Aufnahme: 1917

"Es quatscht in allen Ecken"

"In den kommenden Tagen zeigte der Russe eine gewisse Kampfmüdigkeit. Abends unterhielten sich die russischen Posten mit unseren Posten, was von unserer Seite nachher immer in Feindseligkeit überging. Bei Tage zeigte er sich auf  Deckung, auf unser Winken hin kam eine Anzahl bis an unseren Drahtverhau. Wir gingen auch aus dem Graben und verständigten uns mit ihnen, aber von uns aus war an eine Waffenbrüderschaft nicht zu denken. Am folgenden Tage kam der Kompaniebefehl, dass keiner mehr den Graben verlassen durfte, und wir schossen auf jeden Russen, der sich zeigte. 

Der russische Winter hatte nun auch bald seine Herrschaft verloren, und der Frühling hielt langsam seinen Einzug. Tauwetter trat ein, und es begann wieder eine böse Zeit. Es musste für Wasserabzug gesorgt werden, und an vielen Stellen stürzten die Gräben ein.

Es quatscht in allen Ecken,

uns wärmt kein Sonnenschein,

am Leib kein trockener Flecken,

das Wasser dringt ständig herein.

Die Pumpe keucht‘s nach oben,

am Balken wächst der Schwamm,

die Sitze sind verschoben,

die Stiefel voller Schlamm.

Der Ofen qualmt zum Ersticken,

das Feuer gibt keinen Schein,

und will man den Schemel verrücken,

rennt man den Schädel sich ein.

Die Lampe flackert nicht minder,

sie schwebt am letzten Strang,

seitdem der schwarze Zylinder

vom fallenden Tropfen zersprang.

Das Mädchen lebt nur in Bildern,

auch sie sind gefärbt wie die Wand.

Dass wir nicht ganz verwildern,

hat’s Blumen hierher gesandt.

 

Die Blumen welken und bleichen,

hier hat nur eins seine Statt:

Denn Geld und Liebe muss weichen

dem männermordenden Skat.

Das Rheuma reißt seine Gassen,

kein Ruhm verschließt ihm das Tor.

Wir können den Feind nicht fassen,

kein Hindenburg holt uns hervor.

Wir fluchen nach oben und horchen

dem schütternden, rollenden Ton

und müssen ihm wehrlos gehorchen,

dem Tod, wir kennen ihn schon.

Bis noch im eigenen Hause

der Mörser die Decke durchpflügt

und man den Mäusen zum Schmause

ins feuchte Grab sich legt.

Oder bis vom vielen Gießen

ein Pilz dem Ohr entsprießt,

und wenn du einst solch einen siehst,

sag‘ ihm, ich lass ihn grüßen." 

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer
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Kriegszeiten
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