Aufnahme: 1975
Ein bemerkenswertes Konzert an zwei Klavieren
Drei junge Künstler hatten im Rahmen der Rathauskonzerte zu einer Nachmittags-Veranstaltung am 29. Juni nach Oberpleis eingeladen. Die Besucher fanden einen veränderten Rathaussaal vor: Die beiden schmalen Schimmel-Klaviere standen in der Mitte, um sie herum im Oval die Stuhlreihen. So musizierten die Künstler inmitten ihrer Zuhörerschaft und bei nur geringer Distanz, so daß man ihnen gut „auf die Finger sehen" konnte. Einen kleinen Nachteil hatte diese Aufstellung der Instrumente, da den Zuhörer - gleichgültig, wo er seinen Sitzplatz hatte - der Klang eines Klavieres bevorzugt, der des anderen benachteiligt erreichen mußte.
Die Werke für zwei Klaviere spielte nicht ein Klavier-Duo, das lange aufeinander eingestellt war, sondern drei Musiker hatten sich in die Aufgabe geteilt, wobei Edgar Zens, der einzige Nichtberufsmusiker unter ihnen, den Löwenanteil zu bestreiten hatte. Er übernahm bei jedem der fünf Werke einen Part und mußte sich jeweils auf einen anderen Mitspieler einstellen. Das Programm war allein vom Umfang her sehr anspruchsvoll, das mit seinen ca. 120 Spielminuten auch dem Publikum einiges an Leistung abverlangte. Dabei half dem Konzertbesucher eine kurze Einführung in jedes Werk, seinen Komponisten und dessen Zeit, die der gedruckten Vortragsfolge beigegeben war, so daß sich der Zuhörer schnell informieren konnte und leichter zu folgen vermochte. Eine kleine zusätzliche Bitte: Man möge zwischen den Sätzen eines Werkes nicht klatschen, das könnte vielleicht verhindern, daß ein Gesamteindruck durch vorzeitigen Applaus zumindest gestört wird.
Mit dem berühmten Konzert für zwei Cembali und Orchester in C-Dur von J. S. Bach eröffneten Angela Billerbeck und Edgar Zens das Programm. Das Fehlen des Orchesters bei dieser Aufführung bedeutet, namentlich in einem relativ kleinen Raum, keine Schmälerung für das Werk, zumal der größere Klavierklang gegenüber dem spitzeren Ton eines Cembalos stärker füllt. Einfühlsam gestalteten die beiden Pianisten das Werk, stilrein und mit sauberer Technik. Ihr gutes Zusammenspiel fiel ganz besonders in dem zarten Mollsalz auf, in dem sie eine vergeistigte Atmosphäre zu schaffen verstanden, die sich unmittelbar auf die Zuhörer übertrug. Klar arbeiteten beide das einprägsame, lebensbejahende Fugenthema heraus und vermittelten eine gute Übersicht des Aufbaus dieser großen kontrapunktischen Barockform. Der weiche Ton beider Klaviere hätte - besonders bei schnellen Läufen - zum Verschwimmen des Klanges führen können, hätten nicht die beiden Musiker deutlich auf jedes ritardando und crescendo verzichtet und dynamisch gut terrassiert gespielt. Vielleicht würde ein ausgeprägteres leggiero dem hellen, metallischen Cembaloklang noch näher kommen.
Nach kurzer Pause erklang die im Konzertsaal leider zu selten dargebotene C-Dur-Sonate für vier Hände KV 521 von W. A. Mozart, diesmal gespielt von Otto Beatus und Edgar Zens. Dieses meisterhafte Spätwerk des Komponisten ist erfüllt von Heiterkeit und Lebensfreude, die vornehmlich in den Ecksätzen Ausdruck finden, während der besinnliche Mittelsatz einen anderen, stärker nach innen gekehrten Wesenszug Mozarts offenbart. Es gelang beiden Künstlern ausgezeichnet, den verschiedenen Stimmungslagen und dem Geist des Komponisten gerecht zu werden, wobei sich Beatus als stärker profiliert zeigte. Hier störte es wohl am meisten, daß die kleinen Schulklaviere nur ein beengtes Klangvolumen haben. Trotzdem holte Otto Beatus, der den Primpart spielte, mit einem hellen, weichen und durchsichtigen Mozartanschlag das Mögliche aus dem Instrument heraus. Unklar blieb, warum diese Sonate nicht an einem Klavier gespielt wurde, wie sie der Komponist konzipiert hat. So mußte es unlogisch erscheinen, daß jeder der beiden Spieler immer nur denselben begrenzten Ausschnitt der Tastatur benutzte, daß das Korrespondieren (mit Echowirkungen etwa) fehlte, wie es gerade bei zwei Klavieren möglich ist.
Der zweite Teil des Konzert es umfaßte Werke des 19. und 20. Jahrhunderts: Chopin, Debussy und Darius Milhaud. Angela Billerbeck und Edgar Zens spielten das tänzerische Rondo für zwei Klaviere C-Dur op 73 von Chopin hervorragend. Die Diszipliniertheit ihres Zusammenspiels ist besonders zu unterstreichen. Der weiche Klang der Instrumente kam dem romantischen Klangbild Chopins sehr entgegen und wurde von beiden Musikern gut genutzt. Die „Petite Suite" von Debussy, durch Beatus und Zens wiedergegeben, faszinierte in ihrer gut eingefangenen Atmosphäre, mit verschiedenen Charakteren und sehr eigenwilliger Rhythmik. Die saubere Technik beider Spieler bestach erneut.
„Scaramouche" von Milhaud, zum donnernden Kehraus vieler Klavierduos geworden, stand auch hier am Ende des Programms und wurde von Beatus und Zens mit sichtlicher Spielfreude vorgetragen. Glücklicherweise blieb die Sorge unbegründet, der brutale 3. Satz im Sambarhythmus könne alle Geistigkeit der vorangegangenen Werke zerschlagen. Die Spieler blieben gezügelt, vielleicht hatte auch das begrenzte Klangvolumen der Instrumente einen heilsamen Einfluß. Das mitreißende Werk begeisterte die Zuhörer gewaltig, so daß der letzte Satz wiederholt wurde. Trotzdem sei die Frage erlaubt, ob eine Programmumstellung nicht sinnvoll sein könnte (auch wenn sie die strenge Chronologie durchbräche), um die Zuhörer mit einem geistig erfüllten Werk auf den Heimweg zu entlassen.
Allen drei Vortragenden wurde lebhafter, wohlverdienter Beifall zuteil. Sie bedankten sich mit einem Blumenstrauß bei ihrer Musikbetreuerin, Frau Carola Schenk, Siegburg, die es offensichtlich verstanden hat, den jungen Pianisten musikalische Leitlinien und geistige Perspektiven zu vermitteln.
Fr. Hadlich
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