Aufnahme: 1965
Bericht zur Woche der Brüderlichkeit
Am 7. März 1965 feierte Herr Christian Reuter aus Niederbuchholz bei Oberpleis seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlaß könnte man erinnern an seine aktive Arbeit in der Gemeinde, sei es nun im Aufsichtsrat der Raiffeisenbank, dem er über 30 Jahre angehörte, sei es in der Amtsvertretung oder im Kirchenvorstand. Überall hat er nicht nur seine Pflicht getan, sondern er stand immer vorne und packte zu. Keiner der zahlreichen Schicksalsschläge, die ihn in seinem langen Leben trafen, konnte seine Kraft und Aktivität brechen. Noch nach dem Kriege, bei anderen würde man sagen, als alter Mann, hatte er den Mut und die Energie zu einem Neubeginn.
Er siedelte von seinem Hof in Kippenhohn über nach Niederbuchholz, wo er zusammen mit seiner Tochter ein neues landwirtschaftliches Anwesen aufbaute, mit einer großen Obstplantage. Bis vor wenigen Wochen war es ein gewohntes Bild, „Ohm Christian", wie e im Oberpleiser Raum genannt wird, mit seinem Pferdefuhrwerk zu sehen, wenn er wegen Kunstdünger, Saatgut oder anderer Besorgungen nach Oberpleis fuhr. Auf seinem Hofe arbeitet er noch wie ein „Junger", daß man es nicht glauben möchte, wenn man es nicht mit eigenen Augen sähe. Und des Sonntags, nach einem „Bällchen" beim Frühschoppen in Westerhausen, macht er wohl einen Spaziergang von ein paar km nach Oberpleis, vielleicht zu einem Plauderstündchen - denn erzählen kann der Ohm! - mit seiner Schwester, der um zwei Jahre älteren Oma Bellinghausen, oder vielleicht wandert er auch bei schönem Wetter nach Ittenbach, Ruttscheid oder Hüscheid.
Doch was besagen diese Dinge; sie sind für Herrn Reuter Selbstverständlichkeiten. Harte Arbeit, Helfen und Zupacken, das ist nicht der Rede wert, das hat mit Alter nichts zu tun, meint er. Und wenn man dem 89-Jährigen etwas von „noch rüstig" sagen würde, dann wäre er fast beleidigt.
Nun, sein Geburtstag war ein Fest; vier Tage wollten Gratulanten ihm Glück wünschen und mit ihm feiern. Pfarrer Wichert, Bürgermeister Weber mit Amtmann Nagel ehrten in ihm einen der ältesten Oberpleiser Bürger. Die Verwandtschaft kam und auch die Nachbarschaft. Aber erstaunen mußte am Sonntag der Besucher für einen Augenblick, wenn ihm ein ganz besonderer Gast, nämlich Monsieur Bernard Grandjean aus Paris vorgestellt wurde. Jeder merkte, daß Herr Reuter über diesen Gast besonders glücklich war.
In Paris, ja, man kann sagen, in ganz Frankreich ist der Name Grandjean ein Begriff. Lexika (Wörterbücher) wie Larousse oder die Enciclopedia Italiana haben Stichworte über diese Pariser Familie aufgenommen. So findet sich in Artikeln über Stenographie Marc Grandjean, der ein Verfahren der Stenotypie entwickelte, einer Kurzschrift, die mit einer Schreibmaschine geschrieben wird. Er hieß in Frankreich kurz M. Stenotype, und der Gast in Niederbuchholz kann die Auskunft geben, das sei sein Vater gewesen.
Der französische Gast, Bernhard Grandjean selbst ist nach dem Tode seiner Eltern Direktor eines riesigen Unternehmens von europäischem Ausmaß, der ECOLE DE DIRECTION D'ENTREPRISES. Diese Schulen, die nach dem Abitur besucht werden können, vermitteln das praktische und theoretisch die Rüstzeug für einen perfekten „Manager", sei es im Hotelfach, der Wirtschaft oder der Industrie. M. Grandjeans Schulen spannen ein Netz von Kopenhagen über Bremen, Bonn, Frankfurt bis Mailand und natürlich in Frankreich selbst.
Dieser M. Grandjean sitzt also mit Herrn Reuter und seinen Gästen zusammen. Nur wenige wissen um das Warum und wieso und kennen die Geschichte dieser Freundschaft. Während des Gespräches fällt in gebrochenem Deutsch der erklärende Satz: „Herr Reuter ist schuld, daß ich hier sitze. Wenn Herr Reuter nicht gewesen wäre, dann lebte ich nicht mehr: "Ja, er sei schon einmal in Deutschland gewesen und die Augen niedergeschlagen, sucht er wegen der ahnungslosen Gäste einen Ausdruck, der den Schrecken seines damaligen Aufenthaltes mildern soll. Dann sagt er mit einem kleinen Lächeln, ohne den schrecklichen Doppelsinn des Wortes in diesem Zusammenhang zu ahnen, man habe ihn während des Krieges nach Deutschland eingeladen" ; denn eingeladen war er tat sächlich oder richtiger „verladen ".
Im Untertitel / unserer Uberschrift erwähnten wir die Woche der Brüderlichkeit. Die nun folgende Geschichte, die Herr Reuter still für sich behielt und nie an die „große Glocke" hing, gibt uns erstens den Grund an, von wirklicher echter Nächstenliebe und Brüderlichkeit zu sprechen, und zum anderen erfahren wir nun einmal die Ursache für die innige Freundschaft zwischen dem französischen Gast und Herrn Reuter.
Die Erzählung führt uns genau 20 Jahre zurück in die letzten Monat des 2. Weltkrieges.
Zwischen Weihnachten 1944 und Neujahr 1945 tauchte auf dem Hof Reuter in Kippenhohn bei Ittenbach an der Autobahn ein junger Franzose auf, ausgehungert, verfroren, voller Furcht um sein Leben. Zunächst gab ihm Herr Reuter mit natürlicher Selbstverständlichkeit zu essen, ohne lange Erklärungen abzuwarten. Dann erzählte der damals 18-jährige Student Bernard Grandjean, er sei als Jude nach Deutschland deportiert worden, habe in Porz-Urbach arbeiten müssen, vor einiger Zeit seien sie in die unterirdischen Werke bei Königswinter verlegt worden; was er alles durchgemacht habe, von der Angst und den Greueln. Das sei jetzt sein vierter Fluchtversuch, wenn er erneut eingefangen werde, sei sein Tod sicher.
Zu derselben Zeit lagen in dem Anwesen zu Kippenhohn als Einquartierung Offiziere und Angehörige der SA. Der verzweifelte Bericht des jungen Menschen, der den Tod vor Augen hatte, ließ Herrn Reuter seine Entscheidung treffen. Daß „Ohm Christian" Mut hat, bewies er schon im französischen Stellungskrieg, wo er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Doch ist mit der Tapferkeit vor dem Feind dieser selbstlose Entschluß zu vergleichen? In der Situation am Kriegsende, wo ein Menschenleben nichts mehr galt, wo standrechtliche Erschießungen an der Tagesordnung waren, inmitten von Brutalität, feiger Erbärmlichkeit und falschem Heroismus, da bewahrte er in sich den geraden Menschen, der gegen den Terror Recht tut. Obwohl in seinem Gehöft Einquartierung lag und jede Stunde die Entdeckung bringen konnte, die auch ihn selbst das Leben gekostet hätte, behielt er den jungen Franzosen bei sich.
In der ersten Zeit schlief Bernhard in der Scheune. Er wollte keine Störung oder Belästigung sein für seine Helfer, oder sie in Gefahr bringen. Doch nach einem Volltreffer, der in die Scheune einschlug, während e sich darin aufhielt, duldete Herr Reuter ihn dort nicht länger, und Bernhard zog zu ihm ins Haus. Mit rührendem Eifer suchte er seinem Retter an die Hand zu gehen. Er half auf dem Hof, sägte Holz (wohl zum ersten Mal in seinem Leben; denn damit auch jedes Stück die richtige Länge hätte, fertigte er sich ein Maßholz an, das er beim Sägen zur Kontrolle anlegte).
Bange Stunden kamen jedesmal mit der neuen Einquartierung, wenn Fragen gestellt wurden. "Wer ist dieser kräftige Bursche?" „Mein Bruder" war die Antwort von Therese Reuter. „Warum ist der nicht bei der Armee, jetzt im Kampf um den Ölberg? Warum gibt er uns nie selbst eine Antwort?" Dann erklärte man, er habe einen Schock erlitten, als er unter den Trümmern der Scheune verschüttet gewesen sei. Seither rede er nicht und sei wohl auch nicht mehr richtig im Kopfe.
So ging alles gut, fast drei Monate lang, bis am 19. März die Amerikaner zum Gehöft vordrangen. Daß Bernhard Franzose sei, glaubten sie nicht, ihnen galt jeder zuerst als Verdächtiger. So wurde er nach Remagen gebracht, wo es der Zufall wollte, daß ihn ein französischer Offizier, der ihn aus dem elterlichen Hause in Paris kannte, identifizieren konnte. Jedoch in den Wirren jener Tage gelangte Bernhard nicht mehr nach Kippenhohn zurück.
Lange hörten Herr Reuter und seine Tochter nichts von ihrem Schützling. Dann kam eines Tages ein Brief, den Bernhard einem Deutschen mitgegeben hatte. Dieser Brief ist datiert am 21. Oktober 1945 in Paris. Dem französischen Text ist eine Ubersetzung in gebrochenem Deutsch beigefügt. Wir geben ihn hier im Originaltext wieder:
An Herr Reuter, Kippenhohe Nach Ittenbach, Rheinland.
. . . wenn die amerikanischen Truppen gekommen sind, habe ich nicht die Zeit gehabt, bei Ihnen danken, für das Obdach, das Sie mir so hochherzig gegeben haben, nachdem ich meiner unterirdischen Fabrik ausgerissen war. Ich kann sagen, daß Sie mir Leben gerettet haben, denn viele andere Kameraden, in der Folge, gestorben sind. Ich vergesse nicht die Proben von Barmherzigkeit, die Sie für einen Franzosen gegeben haben, wenn das nachteilig sein konnte."
Nach 20 Jahren hat nun Herr Grandjean seinem Lebensretter persönlich seinen Dank abgestattet, und im Sommer will Herr Reuter, begleitet von seinen Töchtern, der Einladung folgen und den Gegenbesuch in Paris machen.
Wir wollen Herrn Reuter unsere Bewunderung und Hochachtung ausdrücken. Seine Tat hilft mit, Licht und Menschlichkeit in die Zeit zu tragen, an die wir in der Woche der Brüderlichkeit gemahnt werden.
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