Aufnahme: 1915

"Der Sturm bricht los"

"Punkt 4 Uhr vormittags eröffneten unsere Artillerie und Minenwerfer das Feuer. Auf einen Schlag überschütteten unsere Batterien und Werfer die französischen Gräben mit ihren schweren Brocken, es war ein ohrenbetäubendes Krachen und Bersten. In den nun folgenden 4 Stunden hatte jeder Zeit, über das nachzudenken, was nun kommen würde, ob ein Heimatsschuss winkte oder das Heldengrab. Es war eine peinliche Stimmung unter den Kameraden. Jeder war im Geiste in der Heimat. Unser Zerstörungsfeuer steigerte sich zu immer größerer Heftigkeit. Wenn einer ein Wort sprach, so musste er brüllen, um verstanden zu werden. Besonders der Luftdruck, den unsere 2-Zentner-Minen verursachten, war furchtbar. Um 7 ¾ Uhr stürzten wir aus unseren Schlupflöchern in die Sappenköpfe, wo sich die Ausfallgräben befanden. Hier spritzte um uns der Dreck, die ganze Höhe qualmte und wackelte, man konnte keine 50 Meter weit sehen. Die erste Sturmtruppe verteilte sich in dem Ausfallgraben. Wir stürmten mit umgehängtem Gewehr und Feldmütze, am Koppel 3 Stielhandgranaten und in der Hand eine. Als die Uhr Punkt 8 Uhr zeigte, gab der Pionier, der uns führte, den Befehl zum Angriff.

'Der Sturm bricht los, die Mine kracht,

der Sturmsoldat sich fertig macht.

Er kommt im Sturm bis an den Feind. 

Mit Hurra nimmt er dann die Stellung ein.'

Nicht mehr als dass wir die Köpfe über dem Grabenrand zeigten, hämmerte vor uns ein französisches Maschinengewehr. Wir schwangen uns auf Deckung, schwärmten auseinander und gingen vor. In dem Durcheinander von Stacheldraht und Baumstümpfen war an ein flottes Vorwärtskommen nicht zu denken, dabei peitschte uns ein tolles Maschinengewehrfeuer entgegen, man hörte und fühlte die Kugeln pfeifen. Der erste Graben war vom Feinde besetzt, die französischen Kugelhandgranaten flogen uns über die Köpfe, dann krachten die ersten Stielhandgranaten in den französischen Gräben. Die Grabenbesatzung ließ sich gefangennehmen.

Beim weiteren Vordringen verspürte ich plötzlich einen Schlag am rechten Bein, ich war verwundet und nicht mehr in der Lage weiterzulaufen. Ich warf mich hin und kroch zurück. Kurz vor unserem Graben stürmte die zweite Sturmkolonne über mich hinweg. In unserem Ausfallgraben angekommen, band ich mir das Bein mit einem Wischstrick ab, denn ich blutete stark. Ich hatte einen Schuss durch den rechten Unterschenkel. Beim Kompanieführer-Unterstand, den ich mit Mühe und Not erreichte, denn unsere Stellung lag jetzt unter schwerem französischem Artilleriefeuer, machte mir ein Sanitäter einen Notverband. Er hatte gerade die Wunde freigelegt, als ein Volltreffer auf den Unterstand haute und ihn eindrückte. Zum Glück standen wir in dem Treppenaufgang, aber ein Haufen Erde und Gestein fiel mir auf die Wunde und überschüttete uns. Nachdem mir der Sanitäter die Wunde verbunden hatte, arbeitete ich mich auf einem Bein durch den Laufgraben bis zum Bataillonsverbandplatz. Auf dem Wege dorthin kamen haufenweise Gefangene an mir vorbei gelaufen. Es ging alles im Laufschritt, denn der Laufgraben lag unter Feuer. Der Bataillonsarzt machte mir einen vorschriftsmäßigen Verband und frug mich, wie es vorne stünde. Was ich nun den ganzen Tag über zu sehen bekam, kann man nicht gut wiedergeben. Alles, was verwundet war, kam hierhin, viele schwer Verwundete von meiner Kompanie habe ich gesehen, viele davon ruhen im Argonner Wald. Nach kurzer Zeit stand das ganze Tal voll von französischen Gefangenen. ... Auf die gegenüberliegende Höhe und den Abhang schoss der Feind mit schweren Brocken, und ich hätte was drum gegeben, wenn ich gut aus dem Schlamassel heraus gewesen wäre.“

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer
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