Aufnahme: 1918 (

"Etappen-Baron und Frontprolet"

Ein böses satirisches Gedicht auf "zwei Sorten von Soldaten", besonders auf die erstere...

 

Etappen – Baron und Frontprolet

Keinem zu Lieb, keinem zu Leide,

wir brauchen sie nämlich alle beide.

Im Kriege gibt’s zwei Sorten Soldaten,

die den Krieg gewinnen mit ihren Taten.

Als Erstem gebührt der Siegeslohn

dem sogenannten Etappen – Baron.

Dann kommt erst der Zweite, der Frontprolet,

so genannt, weil er näher dem Feinde steht

und weil er verhungert, verdreckt und verlaust

in Gräben, Ruinen und Erdhöhlen haust.

Ein wenig trägt er zum Siege auch bei,

doch kommt er erst in zweiter Reih.

Der bereits erwähnte Etappen – Baron,

der trägt, wie gesagt, die Palme davon.

Er siegt mit dem Geist, der in ihm wohnt,

drum wird er mit Orden und Ehren belohnt.

Er sorgt für Ordnung und Disziplin,

für militärische Haltung und militärischen Sinn.

Er pflegt und erzieht auch den feinen Ton

und die Sorge um die eigne werte Person.

Das Hemd guckt ihm oben beim Halse heraus,

unzerlegbare Hemden sind ihm ein Graus,

was alles dem schmutzigen Frontprolet

da draußen völlig verlorengeht.

Man sieht es sofort an der ganzen Art,

verwildert das Haar und struppig der Bart,

die Hose, der Rock und die Stiefel geflickt,

der Gang ist latschig, die Haltung gebückt.

Bei dem ewigen Kriechen, Knien und Drücken

im Schützengraben, da lernt er das Bücken.

Er gewöhnt sich auch an den bescheidenen Ton

gegenüber dem Etappen – Baron.

Dem schuldet er ja auch den größten Dank,

denn er schafft Munition, Speise und Trank,

und würde es ihm auch noch so schwer,

denn häufig holt ers von weitem her,

muss reisen nach Brügge, Brüssel und Gent,

wo er angenehme Lokale kennt,

wo es niedliche kleine Mädchen gibt,

die der Soldat ganz besonders liebt,

wo man ordentlich essen und trinken kann,

viel‘ Gänge mit schmackhaften Zutaten dran,

was doch anders und besser schmeckt

wie die ewigen Austern mit Sekt,

die in den Zeiten der Not

der Etappen – Barone täglich Brot.

„Liebesgaben“, des Kriegers Lohn,

gelangen zuerst zum Etappen – Baron.

Auch die Lieferungen an Zigarren und Wein,

Konserven und sonstige Leckerei'n,

das ist seine Pflicht, zugleich sein Recht,

zu prüfen, ob diese Sachen auch echt,

oder ob etwas daran ist von Übel,

hat doch schon Paulus mal in der Bibel

an die Tessalonicher geschrieben:

„Prüft alles und behaltet das Beste, ihr Lieben.“

Danach richtet sich auch der Etappen – Baron,

prüft alles und nimmt das Beste davon.

Was braucht auch der Frontprolet den Sekt,

wo er doch morgen wahrscheinlich verreckt,

wozu braucht er den besseren Roten,

wo er doch morgen schon liegt bei den Toten.

Wozu muss er sich überhaupt betrinken,

kann er nicht nüchtern zu Boden sinken?

Meint er, er fände den Himmel offen,

wenn er sich bei Petrus meldet besoffen?

Möge er sich doch aus dem Schützengraben

die durstige Seele laben,

dann wird auch der Graben viel schneller trocken,

und er behält trockene Stiefel und Socken,

braucht nicht mehr durch die Pfützen zu hupfen,

bekommt keinen Husten und keinen Schnupfen.

Höchstens könnte man ihn mal beglücken

und ihm den sauersten Tafelwein schicken.

Davon genügen schon einige Becher,

und in den Stiefeln ziehen sich zusammen die Löcher.

Und ferner die guten Sachen zum Rauchen,

die kann er da vorne erst recht nicht gebrauchen.

Seine Stellung verrät ja dem Feinde der Rauch,

und mit Delikatessen und Süßigkeiten

verwöhnt er sich für spätere Zeiten.

Er nährt sich am besten mit Speck und Bohnen

aus der rühmlichst bekannten Gulaschkanone.

Er kann auch ja mit seinem Proletenmagen

die feineren Sachen gar nicht vertragen.

Er soll sich gefälligst bescheiden begnügen

und sich vor allem bemühen zu siegen,

den Feind zu erschießen und zu verhaun,

von dem anderen versteht er ja doch nichts von.

Das versteht nur der gnädige Etappen – Baron,

drum darf er sein kostbares Leben

nicht leichtsinnig in Gefahr begeben.

Wie leicht könnte ihn mal eine Kugel verletzen,

und wie schwer ist dagegen, ihn zu ersetzen.

Drum muss er auch seine Gesundheit schonen,

darf nur in besseren Häusern wohnen.

Er darf nicht in Unterständen und Zelten

sich die Glieder und Magen erkälten.

Das ist auch gar nicht vonnöten,

dazu hat man ja den Frontproleten.

Wenn die recht eifrig töten und morden,

bekommen sie vielleicht auch mal einen kleinen Orden.

Aber mit Schmutz und blutigen Sachen verschone

man die sauberen und feinen Etappen – Barone!

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer Die original Bildpostkarte
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