Aufnahme: 1917

"Dörrgemüse!"

"Unser Regiment sollte jetzt Verwendung finden bei der Expedition nach den baltischen Inseln Ösel, Moon und Dagö. ... 

Die Insel Ösel ist von Moon getrennt durch den kleinen Moonsund. Durch den Moonsund zieht sich ein 5 km langer Steindamm. Der Brückenkopf von  Moon war von den Russen noch hartnäckig verteidigt worden. Ein stehengebliebenes Panzerauto und viele Granateinschläge zeugten von dem Kampfe. Unser Bataillon hatte mal wieder Glück gehabt. Wir kamen nachmittags vollständig erschöpft auf Moon in Quartier. ... Die Insel Moon hatte ungefähr 10 km Durchmesser, Wella lag 1 km vom großen Moonsund entfernt. Gegen Abend quartierten wir nach Klein Wella; wir lagen jetzt direkt am Strande. Letzterer wurde in den nächsten Wochen zur Verteidigung eingerichtet. Man befürchtete, dass der Russe wieder auf Moon landen würde. Am ganzen Moonsund entlang wurden Feldwachen eingeteilt, die Tag und Nacht besetzt waren. Es gab viel Arbeitsdienst, und es wurde wieder fleißig Posten gestanden. Wenn zur Nachtzeit die Novemberstürme vom Meere her über die Insel brausten, so war der Posten schon keine angenehme Angelegenheit. Ich habe manche Nacht bei Sturm und Regen am Strande gestanden, und an der vor uns liegenden Insel Schildau vorbei Ausschau gehalten nach Estland hin. Am 12. November sahen wir nachts das Nordlicht, eine wunderbare Naturerscheinung. 

Am 13. Dezember hatten unser Bataillon und ein Bataillon Marine-Infanterie bei Kuiwast Besichtigung durch General-Leutnant Freiherr von Seckendorff. Wir standen 3 Stunden in bitterer Kälte und Schneesturm. Nach der Besichtigung hielt uns  Exzellenz einen Vortrag über Durchhalten und Marmelade.

Am 17. Dezember war Waffenstillstand an der Ostfront. An der Mole von Kuiwast  fuhren Schiffe an, die mit Verpflegung für die Moonbesatzung  beladen waren. Tag und Nacht arbeitete hier eine Kompanie und lud Proviant aus. Auch unsere Kompanie hat manche kalte Nacht dort im Schneesturm beim Scheinwerferlicht zum Wohle des Vaterlandes gewirkt. ...

Am 23. Dezember luden wir nachts 400 Korbflaschen mit Rum-Verschnitt aus. In dieser Nacht hat keiner von uns gefroren. 

Am folgenden Tag rüsteten wir zur 4. Kriegsweihnacht. Abends hatten wir in einer Scheune, der sogenannten Kuckucksburg, Weihnachtsfeier. Die Russenfamilien aus Wella nahmen mit daran teil. Unser neu gegründeter Gesangverein verschönte die Feier. In Klein Wella hatten wir leider unser Quartier räumen müssen, wir bewohnten jetzt einen Kuhstall in Wella, ein ungemütliches und kaltes Quartier. Bis Ende Januar wurden in Kuiwast Schiffe ausgeladen, dann fror der Große Moonsund zu. Wir waren froh, dass die nächtliche Schanzerei ein Ende hatte. Es begann eine kalte Zeit, der Schnee lag bis zu einem Meter hoch. 

Am 19. Februar 1918 wurden die Feindseligkeiten mit Russland wieder aufgenommen. ... Am folgenden Morgen begann der Vormarsch über den zugefrorenen Großen Moonsund, durch Estland nach Reval. ... Es war ein seltener Anblick, wie sich der Heerwurm über das Eis dahinzog. Der Marsch ging rechts an der Insel Schildau vorbei dem Festlande zu. ... Wir marschierten täglich 30 bis 40 km bei 25 Grad Kälte und hohem Schnee. ... Die Verpflegung war eine schlechte, abends gab es einen Schlag aus der Feldküche und 500 Gramm Brot, die auch am selben Abend noch dran glauben mussten. An den meisten Tagen bin ich nüchtern marschiert bis zum Abend. Wer nicht den Mut hatte und auf Raub ausging, litt Hunger. … Am 28. Februar erreichten wir Reval. Mit angezogenem Gewehr marschierten wir in die Stadt ein und wurden von der Bevölkerung mit Hurra begrüßt. ... 

Nach stundenlangem Warten kamen wir nachmittags im Hafen in einer Munitionsfabrik in Quartier. Am folgenden Tage wechselten wir und bezogen Quartier in der Stadt. Am 3. März marschierten wir mit 24 Mann und 3 Unteroffizieren nach Seewald, einem Krankenhause in der Nähe von Reval. Es wurde Wache geschoben zum Schutze gegen die rote Garde. Hier ließ es sich gut Krieg spielen, wir hatten schöne Unterkunft, es gab sogar für jeden ein Bett. Ein Flügel stand uns auch zur Verfügung, der von unserem Pianisten 'Ede' eifrigst benutzt wurde. Mit der Anstaltsleitung standen wir auf gutem Fuße. Oft wurden wir von der Oberin besucht, wir mussten ihr dann mit Flügelbegleitung unsere deutschen Lieder singen. Nur die Verpflegung war sehr mager."

Hier schließt P. W. nun ein launiges Gedicht an, das von einem kriegstypischen, als Streckmittel verwendeten Ersatzlebensmittel handelt:

"Dörrgemüse!

Mittags um 12 Uhr, das müsst ihr sehn,

wenn die Essenholer zur Küche gehn.

In langen Reihen treten sie an,

Vordermann hinter Vordermann.

Kein Glied bewegt sich, kein Kochgeschirr klappert,

kein Schädel regt sich, kein Schnabel plappert.

Stumm wie sie kommen, sie wieder gehen,

es ist eine Lust, dem zuzusehen.

Ein- oder zweimal wöchentlich nur

zeigt sich von Ordnung auch nicht die Spur.

Da ist ein Drängeln und Brüllen und Heulen,

das setzt es Stiche, da gibt es Beulen,

da zetert ein jeder und schimpft und schreit

und schiebt voll Unmut den andern zur Seit‘,

da ist ein jeder der Erste beim Essen,

dann gibt’s was Besonderes, ein Götterfressen,

ein Engel der Engel im Paradiese:

das leckere, köstliche Dörrgemüse.

Als wir noch oben an der Düna lagen

in jenen stürmischen Frühlingstagen,

da hat man uns, o Schlaraffenleben,

fast täglich Dörrgemüse gegeben.

Das hat uns zu forschen Knaben gemacht,

das lässt uns gewinnen jede Schlacht.

Denn wo wir nur die Russen sichten,

da werden sie übel zugerichtet;

wir hätten auch Ösel eingenommen,

wenn wir was anders zu essen bekommen.

Jetzt können wir ruhig mal Kohldampf schieben,

es ist was an uns haften geblieben

aus jener fetten Gemüsezeit,

das gegen jeden Hunger uns feit.

Wir halten durch, wir machen nicht schlapp,

wir geben Senge, und nicht zu knapp,

jeder ein Held, jeder ein Riese

dank unserem kräftigen Dörrgemüse. 

  

Wenn übers Jahr daheim im Frieden

mir eine liebe Gattin beschieden,

dann muss sie mir sechsmal in der Wochen

mein geliebtes Dörrgemüse kochen.

Und wenn sie am Samstag zu mir spricht:

„Was koch ich nur morgen, ich weiß es nicht.

Willst du eine Suppe von Tomaten

und grüne Klöße mit Sauerbraten?

Soll ich dir eine Gans besorgen?

Schatz, willst du Wiener Schnitzel morgen?

Hecht, Rebhuhn, Schleie oder Reh?

Fasanen, Karpfen, Kalbsfilet?“

„Nein“, werd ich sagen, „liebe Frau,

mit steht mein Sinn nach Besserem, schau:

Ich danke für Schnitzel, Gans und Schleie,

Schatz, gib dem Sonntag besondere Weihe!

Ach bitte, bitte, du holde Süße,

koch mir auch morgen Dörrgemüse!“ 

Quelle
Peter Worringer: Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer Insel Ösel - Insel Moon - Insel Dagö
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