Aufnahme: 1969

Die Heilige Nacht am Plattensee

Den ganzen Tag über bis zum Abend hin hatte der Russe, der  uns gegenüber am Plattensee Stellung bezogen hatte, auf Schallplatten Wiener Walzer und Lili-Marlen gedudelt. Durch Lautsprecher rief er:  „Kommt rüber! Hier kriegt ihr Wurst und Speck und Zigaretten!" Es war seine Taktik, uns mürbe zu machen. Wir, in unseren Erdbunkern, in nächster Nähe unserer Festungspak-Geschütze kannten den Zauber und wußten, daß das nur die Ouvertüre eines Angriffs war. Wir sollten Recht behalten. Schon bald  setzte die Stalinorgel ein. Rattata - bum! Rattata - bum! Die Erde dröhnte und stöhnte, als wolle sie aus allen Fugen springen. Wir standen in höchster Alarmbereitschaft, ein jeder an seinem Platz. Und es war Heiligabend. .  .

Im Erdbunker erlosch die letzte Kerze. Der klägliche Rest der Liebespakete lag achtlos da. Der roh gezimmerte Tisch aus Buchenbrettern hatte ein ernstes Gesicht, nicht das zufriedene der nahenden Weihnacht.

Russische Kommandos wurden laut. Der Angriff rollte. Die Geschütze des Gegners bellten wie wütende Kettenhunde. Unsere Pak antwortete. Wir sahen uns an wie Tiere, die keinen Ausweg zur Flucht mehr haben. Schweiß rann uns über Stirn und Wange.

Drüben, in einem verlassenen Bauerngehöft, hatte der Iwan seinen Beobachtungsstand. Dort in den alten Bäumen saßen die Scharfschützen, die unsere Stellungen einsehen konnten und alles abknallten was sich bewegte. Peng! sagte es dumpf neben mir. Paul hatte es erwischt. Ich zog ihn, halb kriechend, in ein Schützenloch und schlich mich wieder zurück ans Geschütz.

Unsere Kameraden zur Rechten waren inzwischen durch Volltreffer ausgefallen. Was nun? Ob unsere Munition ausreichte zur beiderseitigen Verteidigung? Verzweifelt schufteten wir.

Der Wind, der weit in der Welt herumgekommen war, vieles gesehen und gehört hatte, pfiff zwischen Geschütz und Lafette einen  Gassenhauer. Was kümmerte ihn schon der Krieg?

Sternenhimmel spiegelte sich im Wasser des Sees. Ich hörte russische Laute. Jemand schrie „Hilfe"und „Mutter" ! Nochmals: „Mutter"! Und es war Heilige Nacht. . . Noch ein paar Granateinschläge und dann Totenstille. Nichts regte sich. Es war wie ein Wunder. Auch der Gegner schwieg.

Ich sah mich hastig um. Unser junger Leutnant Menz, ein Theologie-Student, hing drüben im Stacheldraht verblutet. Ich kroch zu Paul. Aus - vorbei!
 
„Zurück, marsch, marsch!", schrie unser Hauptmann und  „Parole!" „Eber", antworteten ein paar trockene Kehlen. Wir waren noch acht von 26. Und es war Heiligabend. . .

„Zwei holen die Toten und Verwundeten!", befahl der Alte. „Sie, Wunderlich und Sie, Schnabel!" Beide gehorchten schweigend dem Befehl. „Hätten wir den Feind mehr gehaßt, hätten wir den Angriff nicht verloren", knurrte er noch vor sich hin und „Weggetreten!" Er stürmte zum Kompaniegefechtsstand.

Wir sahen uns flüchtig an. Auf jedem Gesicht stand etwas Unausgesprochenes. Ich suchte den Himmel ab.- Er war schön - voller Sterne.

Hatte der Alte nicht von Haß gesprochen? Ja, von Haß. Warum nicht von Liebe zu dieser Stunde? Hatten wir nicht Haß genug gesät? Die Saat ging doch schon auf. Sie reifte heran. Waren unsere Scheunen denn groß genug, um allen Haß bergen zu können? Kamen nicht Generationen damit aus? Warum säten wir nicht Liebe, Frieden, Vergebung, Menschlichkeit? Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Sinn.

Ich fand keinen Schlaf in jener Nacht in Ungarn am Plattensee. Wie ein Dieb geräuschlos, erhob ich mich vom Lager im Erdbunker, tat so, als  müsse ich zum „Donnerbalken" und trat ins Freie. Und dann entstand zwischen Tod und Leben folgendes Gedicht:

Noch einmal  Herrgott laß das Singen
aus schönen Kindertagen
in meinen Herbst hinüberklingen,
noch einmal laß mich's tragen.

Noch einmal, Herrgott, laß die Linde
der Heimat mich umrauschen,
laß mich, wenn ich sie nicht mehr finde,
im Traume still ihr lauschen.

Noch  einmal, Herrgott, laß der Erde
gepeitschten Leib vernarben,
daß  einmal wieder Friede werde
für alle noch, die  darben.

Am anderen Morgen ging die Sonne rot golden auf über ungarisches Land, dem Plattensee mit seinen Rebenhängen, den weiten Wiesen und Feldern, den rot leuchtenden Paprikaschoten unter den Dachvorsprüngen verlassener Gehöfte.

Es hatte geschneit. Alle Grausamkeit, aller Tod lag unter der weißen Decke wie unter einem Leichentuch. Die Erde hatte wieder, so schien mir, ein friedliches Gesicht, ähnlich wie das meiner Heimat zu dieser Zeit am Weihnachtsmorgen. Das tröstete mich und gab mir  Kraft  für  den  neuen  Tag.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 51 vom 20.12.1969; Bericht: Karl-August Vogt
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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