Aufnahme: 1915
"Heilige Gräber in Feindesland"
"Als ich am anderen Morgen erwachte, waren wir schon an der deutschen Grenze. Unser Lazarettzugwagen war vollgepfropft bis auf den letzten Platz. Die Fahrt ging durch Lothringen, Saargebiet und Karlsruhe. Am 15. Juli kamen wir dort an und wurden vom Roten Kreuz nach der Neuen Gewerbeschule befördert. Die Schule war in ein erstklassiges Lazarett umgewandelt worden, und es gefiel mir hier sehr gut. … Am 17. August war meine Wunde geheilt, und ich wurde entlassen. Die schöne Zeit im Lazarett war leider vorbei, und ich trat am selbigen Tage noch die Fahrt an zu meinem zuständigen Truppenteil an. ...
Am 23. September 1915 wurden 75 Mann gesucht zum Ausrücken nach der Ostfront. 50 Mann meldeten sich freiwillig, ich war mit dabei. Wir wurden neu eingekleidet und ausgerüstet, und am Abend verließen wir mit klingendem Spiel und den Abschiedsgrüßen der Badegäste Bad Meinberg, wurden in Horn verladen und fuhren nach Detmold. Dort kamen noch 400 Rekruten dazu, außerdem eine Musikkapelle. … Dann ging es auf große Fahrt über Minden, Hannover, Berlin, Küstrin,Königsberg, Insterburg. ... Drei Tage dauerte die Fahrt von Tilsit nach Kowno. Es war eine wunderbare Tour durch die russischen Landschaften, zumal die Wälder in der Herbstfärbung prangten. In Kowno lagen wir eine unruhige Nacht im Hafen, und morgens um 4 Uhr liefen wir uns die ersten Blasen auf dem Kownoer Pflaster, wurden dann verladen und fuhren mit der Bahn nach Landwarowo. Hier kamen wir am 9. Oktober an. Es folgten dann 11 Marschtage über Wilna, Lolocki, Nowo Alexandrowsk. In Wilna übernachteten wir in der Kosaken-Kaserne, die anderen Nächte schliefen wir in Scheunen oder Ställen.
Verpflegung gab es nicht viel, und eine Feldküche hatten wir keine, wir mussten uns von den Früchten der Felder ernähren. Da wo ein Bächlein floss und ein Kartoffelacker winkte, wurde abgekocht, und jeden Tag gab es 40 km herunterzureißen. Überall sahen wir die Spuren des Krieges, besonders erstaunt waren wir über die überdachten russischen Schützengräben, die vor Wilna in 3 bis 4 Etagen übereinanderliefen.
Die Stadt Wilna bot uns einen besonderen schönen Anblick mit ihren vielen goldig glänzenden Kuppeln. Sonst sah man im allgemeinen, dass wir in Russland waren. In den Dörfern gab es nur Holzhäuser mit Strohbedeckung. Verschiedentlich übernachteten wir auch bei russischen Familien und lernten das idyllische russische Leben kennen. Die Straßen, die wir marschierten, kennzeichneten die Spuren vorausgegangener schwerer Kämpfe. Überall sah man zusammengeschossene russische Batterien und Munitionskolonnen. Den zum Teil noch lebenden Pferden, die dabei lagen, gaben wir den Gnadenschuss. Das, was uns noch mehr an die rauhe Wirklichkeit erinnerte, waren die Panjewagen, die vollgeladen waren von Verwundeten, und nicht zuletzt die Gräber der gefallenen deutschen Soldaten, die am Wegesrande lagen.
Heilige Gräber in Feindesland,
Einsam im Felde, am Wegesrand,
Flüchtig geschaufelt von Freundeshand,
Eingebettet, wo man sie fand.
Keine Rosen, kein Rosmarin,
Keine Veilchen euch hold erblühn.
Nur ein Kranz und ein Name drauf
Künden, wer hier vollbrachte den Lauf.
Dennoch! Ob alles verwittert, verwest,
Dennoch seid ihr uns wohlbekannt,
Heilige Gräber in Feindesland."
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