Aufnahme: 1916

"Zweifelnde Qual"

„Im Laufe der Sommermonate gingen verschiedentlich schwere Gewitter über unseren Stellungen nieder, die Gräben und Unterstände schwammen dann im Wasser. Ergreifend waren auch die russischen Gesänge, die an Samstagabenden zu uns herüberschallten, sie weckten in unseren Herzen Gedanken an die ferne Heimat.

Wir liegen da draußen in zweifelnder Qual,

die starrende blutige Hecke

im Westen und wieder im Osten einmal,

in dräuender stürmischer Ecke.

Und hinter uns sprudelt das Leben so wild

und nimmt uns die glühendsten Zeiten.

Der Jugendgespielinnen lockendes Bild

verbleichet und will uns entgleiten.

Wir tragen gar schwer an der Jahre Last,

doch werden zum Ende wir ringen.

Drum eisenhart, Brüder, ans Eisen gefasst,

soll’s Tod oder Freiheit uns bringen.

So flogen die schönen Sommermonate dahin im ewigen Einerlei des Schützengrabenkrieges. Die einzige Abwechslung bildeten die Märsche nach Nowo Alexandrowsk zum Fronttheater, zudem gab es in Nowo auch noch 500 Gramm Brot und einen Schlag aus der Feldküche, dafür liefen wir mal gerne 30 km. 

Am 20. Oktober bewarfen russische Flieger unsere Stellung mit Bomben. Am 24. Oktober belegten unsere Minenwerfer vom Vorpostenwalde aus Ruinengraben und Artilleriewald mit 60 Schuss 2-Zentner-Minen. Ich stand auf Muldenposten, die Brocken flogen bis zu meinem Postenstande. Es war zur Revanche für das feindliche Minenfeuer in der vorhergehenden Nacht. Die Posten beobachteten die feindlichen Gräben bei Tage durch den Spiegel und zur Nachtzeit über Deckung. Da wo der Potlipniki-Laufgraben in den Verteidigungsgraben mündete, bauten wir einen neuen Postenstand. Man hatte die  Unvorsichtigkeit begangen und die Pfähle, die zur Verkleidung dienten, über den Grabenrand hinausschauen lassen; der Russe stellte seine Maschinengewehre darauf ein, und als in der Dunkelheit die Nachtarbeiter die Pfähle verankern wollten, schlug ihnen rasendes Maschinengewehrfeuer entgegen. Alles spritzte von Deckung herunter, nur Unteroffizier  L. blieb mit einem schweren Beinschuss liegen. Als man ihn infolge des tollen Feuers erst nach einer Viertelstunde herunterholte, hatte er schon viel Blut verloren. Ich war auf Feldwache und habe ihm das Bein abgebunden und einen Verband angelegt, dann haben wir ihn mit noch einem Kameraden zum Bataillonsarzt getragen. Nach einer Stunde war er tot.“

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer
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Kriegszeiten
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