor wenigen Monaten wurden Sie mit großer Mehrheit zum Bürgermeister der Gemeinde und des Amtes Oberpleis gewählt.  Nunmehr hat Sie der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen zum vorläufigen Repräsentanten einer über 30 000 Einwohner zählenden Stadt ernannt. Wie ist der  Aufgabenbereich Ihres Amtes als kommissarischer Bürgermeister umrissen?

Lichtenberg:  „Senkrechtstarter" ist ein Ausdruck, den ich nicht so gerne höre. Es hat schon viele Leute gegeben, die senkrecht gestartet sind, die dafür aber etwas schneller wieder heruntergekommen sind. Mein neuer Aufgabenbereich scheint mir dahingehend abzugrenzen zu sein, daß der Kommissar zunächst für die Zeit vom 1. August bis zum 9. November, in der es keine Gemeindevertretungen gibt, die Aufgaben des Rates und des Bürgermeisters der neuen Stadt Königswinter wahrzunehmen hat. Ich persönlich sehe meine Aufgabe darin, die Überwachung der oft sehr weitgehenden und ebenso zahlreichen Beschlüsse der alten Räte zunächst ordnungsgemäß durchzuführen und darüber hinaus, sofern der Rat eine Kontrollfunktion gegenüber der Verwaltung wahrzunehmen  hat, diese Pflicht auch zu erfüllen.

Siebengebirgs-Zeitung: Herr Bürgermeister, das Raumordnungsgesetz schreibt nicht vor, sondern empfiehlt lediglich Beiräte zu bilden, die die beiden Kommissare in ihrer Arbeit unterstützen sollen. Werden Sie·einen solchen  Beirat  hinzuziehen?

Lichtenberg: In der Bestellungsurkunde heißt es, daß zu der Frage, inwieweit die örtlichen Repräsentanten der politischen Parteien beratend hinzugezogen werden sollten, noch ein besonderer Erlaß ergeht. Es ist zwar hier schon ausdrücklich gesagt, daß es eine Kann-Bestimmung ist; ich werde aber von dieser  Möglichkeit in Kürze Gebrauch machen. Ich halte es nämlich für schlecht, in Dingen, die man vielleicht sachlich nicht ganz übersieht, einsame Beschlüsse zu fassen. Im Zusammenwirken mit orts- und sachkundigen Bürgern werden wir sicherlich bessere Entscheidungen treffen können.

Siebengebirgs-Zeitung: Haben Sie selbst schon Vorstellungen für die Zusammensetzung des Beirates entwickelt?

Lichtenberg: Ja, wie gesagt, wird der Beirat in den nächsten Tagen benannt. Ich werde dabei auf jeden Fall für eine angemessene Repräsentation der einzelnen politischen Parteien in diesem Gremium Sorge tragen. Dies ist sogar ein Gebot der Fairneß.

Siebengebirgs-Zeitung: Bekanntlich ist von den Kommunalpolitikern in den einzelnen Teilen der neuen Siebengebirgsstadt Königswinter der Landtagsbeschluß vom 13. Mai recht unterschiedlich kommentiert worden. Wie gedenken Sie die noch bestehenden Vorurteile und Gegensätze zu überbrücken und abzubauen?

Lichtenberg: Ja, das  ist wohl die größte Schwierigkeit, die vor uns liegt. Wenn ich einmal daran erinnern darf, daß wir uns bisher oft gegenseitig scharf unter Beschuß genommen haben, so muß ich sagen, daß wir uns in einer etwas kuriosen Lage befinden. Sicherlich wird es manchem noch schwerfallen, jetzt „umzuschalten" und sich auf das zu besinnen, was uns alle letztlich verbindet. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, den Bürgern das Gefühl  zu geben, daß sie in diese neue Stadtgemeinde hineingehören und sich hier zu Hause fühlen können.

Siebengebirgs-Zeitung: Welche besonderen Aufgaben und Zielsetzungen haben Sie persönlich für Ihre Amtszeit bis zum 9. November ins Auge gefaßt?

Lichtenberg: Wie ich eingangs schon erwähnte, hat der Kommissar die Aufgaben des Rates und des Bürgermeisters bis zur ersten Sitzung des neuen Stadtrates wahrzunehmen. Über die normalen Kontrollfunktionen eines Rates hinaus bin ich natürlich sehr daran interessiert, daß mit dem kommissarischen Verwaltungschef eine fruchtbare Zusammenarbeit zustande kommt. Was die Aufgaben des Bürgermeisters anbelangt, so wissen Sie, daß ich in diesem Geschäft noch sehr jung bin. Vielleicht übersehe ich zur Zeit noch nicht, was jetzt alles an Repräsentationsaufgaben auf mich zukommt. Ich werde mir jedoch Mühe geben, auch dieser Aufgabe  gerecht zu werden.

Siebengebirgs-Zeitung: Herr Bürgermeister, eine letzte Frage: Werden Sie im Herbst für den Stadtrat kandidieren?

Lichtenberg: Ja, das ist meine feste Absicht!

Siebengebirgs-Zeitung: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch, Herr Bürgermeister.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 33 vom 16.08.1969; Foto und Bericht: R.
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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