Aufnahme: 1915

"Ein stiller Friedhof"

"Ich kam zur 16. Kompanie, erhielt Gewehr und Seitengewehr, und wir marschierten über Saint-Juvin nach Apremont. Letzteres liegt am Fuße des Argonnerwaldes. Der Marsch dorthin ist mir für den Anfang recht schwer geworden. Nach einer Nacht Ruhe in kläglichen Quartieren ... ging es in den Argonnerwald

Der Argonnerwald ist ein noch im Urzustande befindliches, schluchtenreiches Waldgebiet, das hauptsächlich aus Eichen und Buchen besteht. In dem dichten Unterholz haust noch das Wildschwein. Da, wo sich die Kampfzone befindet, kann natürlich von Wald nicht mehr die Rede sein. Ein Labyrinth von Gräben durchzieht dort die Höhenzüge, und nur die zerschossenen Baumstümpfe ragen gespensterhaft zum Himmel. Wir kamen im Römerlager, einer schönen Waldschlucht, in Unterstände zu liegen, ungefähr 2000 Meter hinter der Stellung. Drin war es sehr unruhig, andauernd Infanterie- und Artilleriefeuer. Ich konnte mir kein richtiges Bild darüber machen, auf welche Art da vorne Krieg geführt wurde, aber schon in den nächsten Tagen empfingen wir die Feuertaufe und wurden eingeweiht in die Finessen des Stellungskrieges im Argonnerwald. Am Ostersonntag, dem 4. April, lagen die Gräben unter schwerem Artilleriefeuer. Abends mussten wir zur Verstärkung nach vorne zu den 5. Jägern.

Vorne im Walde summt es und grollt es,

ein dumpfer Gewitterklang,

und auf unseren Knüppeldämmen, da rollt es

zum Feinde den Weg entlang.

Hört ihr's vorne stöhnen und dröhnen,

fühlt die Luft ihr dumpf zitternd ertönen?

Der Franzmann greift wieder mal an.

Vorwärts! Wir müssen ran.

 

Und deutlich hört man's krachen und knallen,

hört einzelne Salven heraus.

Zur bangen Gewissheit wird es uns allen:

Es gibt einen blutigen Strauß.

Hemmt sie, auf, ihr Brüder, mit Macht!

Wir kommen mit sinkender Nacht.

Dort platzt schon das erste Schrapnell.

Bald sind wir zur Stell.

Die Ostertage über dauerte der Artilleriesturm. ... In diesen ersten Tagen und Nächten, die ich an der Front war, wurde ich mir klar darüber, dass der Krieg ein grausiges Handwerk war. Das Schicksal hatte mich an einen Abschnitt der Westfront geworfen, wo der Stellungskrieg schon 1915 mit erbitterter Hartnäckigkeit geführt wurde. Minen- Handgranatenkämpfe und Sprengungen gehörten zur Alltäglichkeit. Durch diese lebhafte Gefechtstätigkeit waren die Stellungen in schlechtem Zustande. In den Laufgräben ging der Morast teilweise bis über die Stiefelschäfte. ... Stollen und schusssichere Unterstände gab es überhaupt keine. Die Unterstände, die wir hatten, wurden schon von 7,5 - Granaten zusammengeschossen. Aus diesem Grunde gab es auch viele Verluste. Nach den Ostertagen musste ich bei den 6. Jägern Tote mit wegschaffen. Bei meiner Kompanie zählten wir allein 24 Gefallene. Unsere Kompanie hatte auch Verluste zu beklagen; wenn wir im Morgengrauen verdreckt und todmüde die Stellung der 6. Jäger verließen, so hatten wir auch einen gefallenen Kameraden in der Zeltbahn hängen. Wir begruben unsere Toten alle an der Römerstraße, die von Varennes durch die Argonnen führte. 

'Argonnerwald, Argonnerwald,

ein stiller Friedhof wirst du bald.

In deiner kühlen Erde ruht 

so manches tapfere Soldatenblut.'" 

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer Argonnen - Schrapnell
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