Aufnahme: 1935

Veranstaltung der Nationalsozialisten auf dem Schulplatz der Katholischen Volksschule Oberpleis

"Die Kriegs- und Nachkriegszeit

In irgendeiner Form war jede Familie vom mittel- oder unmittelbaren Geschehen des 2. Weltkrieges betroffen. Wann die Aufrüstung im Einzelnen begann, läßt sich schwer nachvollziehen. In zahlreichen Organisationen wie Hitlerjugend, SA, SS, Reichsarbeitsdienst, Wehrertüchtgung, Wehrmacht, Organisation Todt, Kampfgruppe Speer, Volkssturm usw. wurden junge Menschen eingesetzt bzw. gezwungen, man kann auch sagen, das totalitäre System machte es zur Pflicht. Einberufung, Mobilmachung, Kriegserklärung und Verdunkelung machten für alle den Ernst der Lage erkennbar. Waren die ersten Kriegsopfer noch in aller Munde, so legte sich das Interesse mit steigender Zahl nach und nach. Dafür stieg die Angst um das eigene Leben und Hab und Gut im Laufe der Kriegsjahre. Sorgen und Nöte waren in vielfältiger Form überall spürbar. Fliegeralarm und Angriffe waren an der Tagesordnung. Soldaten in feldgrau und Militärfahrzeuge gehörten zum Straßenbild. Vielen von uns sind diese Ereignisse noch in lebhafter Erinnerung und manchem sind die nächtlichen Geräusche der Fahrzeuge auf der naheliegenden Reichsautobahn noch in den Ohren. Ob die Märztage 1945 als Eroberungs- Erlösungs- oder Befreiungsdaten haften blieben, konnte damals jeder für sich entscheiden. Lang waren die Reihen der Toten, Gefallenen, Vermißten, unbekannten Soldaten und Heimattoten. Auch benutzten viele den Weg zur Kirche aus Überzeugung und auch als Dankbarkeit fürs Eigene überleben. Heute, 50 Jahre später, wären Geistliche aller hiesigen Konfessionen hocherfreut, in vollbesetzten Kirchen das Wort Gottes zu verkünden.

Die Situation der näheren Heimat ist für vieles zutreffend in einem Aufsatz geschildert, den ein Schüler, heute wohnhaft in Hasenboseroth, der Abschlußklasse der Volksschule Eudenbach unter dem Titel ‚Meine Erlebnisse im März 1945‘ geschrieben hat: Anfang März begann für mich die schrecklichste Zeit meines Lebens. Die Front war bis in meine Heimat gedrungen und wirkte mit zerstörender Hand. In der ersten Nacht des Beschusses schlief ich mit meinen Eltern und dem Sohn eines Nachbarn im Keller unseres Hauses. Mich packte die Angst, als plötzlich die Einschläge der schweren Artillerie in der Nähe unseres Hauses lagen. Schon vorher hatte ich oft zugehört und gesehen, wie die Granaten in Oberpleis, Uckerath, Buchholz und Asbach platzten. Am Tage darauf war es ziemlich ruhig und wir zogen in einen Stollen, der unterhalb der Schnepperother Brücke liegt.

Die sechs Tage und Nächte, die wir in ihm verbrachten, waren die schrecklichste Zeit des Beschusses. Im Stollen fehlte es am meisten an frischer Luft, man konnte weder Streichholz noch Kerze anzünden. Doch für Essen war gesorgt. Man hatte ein großes Kalb geschlachtet, welches wir kochten und wovon jeder soviel haben konnte wie er mochte. Am Tage konnte man sich manchmal nicht vor den Stollen wagen. Flieger kreisten über der Front und lenkten das Artilleriefeuer auf sich lohnende Ziele. Da die deutschen Truppen zu schwach waren, kamen die Amerikaner immer näher. Sie verschanzten sich auf dem Eudenberg. Nachmittags gegen 16 Uhr sahen wir die ersten Amerikaner. Wir brachten vor dem Stollen ein weißes Tuch an und die Amerikaner, die an den untersten Häusern standen, riefen, man solle zu ihnen kommen. Wir konnten nicht alle gehen, denn wir waren zu 90 Personen im Stollen. So gingen einige Männer zu ihnen, unter ihnen ein Holländer, welcher der englischen Sprache mächtig war, und dieser erwirkte, daß wir den Stollen verlassen konnten. Denn nun lag dieser zwischen der Hauptkampflinie. Am Tage darauf, dem 20. März, gingen wir im ärgsten Beschuß nach Rostingen. Rings umher schlugen Granaten ein. In Rostingen angekommen, verteilten wir uns auf die verschiedenen Häuser.

Wir kamen bei der Familie Peter Leven unter. In Rostingen blieben wir elf Tage. Dann konnten wir wieder in unser Haus zurück. Mein Vater und ich gingen am Morgen und machten das Dach unseres Hauses wieder in Ordnung. Gegen Mittag holte ich auch meine Mutter. Das Dorf sah aus, als könne man es niemals mehr bewohnen. Überall rauchten noch Trümmer von verbrannten Wohnungen. Zwei Häuser und zwei Scheunen waren abgebrannt. Wir beerdigten die gefallenen deutschen Soldaten und sorgten, daß wir unsere Häuser wieder bewohnbar bekamen. Allmählich zogen auch die amerikanischen Truppen weiter und es war wieder Friede in unserem Dorfe. In vielen Dörfern unserer Heimatgemeinde mag es so oder ähnlich abgelaufen sein. Zusätzlich wurden dann noch einige Bewohner von Räubergesindel und Mördern heimgesucht und ausgeplündert. Der vorstehende, mit kindlicher Unbefangenheit abgefaßte Aufsatz hatte scheinbar auch bei der ehemaligen Oberpleiser und Eudenbacher Lehrerin Fräulein Scharrenbroich Anklang gefunden, so daß sie ihn für Wert befand der Schulchronik einzuverleiben.

Große Mühe gaben sich auch die Schüler der Hauptschule Oberpleis, als sie unter Leitung von Beate Eberhard ein Projekt angingen. ‚Das Kriegsende im Siebengebirge‘ lautete der Titel. Zeitzeugen wurden befragt, um ein möglichst zeitnahes Bild der damaligen Verhältnisse wiederzugeben, und es wurden Dokumente eingebracht, um die schreckliche Zeit festzuhalten. Hamstern und Maggeln (individueller Tausch von Gegenständen aller Art) waren Schlagworte für alle Lebensbereiche. Richteten die einen ihr Hauptaugenmerk auf notwendige Naturalien, waren die anderen darum bemüht ihre Häuser wieder wohngerecht instand zusetzen. Langsam aber stetig kamen auch Gewerbe und Industrie wieder auf Touren. Doch wie gesagt, ohne Maggeln lief nichts.

Dann kam unwahrscheinlich schnell ein nie geahnter Aufschwung. Hätten Experten damals mit Wahrscheinlichkeitsprognosen spekuliert, die Wirklichkeit hätte sie Lügen gestraft. Schnell waren die Entbehrungen vergessen, wenn auch Einzelschicksale, wie Verlust von Angehörigen, Vermißten, Tragödien, Kriegsgefangenschaft t und die Kriegsleiden ihre Spuren hinterlassen hatten. Das Wort des Jahrzehnts für 1950 bis 1960 stand mit ‚Wirtschaftswunder‘. Zieht man Vergleiche, so muß gesagt werden, daß vom Krieg und seinen Auswirkungen die Stadtbewohner stärker betroffen waren als die Landbevölkerung. Die vorstehenden Ausführungen sollen eine Widerspiegelung des Gesamtbildes vermitteln."

Quelle
Aus der Broschüre "Leben in und um Oberpleis", Seite 55, Herausgeber: Kreissparkasse Oberpleis 1995; Text: Karl Hermann Uhlenbroch
Zur Verfügung gestellt von
Wilbert Fuhr: Broschüre; Bernhard Gast: Foto; Fotograf unbekannt Kath. Volksschule Oberpleis
Räume & Galerien
Kriegszeiten
Aufrufe
1351

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.