Aufnahme: 1916

"Die Klage der Toten"

"Ich war sehr müde, denn ich war den ganzen Tag durch die Schneefelder marschiert, hatte dabei drei zugefrorene Seen überquert, aber an Ruhe war nicht zu denken. Noch am selben Abend musste ich mit dem Grabenfeldwebel die Runde innerhalb des Bataillons machen. ... Es war eine unheimliche anstrengende Nacht, zumal die Doppelposten zum Teil am zusammengeschossenen Waldrande standen und wir in der Dunkelheit uns durchtasten mussten. Oft genug sind wir über tote Russen gestolpert, die in der vergangenen Nacht bis in den Vorpostenwald vorgedrungen und gefallen waren.

Als wir am Morgen todmüde am alten Zegelnjagraben ankamen und ich mich zur Ruhe legen wollte, eröffnete der Russe die Kanonade auf den alten Graben. Ich lag den ganzen Tag im Unterstand, jeden Augenblick damit rechnend, dass die Bude zusammenbrach. Das Fenster flog in Stücke, der Ofen stürzte zusammen, der Unterstand wackelte andauernd in allen Fugen. Es waren unheimliche Stunden, die ich da so alleine lag, an Schlafen konnte nicht gedacht werden. Nachmittags gegen 4 Uhr wurde mir die Sache dann doch zu brenzlig, als der Grabenposten zu mir herein kam und mich aufforderte, mit zum Nachbarunterstande zu gehen. Zu meinem Glück folgte ich ihm, und ich verdanke dem Reservist T. heute noch mein Leben.

Wir waren kaum 5 Minuten in dem Nachbarunterstand, in dem sich noch 4 Kameraden befanden, als das Verhängnis nahte. Der Unterstand, den ich verlassen hatte, wurde durch Volltreffer vernichtet, und dieselbe Granate drückte auch unseren Unterstand zusammen. Wir lagen mit 6 Mann unter den Trümmern. Mir schlug ein Balken auf den Kopf und raubte mir für kurze Zeit die Besinnung. Noch hatten wir uns nicht ganz aus dem Balkengewirr herausgearbeitet, als die nächste Gruppe schwerer Granaten in unmittelbarer Nähe bei uns einschlugen. Wir verließen fluchtartig den Ort der Verwüstung und retteten uns beim I. Zuge im neuen Graben. Der Schnee auf der Zegelnjahöhe war gelb gefärbt, der Russe schoss mit Schwefelgranaten. Von den 6 Mann, die wir verschüttet waren, waren 3 Mann verwundet, ein Unteroffizier kam wegen Nervenschock nach Deutschland. Als am Abend die Feldküche in der Mulde anfuhr, setzte ein russischer Feuerüberfall ein, so schnell war die Gulaschkanone noch nicht leer geworden wie an dem Abend. Ich lief an dem Abend als Heimatloser umher, meine Sachen lagen verschüttet unter dem Unterstande, ich besaß nur noch mein Gewehr. Kurzentschlossen quartierte ich mich in einem anderen Unterstand ein, schlief bis Mitternacht und zog dann auf Alarmposten. Gut war, dass wir uns auf geheimnisvolle Weise mit Rum eingedeckt hatten. Er hat uns über die Schwere und das Elend dieser Tage hinweggeholfen.

Tiefblau und von leuchtenden Sternen erhellt,
bekleidet die Nacht die schlafende Welt.
Als schmales silbernes Gürtelband
steht des Mondes Sichel am Himmelsrand.
Es erwachen die Toten.

Sie strömen zu Hauf, ein gewaltiger Chor,
aus Mulden, aus Wäldern, aus Dickichten vor,
in weißen Mänteln, im braunen Kleid,
die Bajonette noch zum Sturm bereit,
als sie Trotz uns boten.

Sie ziehen dahin, ein grausiges Bild,
von kalkigen Lippen tönt Klage so wild:
'Man trieb uns in unser Verderben hinein,
Granaten hinter die eigenen Reihen,
Kosaken mit Knuten.'

Jetzt liegen wir vom Wetter zernagt,
die wir das Leben der Heimat gebracht.
Und niemand kommt, der Gräber gräbt,
und keiner naht, der die Hand für uns hebt
nach dem Bluten."

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer
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Kriegszeiten
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