Aufnahme: 1915
"Der tote Kamerad"
"Die meiste Zeit hatte ich Minenbeobachtungsposten. Sobald der Feind Minen schoss, gab ich auf meiner Signalhupe Warnungssignale, damit sich jeder in Sicherheit bringen konnte. Dadurch hatte ich eine Kenntnis mir erworben, die leider nicht jeder Grabenkämpfer besaß. Ich kannte und hörte jeden Minenabschuss, beobachtete die Minen, wenn sie angeflogen kamen, und handelte dann, auch zu meiner eigenen Sicherheit, dementsprechend. Viele Kameraden haben durch ihre Vorwitzigkeit und Gleichgültigkeit früh ins Gras beißen müssen. Man musste jeden Augenblick daran denken, dass das Menschenleben hier nur an einem Faden hing, und jeden Moment musste man gerüstet sein, seine Gebeine in Sicherheit zu bringen. Wenn es unabwendbar war, so war es immer noch früh genug, den Heldentod zu sterben. Jede Gruppe musste tagtäglich einen Spanischen Reiter* anfertigen, den wir in der Dunkelheit vor den Graben warfen.
Schon längere Zeit hörte der Horchposten bei Sappe 23**, dass die französischen Mineure bei der Arbeit waren. Wir kamen dem Franzmann zuvor, und am 2. Juli mittags 2 Uhr sprengten unsere Pioniere Sappe 23. Wir standen alle an den Schießscharten, als die Explosion erfolgte. Der ganze Berg wackelte, und gewaltige Gesteinsmassen flogen in die Luft. Für den Augenblick als die Brocken herunter kamen, mussten wir alle volle Deckung nehmen. Von gegnerischer Seite setzte ein rasendes Infanterie- und Maschinengewehrfeuer ein, und es dauerte längere Zeit, bis man sich beruhigt hatte. Abends wurde der Sprengtrichter von uns besetzt und ausgebaut, die Kompanie lag in Alarmbereitschaft.
Vor den Gräben sah es wüst aus, durcheinandergehauene Bäume, ein Wirrwarr von Stacheldraht, Sprengtrichtern und Granatlöcher. Die Leichen der gefallenen Franzosen lagen bis dicht an den Schießscharten, durch die herrschende Hitze verbreiteten sie einen üblen Geruch. Überhaupt über den Stellungen schwebte ein Chlorkalk- und Leichengestank, der einem das Atmen erschwerte.
Von den Maschinengewehren zerbissen,
lag vor dem Graben, es war ein Sprung,
ein toter Kamerad, zerfetzt und zerrissen.
In einer Nacht haben wir aus zu dritt gemacht,
den Toten in unsere Zeltbahn gebunden
und uns durchs Drahtverhau geschunden.
Herrgott, wie war doch der Tote jung!
Wir Musketiere standen um den Toten stumm
wie die Tiere, jedem war es, als ob er friere.
Und es war doch eine dunkle bebende Nacht,
als wir ihn in die Stellung gebracht.
Wir Jungen haben den toten Bruder nicht begraben.
Wir waren alle viel zu jung, alle noch voll Kraft und Schwung.
Wehrleute bargen des Todes blutige Beute.
Da begruben sie auch unsere Jugenderinnerung."
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