Aufnahme: 1995 (Text)
Die Stieldorfer Passionsspiele*, 1. Teil
Eine Nachbetrachung von Heinrich Hillen
Bei vielen der über 70jährigen Senioren ist die Erinnerung an das herausragende Kapitel Stieldorfer Heimatgeschichte noch lebendig. In Stieldorf selbst zeugt nur noch der Straßenname "An der Passionshalle" von den zehn Aufführungsperioden zwischen 1889 und 1935. Am 30. Oktober 1935 schloss sich der Vorhang hinter der letzten feierlichen Vorstellung der Leidensgeschichte des Herrn. Die Passionsspiele Stieldorf hatten den Mitwirkenden, der ganzen Gemeinde und den zahlreichen Besuchern viel gegeben.
In seinem Beitrag im Festbuch zu den Passionsspielen 1928 beschreibt Fritz Kranz, der Oberspielleiter des Bonner Theaters, den Kern der Stieldorfer Passionsspiele:
„Die Passionsspiele in Stieldorf am Siebengebirge haben eine innere und äußere Geschlossenheit; einmal durch den Ort, an dem sie wurden, dann durch die Gemeinde, die sie trägt. Der Ort ist noch wirklich Natur und nicht Vorstadt. Die Menschen in ihm sind mit dem Urstoff, den sie zur Darstellung bringen sollen, der Bibel, durch Geburt und täglich Anschauung aufs Innigste verbunden.
Gerade diese letztere Tatsache unterscheidet die Stieldorfer Veranstaltung von den vielen anderen; denn meistens geschieht es, dass Stücke zwar von Laien gespielt werden, aber nicht von ihnen ausgehen. Es kann aber nicht Aufgabe der Laienbühne sein, Dramen des berufsmäßigen Theaters wie Schillers „Tell“ oder Körners „Zriny“ zu übernehmen. Das Passionsspiel, das die Stieldorfer aufführen, gehört gar nicht auf das Berufstheater. Der Text bringt in enger Anlehnung an die Heilige Schrift in schlichter Sprache die Darstellung des Leidens und der Auferstehung Christi. Der Vorspruch vor jedem Bild, die Chöre, die mannigfach eingestreuten lebenden Bilder wollen durch Hinweis auf die symbolischen Inhaltswerte der einzelnen Darstellungen deren Wirkung vertiefen. Kein Drama im bühnenmäßigen Sinne ist hier zu verwirklichen, kein Theaterstück, dem der Berufsschauspieler mit verwickelter psychologischer Gestaltung beikommen könnte.
Für die Bewohner dieses Ortes bedeutet die Vergegenwärtigung des Leidens Christi eine einmalige Aufgabe, zu der sie hingewachsen sind. Eine lange Geschichte der Gemeinde wie der Einzelmenschen, eine Geschichte letztlich von religiös-sittlichem Gehalt, ist mit der Einrichtung dieses Spiels verknüpft. Denn schon seit Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts besteht die Stieldorfer Passion. Sie besteht einerseits als festliches Ereignis, das in diesem Jahre sich erst zum siebten Male wiederholt und infolge der langen Zwischenpausen nicht abgenutzt ist; andererseits ist sie Zeugnis eines selbstlosen Gemeinschaftsgeistes, da sie dem Einzelnen keinen persönlichen Vorteil bringt. Begründung und Erfüllung fand das Spiel darin, dass es die Gemeinde fester verband und dem schlichten Ausdruck christlichen Lebens diente.
Schlicht ist dieser Ausdruck, volksgemäß. Wie das Stück untheatralisch ist, darf auch seine Darstellung nicht zusammenfallen mit den Gepflogenheiten des Theaters, seinen Werten und Unwerten.
Wenn nun ein Mann des Berufstheaters den Auftrag der Gesamtleitung erhielt, so musste er das notwendige Ziel eben darin sehen, diese Arbeit anders aufzufassen als die ihm am Theater gestellten Aufgaben. Er durfte aus dem Spiel, das einen Ortseingesessenen zum Verfasser hat, kein kunstgerecht gebautes Theaterstück machen, er durfte die Spiele, die tagsüber hinter dem Pflug, dem Schraubstock, dem Handwerks- oder Ladentisch stehen, nicht zu Berufsschauspielen verfälschen wollen. Seine Absicht musste in negativer wie positiver Hinsicht diese sein: zu verhindern, dass die Darsteller ihren Lebenskreis theatralisch verließen und ihnen Mut zu machen zu ihrer rustikalen Art, Hemmungen wegzuräumen, die die Entfaltung ihres einfach-starken Wesens einschränkten. Hier gilt die Gesinnung. Was gesprochen wird, wird geglaubt und gelebt. Darin liegt der Sinn der Aufführung, dass sie vor allem einen volksmäßig verwandten Kreis von Zuschauern an den biblischen Stoff in fruchtbarer Weise heranführt. Eine solche Aufführung ist dann gut, wenn sie innerlich wahr ist. Zu ihrer inneren Wahrhaftigkeit gehört aber auch gegebenenfalls Ungleichmäßigkeit der Leistungen. Was sie stilistische einen soll, ist die symbolische Einfachheit und Größe der Gesten, die ungeschminkte Sprache frommer Überzeugung. Vielleicht, dass nur so, durch die Bescheidung der Mittel, durch den Verzicht auf psychologische Gestaltung, die Bühne der Hoheit des biblischen Geschehens gerecht werden kann. Vielleicht auch, dass damit ein dem Berufstheater verloren gegangener Wert wenigstens annäherungsweise wiedergefunden wird: Spiel aus dem Volk, durch das Volk, für das Volk.“
Seit fast 30 Jahren sammelt der Lehrer Heinrich Hillen schriftliche Dokumente und Bilder von diesem Kapitel Königswinterer Heimatgeschichte. Mit dem folgenden Aufsatz möchte er die Erinnerung an das Leben und die Leistung der früheren Generation im Kirchspiel Stieldorf wachhalten.
Die Gründung der Passionsspiele Stieldorf
Die Wurzeln der Passionsspiele Stieldorf liegen in den weltbekannten Oberammergauer Passionsspielen, und als Gründer hat der Landwirt Michael Weyler zu gelten. In seinem Totenzettel vom 31. Oktober 1920 ist zu lesen: „Der Verewigte war geboren in Oberscheuren am 23. April 1841 und diente Gott im jungfräulichen Stande bis an das Ende seines Lebens. Aus seinem tiefgläubigen, für die Schönheiten des katholischen Gottesdienstes empfänglichen Herzen entspross die Liebe und Begeisterung für die religiöse Kunst, welcher er als Leiter des Kirchenchores jahrzehntelang diente. Die Passionsspiele in Oberammergau weckten in ihm den kühnen Gedanken, für die Heimat Ähnliches zu schaffen. Seiner Willenskraft und Opferwilligkeit, die vor keiner Schwierigkeit zurückschreckten, verdankt das Stieldorfer Passionsspiel Entstehung, Entfaltung und Ansehen. Selbstlos und treu hat er den Zweifelnden recht geraten, den Notleidenden geholfen und seine reiche Lebenserfahrung in den Dienst des allgemeinen Wohls gestellt.“
Michael Weyler war auf dem elterlichen Hof im Kreise von sechs Geschwistern aufgewachsen, hatte die Volksschule freiwillig besucht, von 1863 bis 1867 seinen Militärdienst in Berlin abgeleistet, arbeitete als Landwirt und leitete bis 1905 den Kirchenchor von Stieldorf. Als begeisterter und unabhängiger Junggeselle unternahm er oft größere Reisen. So besuchte er 1880 die Passionsspiele in Oberammergau und Erl, die einen tiefen und nachhaltigen Eindruck auf ihn machten. Nach seiner Rückkehr erzählte er wohl so begeistert, dass drei seiner Sangesfreunde, die Landwirte und Handwerker Peter Wolter, Heinrich Knüttgen und Michael Reintgen die Aufführung eines Passionsspiels in Stieldorf vorschlugen. Ein passender Text wurde im Verlag Kirchheim in Mainz gefunden, nach anfänglichem Zögern willigte Weyler ein und bereitete mit Eifer die erste Aufführung vor.
Nach einem Vostandsbeschluss fand die erste Aufführung am Sonntag Laetare 1889 im Saal Schreckenberg statt. Weitere folgten bis zum Palmsonntag. Die etwa 90 Mitwirkenden verhalfen dem Passionsspiel zu einem großen Erfolg, obwohl Michael Weyler sein Werk als ein bescheidenes Laienspiel verstanden wissen wollte.
Am 19. April 1890 erschien in der Presse ein Artikel über Ort und Aufführung, der mit der Feststellung schloss: „Man wird sich voraussichtlich noch viel mit diesem Spiel beschäftigen und man kann nur wünschen, dass sich die Leute von Stieldorf durch den Erfolg nicht verleiten lassen, den heiligen Ernst bei ihrem Spiel zu verlieren.“
Ermunterung durch Erfolg: weitere Aufführungsperioden
Da bei der letzten Aufführung hunderte von Besuchern umkehren mussten, spielten die Stieldorfer auch in der Fastenzeit 1890 weiter. Stets war der Saal überfüllt. Das Stieldorfer Spiel wurde im Rheinland bekannt, und die Presse gab das Attribut „Stieldorf, das Rheinische Oberammergau“.
Die Männer und Frauen des Anfangs entwickelten nun neue Aktivitäten: Michael Weyler erarbeitete einen neuen Text, der in Anlehnung an den Oberammergauer in dreizehn Bildern das Leiden und Sterben Jesu bis zur Auferstehung würdig und ergreifend schilderte, allerdings auf eine Spieldauer von von viereinhalb Stunden reduziert. Pfarrer Albert Pfeifer schrieb zu jeder Darstellung einen Vorspruch und einen Chorsatz**. Die Kompositionen dazu schuf der Kirchenmusiker August Wiltberger aus Brühl.
Die zu den ersten Aufführungen in Duisburg ausgeliehenen Gewänder befriedigten nicht mehr. Kanonikus Bock aus Aachen hatte Gewänder beschrieben, die koptischen Gräbern entstammten. Nach diesen Entwürfen wurden durch die Firma Fehrlings & Keussen in Krefeld Stoffe gewebt und Gewänder angefertigt, die über 10 000 Mark kosteten.
Die erste Passionsspielhalle wurde für die Aufführungszeit 1892 mit über 1000 Sitzplätzen errichtet. Den Bühnenbau übernahm Schreinermeister Johann Fußhöller. Nach zweijähriger Vorbereitung wurde die Spielzeit 1892 ein überwältigender Erfolg. Das zeigte sich auch durch den Abschluss mit einem finanziellen Reingewinn, der für gemeinnützige und wohltätige Zwecke verwandt wurde.
Michael Weyler und seine Freunde erkannten, dass die Entwicklung der Passionsspiele Stieldorf eines festen Organisationsplanes bedurfte. Ein Vorstand wurde aus dem Spielerkreis bestellt, Aufgaben wurden verteilt und Aufführungen im Fünf-Jahres-Rhythmus beschlossen.
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*Anm. d. Red.: Die Nachbetrachtung von Heinrich Hillen erschien 1995 unter dem Titel "Das Ende der Stieldorfer Passionsspiele vor 60 Jahren" in der Siebengebirgs-Zeitung, siehe unten.
**Gemeint ist wohl der Text für einen Chor (Anm. d. Red.).
Foto: Der Gründer der Passionsspiele Stieldorf, Michael Weyler (1841-1920), Dirigent des Kirchenchores (Passionschores), Verfasser des Textes 1892, 1. Vorsitzender des Passionsspielvereins 1912 (hier als Sprecher des Prologs).
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