Aufnahme: 1987 (Bericht)

1923 - Die Separatisten kommen

Die Ereignisse von damals aus der Sicht der „Oberhauer"
Zusammengestellt von Karl-Hermann Uhlenbroch

1. Teil
Gestützt auf Augenzeugenberichte soll in dieser mehrteiligen Abhandlung versucht werden, die Separatistenschlacht im Siebengebirge und ihre Vorgeschichte aus der Sicht der Beteiligten aus dem Eudenbacher - „Oberhauer " - Raum zu schildern. Die Autoren dieses Berichtes kamen nach sorgfältiger Prüfung der vorhandenen Literatur zu der Feststellung, daß die Hühnerberger, Quirrenbacher und Eudenbacher in diesen Schilderungen eine etwas stiefmütterliche Behandlung erfuhren. Was die Menschen hierzulande vor 64 und mehr Jahren bewegt hat, läßt sich von der Jugend heute nur erahnen. Ereignisschilderungen der Vergangenheit sollten vom interessierten Leser unserer Zeit immer mit einer Portion Skepsis betrachtet werden. Ausschlaggebend für die Darstellung waren zu jenen Zeiten in erster Linie die Weltanschauung - sprich Gesinnung -, die soziale Stellung, die politische Richtung der Autoren und nicht zuletzt die Einstellung des Verlegers. Erlebte man doch im laufe dieses Jahrhunderts das Kaiserreich, die Republik, die Diktatur und die Demokratie mit allen Auswirkungen am eigenen Leibe. Da Erziehung, Umgang, Um­welt und Zeit bekanntlich den Menschen formen, ist es geradezu natürlich, daß nur eine kleine Minderheit vom aktuellen Trend abweicht.

Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Nachhineinkritiker immer bedeutend groß. Im Folgenden soll versucht werden, anhand von einigen Daten vor allem die jüngeren Leser in die damalige Situation einzuführen. 11. November 1918: Waffenstillstand, u.a. wurde hierin die Räumung der linken Rheinseite innerhalb von 30 Tagen gefordert. 6. Dezember. 1918: Die Engländer besetzen Köln.  23. Dezember 1918: Der „Spartakus" besetzt in Berlin die Reichskanzlei. Die Auswirkungen des verlorenen Krieges 1914/18 begannen sich mit ihren verheerenden Folgen bemerkbar zu machen. Die unerfüllbaren Reparationsforderungen der Alliierten - 226 Milliarden Goldmark -,Geldentwertung, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Not, Hunger, Plünderungen und Verhaftungen hatten die Menschen in unserem Lande in einen Zustand der ausweglosen Hoffnungslosigkeit versetzt.

Die Ausrufung der Rheinischen Republik Mitte 1919 durch Rechtsanwalt Dr. Dorten in Wiesbaden bedeutete den Beginn des Separatistentums im rheinischen Raum. Im September fand die erste Versammlung der Deutschen Arbeiterpartei, der späteren NSDAP, in München statt. Wegen Kohlenmangels lagen im Oktober alle Elektrizitätswerke still. Im Dezember 1920 gab es die Viehabgabenvereinbarung mit der Reparationskommission. Danach mußte Deutschland 1,7 Mio. Stck. Geflügel, 30000 Pferde, 120000 Schafe, 60000 Rinder, 30000 Kühe, 15000 Schweine und 25000 Ziegen in kürzester Frist abliefern. Aus dem Spartakusbund heraus erfolgte im Dezember 1918 die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KDP).

An allen Ecken des Deutschen Reiches gärte und brodelte es und die Menschen wurden durch Unruhen, Streiks und Aufruhr erschüttert. Dem Tod von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht war Anfang 1919 die Gründung der Deutschen Arbeiterpartei vorausgegangen. Die Nachrichtenübermittlung im Oberhau wird damals, an den heutigen Verhältnissen gemessen, äußerst spärlich gewesen sein. Das Radio war noch nicht erfunden und der Bezug der täglichen Zeitung für den Normalsterblichen unerschwinglich. Ferner ist anzunehmen, daß auch die schwere körperliche Arbeit recht wenig Zeit ließ für Dinge, die man heute als Freizeitangebot bezeichnen würde. Hierzu ein zeitgenössisches Gedicht von Konrad Brassel, Rottbitze:

Fünf Jahre in Knechtschaft,
fünf Jahre in Schmach,
fünf Jahre Deutschland am Boden lag.
Fremde Soldaten befehlen am Rhein,
wann werden es _wieder Deutsche sein?
Vier Jahre war't ihr Kameraden der Front,
könnt ihr nicht heut, was ihr damals gekonnt?
Fremde Soldaten - es wär zu ertragen -,
doch nicht, daß sich Deutsche mit Deutschen schlagen.
Tod euch Verrätern in fremdem Sold,
die ihr Zwietracht im deutschen Volke nur wollt.
Ihr habt nie den Kampf um die Scholle gekannt,
nie war euch Heimat das deutsche Land.
Ihr wußtet nie, daß Blut und Ehre
stärker wiegen als Goldesschwere.
Wir wußten um Deutschland, wir kannten die Not,
die wir mühsam kämpften um's tägliche Brot.
Wir schufen für Deutschland die Hände uns wund,
der Besitz unserer Scholle erhielt uns gesund.
Leere Versprechen trieben euch her -
wir wollten die Heimat, wir kämpften um mehr.
Artfremde Gauner konnten euch locken -
wir folgten dem Wehruf der Heimatglocken.

Zu bezweifeln ist allerdings, ob der Durchschnittsbürger in Anbetracht der Lage literarischen Ereignissen ein besonderes Interesse abgewinnen konnte. - Im August 1921 wird von der gerade im Amt befindlichen deutschen Regierung eine Notverordnung zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit erlassen. Die Teuerung beginnt. So kostet ein Pfund Butter im Januar 1922 1922,45 M und 1 Ei 4,60 M, und die Bevölkerung der Städte geht zu sogenannten Hamsterkäufen aufs Land.

Da Deutschland alle zehn Tage 31 Mio. Goldmark in Devisen bezahlen muß, ist abzusehen, wann die deutsche Währung ruiniert ist. Dies alles traf die Bewohner des Oberhau nur bedingt, denn aufgrund der vorhandenen Struktur war der überwiegende Teil ja „Selbstversor­ger". Sicherlich läßt sich die seinerzeitige Auslegung des Wortes, bzw. Begriffes „Freiheit" nicht annähernd mit unserer heutigen Vorstellung vergleichen, doch Tatsache war, daß die Versorgung der einzelnen Haushalte mit elektrischem Strom im Oberhau als ein weltbewegendes Zeichen des Fortschritts aufgenommen wurde. Man liest die kurze Notiz in einem Geschichtsbuch der 30er Jahre: „Separatistenschlacht im Siebengebirge. Die separatistische Fliegende Division Nord will von Linz und Honnef aus das Siebengebirge requirieren.

Da läuten die Glocken Sturm. Am Aegidienberg reiben die dort ansässigen Bauern die Sonderbündler völlig auf." Hinter diesen kurzen Worten verbarg sich für die Menschen im hiesigen Raum eine harte Zeit, die ein vollkommen verändertes Verhalten erforderte. Viele altgediente Teilnehmer des 1. Weltkrieges, die an der Front oder in der Etappe treu ihre Pflicht getan hatten, sahen sich plötzlich in eine ganz neue Situation gedrängt. War im Kriege nur die Verteidigung der Heimat allgemein der Grundgedanke des soldatischen Pflichtbewußtseins gewesen, so mußte hier eigenes Hab und Gut, die eigene Familie beschützt und verteidigt werden. War bisher Befehlsannahme und Ausführung oberstes Gebot, so mußt jetzt in Selbstverantwortung gehandelt werden. In der großen Politik zeichneten sich die ersten spärlichen Anzeichen einer halbwegs vernünftigen Denkens­ weise ab.

Von den Alliierten waren die Engländer die ersten, die fünf Jahre nach dem Waffenstillstand einzusehen begannen, daß mit der Ausbeutung und Spaltung Deutschlands  niemandem in der Welt gedient sein konnte. Aus heutiger Sicht betrachtet scheint es gar nicht so abwegig, dieses als Beginn des „Europagedankens" zu betrachten. Unsere französischen Nachbarn waren leider noch nicht so weit. Für sie waren Erniedrigung und Wiedergutmachung das Gebot der Stunde. Von Theodor Hombeuel aus Quirrenbach war zu erfah­ren, daß man zum Einkaufen selbst den weiten Weg bis nach Eitorf nicht scheute, um einigermaßen günstig in den Besitz von Verbrauchsgütern aller Art zu gelangen.

 An der Kasse der Reichsbank wird mit Waschkörben voll Papiergeld bezahlt.

Durch die eigene Geldherstellung fast aller Städte und Großfirmen schlug der Geldwert Purzelbäume. Je­ der spürte es vor der Haustür. So gab es im hiesigen Raum beispielsweise den Basalt- und den Quarzittarif . Eitorf deshalb, weil es außerhalb der französisch besetzten Zone lag und dort die Tarife etwas günstiger waren. Soweit die Vorgeschichte zu einer Zeit, die für unser heimatliches Gebiet von enorm existenzieller Bedeutung war. Die gesamte Weltpresse griff im Nachhinein die Ereignisse im Siebengebirge auf und wertete sie als einen Akt der Selbstverteidigung, der im Endeffekt gewinnbringend für den gesamten rheinischen Raum zu gelten hat. Waren entlang der rechten Rheinseite die Separatisten als ein zusammengewürfelter Haufen lichtscheue; Elemente, Abenteurer und Erlebnishungri­ger, an deren Spitze gewissenlose Intriganten Banditenparolen ausgaben und die bis zum 18. November 1923 den ganzen Siegkreis in ihre Gewalt bekommen wollten. Auf der anderen Seite eine überwiegend ländliche und bodenständige Bevölkerung, die sich diesen Plünderern und Wegelagerern ausgesetzt sah. So gab es denn auch für die Männer des Oberhau kein Zögern und Fackeln, um zur Unterstützung der Aegidienberger Nachbarn anzutreten.    Fortsetzung folgt

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 48 vom 026.11.1987; Fotograf unbekannt; zusammengestellt von Karl-Hermann Uhlenbroch
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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