Aufnahme: 1916/17
Im dritten russischer Winter
"Der dritte russische Winter setzte ein, es wurde der kälteste, den wir zu bestehen hatten. 25 Grad Kälte waren an der Tagesordnung, mit fußhohem Schnee.
Über Schnee und Eis
knirschend im Froste wandern wir nun,
und keiner weiß,
ob jene, die seit drei Wintern ruhn,
endlich genug sind,
und ob mit des Frühlings kommendem Segen
leise und lind
sich die Glocken des ewigen Friedens regen.
Es musst viel Schnee geschaufelt werden, und der Dienst in Stellung war anstrengend. Die Verpflegung war ziemlich. Jeden Mittag fuhr die Feldküche in Stellung an, und täglich gab es 750 Gramm Brot und einen Löffel voll Marmelade. Anfang Dezember erhielten wir den neuen Stahlhelm. Auf Feldwache 9 bauten wir einen schusssicheren Unterstand. Die Arbeit konnte wegen der Nähe des Feindes nur bei Nacht ausgeführt werden. Dabei wurden wir oft durch feindliches Minenfeuer gestört. ...
Am 17. Dezember erhielt jeder von der Kompanie ein Weihnachtsgeschenk, ich bekam eine Unterjacke. Am 24. Dezember machte ich bei der Bagage Kränze für die Gefallenen der Kompanie und trug sie zum Ehrenfriedhof. Abends feierten wir im Kreise der Kameraden das dritte Kriegsweihnachten fern der Heimat, sogar ein Weihnachtsbäumchen hatten wir uns zugelegt. Aber der Russe störte unseren Weihnachtsfrieden und belegte die Stellung unseres Bataillons mit schweren Granaten. Eine davon rückte uns so nahe auf die Bude, dass im Lichtschacht die Fensterscheibe in Stücke flog.
Am 26. Dezember machte der Feind bei Anbruch der Dunkelheit einen Infanterie- und Artillerie-Feuerüberfall, wir lagen in Alarmbereitschaft. In der Nacht zum 29. Dezember stellten wir in Schneehemden eine Doppelreihe Spanische Reiter* vor Feldwache 8 und 9 auf, es war eine gefährliche Arbeit. Wir waren so nahe am Feind, dass man die russischen Posten sprechen hören konnte. Je zwei Mann mussten 12 Reiter an Ort und Stelle tragen. Kurz vor Schluss der Arbeit gab es noch Minenfeuer.
Am 31. Dezember musste ich mit noch 3 Kameraden von der Kompanie feldmarschmäßig zum Kompanie-Feldwebel, dann zum Bataillonsstab, von dort nach Nowo Alexandrowsk. Hier wurden wir mit 45 Mann in Häuser einquartiert. Nach langer Zeit schlief ich wieder in warmem Raume. Die Nacht verlief sehr unruhig. In Nowo Alexandrowsk schoss man das Kriegsjahr 1917 an.
Ich blieb bis zum 10. Januar in Nowo und machte in der Kampfschule den Sturm- und Stoßkursus mit. Hier hantierten wir nur mit scharfen Handgranaten, es gab öfter Verwundete, und jeden Morgen wurden Leute fortgeschickt, die Gesichtsteile erfroren hatten. Von morgens 8 bis 12 Uhr hatten wir Übung im Kampfgelände, nachmittags 2 Stunden Unterricht, und abends amüsierten wir uns im Soldatenheim. ...
Am 12. Januar erfolgte abends gegen 9 Uhr ein feindlicher Artillerie- und Maschinengewehrüberfall. Der Russe ging mit einer starken Patrouille vor und bewarf Feldwache 8 mit Handgranten. Er wiederholte dieses Manöver öfters, so am Abend des 17. und 20 Januar, wir gewöhnten uns langsam daran. ...
Es herrschte eine bittere Kälte, das Thermometer fiel bis auf 40 Grad unter null.
Heulende Stürme, froststarrendes Land,
bleigrau sich türmende Wolkenwand.
Todesodem, das Leben erstarrt,
frostbebend auf Beute der Sensemann harrt.
Weiß schimmernde Fläche,
die Gräben verschneit,
gefrorene Bäche,
die Krähe schreit.
Russischer Winter, starres Gesicht,
auch diesmal bezwingst du uns Feldgraue nicht.
Drohst du mit Schrecken auch noch so schlimm,
zweimal bezwangen wir deinen Grimm.
Wir stehen inmitten,
treu unsere Pflicht,
und auch zum dritten
schreckst du uns nicht."
Foto: Nowo Alexandrowsk (heute: Zarasai, Litauen; Ansichtskarte)
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