Aufnahme: 1987 (Bericht)

1923 - Die Separatisten kommen

Die Ereignisse von damals aus der Sicht der „Oberhauer"
Zusammengestellt von Karl-Hermann Uhlenbroch

2.Teil
Der damalige Betriebsleiter am Hühnerberger Steinbruch, Toni Dornbusch, erfuhr über den Umweg Oberpleis von den sich anbahnenden Ereignissen im Nachbarort Aegidienberg. Der Amtsbürgermeister von Oberpleis, Comp, hatte im hiesigen Steinbruchbetrieb angerufen und um Sammlung aller wehrfähigen Männer gebeten. Auf seinen Befehl läutete man in allen umliegenden Pfarrkirchen „Sturm". Inder Oberpleiser Pfarrkirche St. Pankratius geschah dies derart, daß die aus dem 13. Jahrhundert stammende Glocke, von einem Hammer geschlagen, zersprang. Diese Glocke war die einzige in dem Gotteshaus, die im 1. Weltkrieg nicht als „Kano­nenfutter" eingeschmolzen wurde. Die tiefsinnige Inschrift auf der Glocke lautet in der Übersetzung: „Ich wenigstens gehöre den Dörflern und nicht den Mönchen. Man soll mich läuten zum Sturme! 0 König der Herrlichkeit, komm mit dem Frieden". Dem Trupp der Männer vom Steinbruch am Hühnerberg schlossen sich beim Marsch in Richtung Aegidienberg zahlreiche Freiwillige an. Gemeinsam mit den Wehrfähigen aus Quirrenbach trafen sie in Kochenbach auf eine Gruppe aus dem Eudenbacher Raum und von hier aus marschierte man über „et Willsched" hoch nach Efferoth und weiter nach Hövel. Dinge zur Selbstverteidigung wie Holzknüppel, Schaufeln und Dreschflegel wurden von den meisten mitgeführt. Einzelne hatten auch Gewehre und Pistolen. Woher diese kamen und wo sie bisher versteckt waren? Wer fragte danach - auch wenn das Militärgesetz der Alliierten den Besitz von Schußwaffen aller Art unter Androhung schwerster Strafen verbot.

Gegen Abend kamen die Männer in Hövel an. Unwissend der Tatsache, daß die Aegidienberger Selbstschutztruppen ihr Hauptaugenmerk auf die Ortschaften Himberg, Rottbitze und Aegidienberg selbst gerichtet hatten. Nach Lage der Dinge waren diese Ortsteile auch stärker gefährdet, da sie im erwarteten Aufmarschgebiet der, von Linz und Honnef vorstoßenden Separatisten lagen. Es ist auch sicher mehr als eine Vermutung, daß die angreifenden Freischärler das Kirchdorf Aegidienberg umgehen wollten und so querfeldein vordringend zwischen den dan als noch vereinzelt stehenden Gehöften von Hövel auftauchten. Doch soweit war es noch nicht. Die Gruppe aus dem Oberhau zog durch Aegidienberg nach Himberg, wo in der Dunkelheit in Höhe der Straße vom Schmelztal hinter Bäumen und in Straßengräben Stellung bezogen wurde. Unter ihnen der 18-jährige Peter Staffel, der kräftige Schmied aus Hühnerberg, ein hervorragender Turner und Sportler, der von allen Sportfesten Siegerpokale und Lorbeerkränze mitbrachte. Er war es, der mit der Unbekümmertheit der Jugend, vertrauend auf seine körperliche Stärke, jedoch mit dem Bewußtsein des Gebotes der Stunde, unerschrocken die Deckung verließ. Peter Staffel, der keine Schußwaffe besaß, pirschte sich auf die Straße, als zwei Personenkraftwagen, besetzt mit Separatisten, aus Richtung Honnef kommend einen Vorstoß auf Aegidienberg unternehmen wollten. Mit den Worten: „Halt, was wollt ihr?" sprang er auf das Trittbrett des einen Wagens, um im selben Moment von der Gewehrkugel des Rädelsführers Freitag getroffen sein junges Leben lassen mußte. Seine heldenmütige Tat versuchte der damalige Lehrer Jakob Maurer aus Brüngsberg in die zu Herzen gehenden Worte zu fassen:

„Rheinland, wer will an deine Ehr?"
So rief Schmied Staffel vom Hühnerberg her.
Vor Gefahren hat es ihm nie gegraust;
stahlhart und hörnern sind Brust ihm und Faust!
Wir hassen dich Feind und springen dich an;
kerndeutsch sind wir alle, Mann für Mann!
Die Nacht war dunkel, der Wind blies kalt.
Da kam der Feind und Freund Staffel rief: „ Haiti"
Und „ Fort mein Gewehr! Hier Faust und Brust!
So will ich sie dreschen, so macht es mir Lust!"
Bleich trat der Mond hervor, der Wind wart stumm.
Es kracht aus Gewehren, der Feind wandte um.
Im feigen Fliehen fiel noch ein Schuß.
Der war für Staffel aus Walhall ein Gruß!
Freund Staffel, Held Staffel, wir weinten um dich
und schwuren laut: „Wir rächen dich!"
Und als der Feind war abgefahren,
wir mußten unsern Freund aufbahren,
und als der Mond hinter Wolken wich,
wir beteten, Held Staffel, für dich.

Obwohl der Oberhauer Trupp (ca. 25 Mann), dem Peter Staffel angehörte, sofort von der Waffe Gebrauch machte, gelang den Separatisten im Schutze der Dunkelheit und unter Zurücklassung des in Honnef requirierten PKW's die Flucht in Richtung Schmelztal. Eine Verfolgung der Flüchtigen konnte nicht aufgenommen werden, da diese in einen weiter unterhalb bereitstehenden LKW eingestiegen waren. Gleich danach suchten die Kameraden mit Lampen den Tatort ab und fanden den tödlich getroffenen Peter Staffel am Straßenrand liegend. Das nachfolgende Geschehen wird anhand von Angaben von Frau Anny Arnold, der damals neunjährigen Schwester des gefallenen Peter Staffel, wiedergegeben. An dem betreffenden Tage kam der Nachbarjunge Bernhard Pinnen, der dem Trupp der Hühnerberger Steinbrucharbeiter angehörte, zur Mutter von Peter Staffel.

Er verschwieg bewußt den Tod seines Freundes, sagte, es sei etwas passiert und äußerte die Bitte: „Tant Stien, du moß es met nom Jeljemberch konn!" In schrecklicher Ahnung zog diese ihren Mantel über und nahm den Weg eigentümlicherweise über den sogenannten „Schellembrooch", die Straße, die von Nonnenberg nach Aegidienberg führt. Weiter erinnert sich Frau Arnold, ihre Mutter hätte später erzählt, daß ihr auf dem Weg zahlreiche Bekannte begegnet wären, die ihr gesagt hätten: „Stien, et eß schrecklech, jank heem!" Aber um so mehr muß bei ihr die Befürchtung über das Schicksal ihres Jungen gewachsen sein, so daß sie das letzte Stück vor Himberg fast nur im Laufschritt zurückgelegt hätte. Dort angekommen, fand sie ihren tödlich verletzten Sohn, notdürftig verbunden, in einem Schuppen des Kaufhauses Weintz. Es ist fast unmöglich die ergreifenden Szenen zu beschreiben, die sich dann abspielten, und wahrscheinlich können sie nur von einer liebenden Mutter, die in einer ähnlichen Situation gestanden hat, mitempfunden werden. Alle Zeichen der Anteilnahme, die ihr seitens der Freunde des Gefallenen entgegengebracht wurden, werden ihr wenig Trost gespendet haben, und auch die spätere Verurteilung des Mörders Freitag konnte ihr den Sohn nicht wiedergeben. Später erzählte sie, sie sähe immer noch den Schnürriemen, womit man das Hemd ihres toten Jungen am Halse zugebunden hatte.

Frau Arnold selbst erinnert sich noch des Tages bzw. der Nacht, als man ihren Bruder heimbrachte. Wörtlich sagte sie: „Ich sehe noch den Pferdewagen mit der Totenlade aus Richtung Quirrenbach kommen. Es war ein schauerlicher Anblick, dem der Mondschein noch einen zusätzlichen Rahmen gab." Sie hörte ihre Mutter noch sagen: „Do konn se met emm." Weiter sähe sie das Bild noch vor sich, als man den Toten in der Stube aufbahrte, in einer Lade, die viel zu klein gewesen sei. Ihr Bruder hätte mit ganz verbundenem Kopf dagelegen und ihre Mutter hätte sie und ihre Geschwister ins Bett geschickt. Als am anderen Tag Herr Doktor Frings aus Oberpleis zur Ausstellung des Totenscheins in Hühnerberg gewesen wäre und die Eltern mit der Feststellung trösten wollte, sie hätten ja noch mehr Kinder, hätte ihre Mutter geantwortet: „Sein Platz bleibt leer." Später, so erinnert sich Frau Arnold, geb. Staffel, wäre dann der damalige Eudenbacher Lehrer Axer öfter bei ihren Eltern in Hühnerberg gewesen und hätte sich wiederholt in schriftlicher Form an die Behörden gewandt, um eine finanzielle Hilfe für die Familie zu beantragen. Das letzte Amtsschreiben hätte die lapidare Feststellung enthalten, daß der Staat nicht verpflichtet sei für die Eltern des Gefallenen zu sorgen.

Eine mehr als dürftige Aussage für Vater und Mutter eines Sohnes, der als erster den Heldenmut besaß, den separatistischen Landesverrätern entgegenzutreten und mit seiner Tat den vielleicht größten Beitrag zur Verhinderung einer Teilung des Deutschen Reiches schon 1923 vereitelte. Ebenso beschämend sind die seitenlangen Berichte und Zeitungsartikel, die sich in detaillierten Nebensächlichkeiten ausließen und dann so nebenbei erwähnten, daß der 18-jährige Peter Staffel als erstes Opfer des Separatistenkampfes gefallen sei. Nach der Beisetzung auf dem Eudenbacher Friedhof vergingen noch über zehn Jahre, ehe man sich des Helden Peter Staffel erinnerte und ein Lager des Reichsarbeitsdienstes in Rottbitze nach ihm benannte. Im Jahre 1938 wurde eine Jugendherberge in Asbach mit seinem Namen versehen. Im Oberhau wartet man, trotz mehrerer Empfehlungen, immer noch auf die Namensgebung einer Peter-Staffel-Straße. Fortsetzung folgt
 

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 49 vom 03.12.1987; Fotograf unbekannt; zusammengestellt von Karl-Hermann Uhlenbroch
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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