Aufnahme: 1915

"Der Tote"

"Es waren schwere Tage auf Pitkilischki, der Russe konnte sich nach der Niederlage noch nicht beruhigen, die kommenden Tage gab es immer noch lebhaftes Artilleriefeuer. Wir kamen nicht zur Ruhe, bei Tag erhöhte Aufmerksamkeit, und nachts Ausbessern der zusammengeschossenen Gräben oder im Horchpostenloch vor dem Drahtverhau. Wir hatten nicht einmal Zeit, unsere Toten zu begraben. Sie lagen alle in einem halb fertigen Unterstande, und in einer ruhigen Nacht haben wir sie am Waldrande begraben. 

Der Tote

 

Es lag schon lang ein Toter vor unserm Drahtverhau.

Die Sonne auf ihn glühte, es kühlte Wind und Tau.

Ich sah ihm alle Tage in sein Gesicht hinein,

Und immer fühlt ich's fester: Es muss mein Bruder sein.

 

Ich sah in allen Stunden, wie er so vor mir lag,

Und hörte seine Stimme aus frohem Friedenstag,

Oft in der Nacht ein Weinen, das aus dem Schlaf mich trieb:

Mein Bruder, lieber Bruder, hast du mich nicht mehr lieb?

 

Bis ich trotz allen Kugeln zur Nacht mich ihm genaht

Und ihn geholt, begraben. Ein fremder Kamerad.

Es irrten meine Augen. Mein Herz, du irrst dich nicht.

Es hat ein jeder Toter des Bruders Angesicht."

Quelle
Peter Worringer: Meine Kriegserlebnisse
Zur Verfügung gestellt von
Edgar Zens, aus dem Nachlass von Agnes Zens, geb. Worringer
Räume & Galerien
Kriegszeiten
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