Aufnahme: 1967
Stieldorfer Passionsspiel
Teil I. Aus den Anfängen der Passion
Über dem lieblichen Pfarrdörfchen Stieldorf liegen die letzten Strahlen eines vergehenden Sommertages, brechen sich in den hochstrebenden Baumkronen, die wie eine dichte Mauer den ganzen Ort einschließen und lassen den schmalen Kirchturm, der alles überragt, golden aufleuchten. Im Hintergrund reckt der König des Siebengebirges, der Ölberg, sein schön profiliertes Haupt in den tiefblauen Abendhimmel.
Man schreibt das Jahr 1880. Auf einer kleinen Anhöhe über Stieldorf steht sinnend ein wettergebräunter, bärtiger Mann in tiefer Betrachtung versunken. Es ist der Landwirt Michael Weyler, ein begüterter, unabhängiger Junggeselle aus Oberscheuren (Pfarrei Stieldorf). Gestern erst ist er von einer großen Reise zurückgekehrt. Von einer Reise in die Bayrischen Alpen zum Passionsspielort Oberammergau. Hier erlebte er die weltberühmten Passionsspiele. Auf der langen Heimfahrt gestern und auch heute den ganzen Tag über, hat ihn eine innere Unruhe befallen. Immer wieder sieht er die ergreifende Darstellung der Oberammergauer vom Leiden und Sterben Jesu an seinem geistigen Auge vorüberziehen.
Auch jetzt, während er dieses abendliche Idyll betrachtet, sieht er in Gedanken anstelle der St. Margaretenkirche seines Heimatortes Stieldorf die Pfarrkirche in Oberammergau vor sich und die blauschimmernden Kuppen des Siebengebirges erinnern ihn an das romantische Ammergebirge. Während er den schmalen Feldweg hinabschreitet, vorbei an überreifen Kornfeldern und saftiggrünen Wiesen, nimmt er sich vor, bei der heute Abend stattfindenden Probe des Kirchenchores Cäcilia in Stieldorf, dessen Dirigent er ist, seinen Freunden von diesem ergreifenden Erlebnis zu erzählen. Und Michael Weyler erzählt an diesem Abend viele Stunden lang. Seine lebhafte Schilderung von den Spielen der oberbayrischen Bauern begeistert seine Stieldorfer Landsleute so sehr, daß hier und da der zaghafte Wunsch laut wird, ob man nicht in ähnlicher Weise wie die Oberammergauer ein Passionsspiel aufführen könne. Es ist schon späte Nacht, als die Stieldorfer Sänger endlich auseinandergehen.
Das erste Passionsspiel wird geplant
Monate und Jahre sind seit diesem Abend ins Land gezogen. Das Leben in der kleinen Siebengebirgsgemeinde Stieldorf geht seinen gewohnten Gang. Die Bauersleute, Handwerker und Tagelöhner verrichten getreu ihre Arbeit, gehen des sonntags in die Kirche, treffen sich beim Frühschoppen und dann und wann einmal bei einer geselligen Veranstaltung. Niemand von ihnen ahnt wohl, daß das, was sich in aller Stille tut, ihrer aller Leben einmal völlig umkrempeln wird und das ihr stilles Dorf weithin bekannt und berühmt werden sollte. Allwöchentlich treffen sich die Sängerinnen und Sänger des Pfarrcäcilienchores in einem Gasthaus unweit der Pfarrkirche zu ihrer regelmäßigen Probe. Aber sie sind nicht mehr so recht bei der Sache. Seit Jahren schon bedrängen sie ihren Dirigenten Michael Weyler, der ihnen so vieles vom Oberammergauer Passionsspiel in begeisternder Erzählung mitgeteilt hatte, hier in Stieldorf ebenfalls die Leidensgeschichte Christi darzustellen.
Vor allem sind es die Landwirte und Handwerker Peter Wolter, Heinrich Knüttgen und Michael Reintgen, - sie stammen alle aus Stieldorferhohn - die ihren Dirigenten in den letzten Jahren immer wieder für diesen Gedanken zu begeistern versuchen. Der verhält sich zunächst ablehnend und macht seine Freunde auf die großen Schwierigkeiten und finanziellen Probleme, die sich einem solchen Plan entgegenstellen, aufmerksam. Schließlich aber gibt er dem intensiven Drängen nach und widmet fortan alle Kräfte seiner starken Persönlichkeit dem großen Werke der Passionsspiele.
Aus dem Verlag Kirchheim in Mainz verschaffte er sich ein Textbuch, das ein Priester der Diözese Trier verfaßt hat, sucht die Spieler aus, verteilt die Rollen, studiert den Chor ein und plant und organisiert. Nach jahrelanger mühevoller Vorarbeit ist es dann endlich soweit. Am Sebastianustag, dem 20. Januar 1889, findet in einem Gasthaussaal die erste Aufführung der Passion Christi statt. Natürlich ist es nur ein bescheidenes Laienspiel, und als solches soll es im Sinne Weylers verstanden werden. Es wirken aber bei dieser ersten Veranstaltung schon etwa 90 Spielerinnen und Spieler mit. Der Besuch des ersten Spieles ist groß. Natürlich möchte jeder aus der Pfarrgemeinde Stieldorf einer solchen Aufführung beiwohnen, zumal doch aus allen Orten und aus vielen Familien die Darsteller kommen.
Der Beifall der Zuschauer will nicht enden und ermutigt Michael Weyler und seine Freunde zum Weitermachen. In dieser Fastenzeit und im Jahre darauf, 1890, werden weitere zahlreiche Spiele aufgeführt, die alle gut besucht sind und die immer neue Begeisterungsstürme auslösen. Inzwischen ist man überall in rheinischen Landen auf die Stieldorfer Passionsspiele aufmerksam geworden. Immer mehr Besucher melden sich an, so daß der Saal ständig überfüllt ist und viele nicht mehr fassen kann.
Die erste Passionsspielhalle wird erbaut
Durch diese großen Erfolge ermuntert, beschließen Michael Weyler und seine Stieldorfer Landsleute, den Spielen ein besonderes Gepräge zu geben und sie zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Mit dem bisher erspielten Reinertrag baut man ein eigenes Festspielhaus. Es ist dies ein einfach gezimmertes, breit sich hinlagerndes Holzgebäude, dessen Inneres eine breite, einfache Bühne mit einer kleinen abgeschlossenen Tiefbühne vor der Mitte derselben und von da an, allmählich aufsteigend, Holzbänke für die Zuschauer enthält. Abweichend von dem Oberammergauer Passionsspielhaus ist hier der ganze Zuschauerraum überdacht. Während andere an dieser Halle bauen, arbeitet Michael Weyler einen neuen Text aus, da er mit dem alten nie so recht zufrieden war. In Anlehnung an das Oberammergauer Spiel soll dieses neue Textbuch in 13 Darstellungen bzw. Bildern das Leiden und Sterben des Welterlösers würdig und ergreifend schildern.
Große Unterstützung findet Weyler nun auch im damaligen Stieldorfer Pfarrer Albert Pfeiffer und in Kaplan Becks. Pfarrer Pfeiffer schreibt in schlichten Versen zu jeder Darstellung einen Vorspruch und einen Chor. Pfarrer Pfeiffer (er starb im Jahre 1907 und wurde auf dem Stieldorfer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet) und Michael Weyler schaffen somit das „Stieldorfer Passionsspiel" wie es den dortigen Verhältnissen entspricht. Schließlich gelingt es den Passionsspiel-Verantwortlichen den bekannten rheinischen Kirchenkomponisten August Wiltberger, der am Lehrerseminar in Brühl Musikdirektor ist, für die einheitliche musikalische Bearbeitung der Chöre zu gewinnen. Ferner übernimmt der Kanoniker Dr. Bock in Aachen die Ausstattung der Gewänder. Er gibt ihnen die richtige historisch-biblische Form indem er sie nach Mustern entwirft, die man einst in koptischen Gräbern fand.
Nach sorgfältigen Vorbereitungen, die fast zwei Jahre dauern, wird in der Fastenzeit des Jahres 1892 das Passionsspiel in der neuerrichteten Festspielhalle aufgeführt. Der Erfolg ist überwältigend. Wieder einmal hat Michael Weyler vermöge seines gesunden Urteils und frommen Sinnes so sehr das Richtige getroffen, daß nun selbst Kunstverständige, wenn sie auch noch Einzelnes tadeln, doch dem Ganzen ihre Bewunderung nicht versagen. Es hat sich auch als richtig erwiesen, daß Weyler ein eigens auf die Stieldorfer Verhältnisse „zugeschnittenes" Passionsspiel ausarbeitete. Es wirkt echter, lebensnaher. Die fast 200 Mitwirkenden gehen ganz in der ihnen zugeteilten Rolle auf. Die einzelnen Akte dieses neubearbeiteten Passionsspieles umfassen: Den Abschied Jesu von den hl. Frauen in Bethanien, das Abendmahl, die Belohnung des Judas für seinen Verrat, Jesus am Olberg, vor Annas, vor dem hohen Rat, vor Pilatus, vor Herodes, wie Jesus zum Tode verurteilt wird und sein Kreuz trägt, Jesus am Kreuze, die Klage der hl. Frauen und Freunde des Herrn am Grabe, und die Auferstehung.
Die Darstellung Jesus am Kreuze ist natürlich das Ergreifendste und Erhabenste im ganzen Drama, es mußte deshalb alles doppelt sorgfältig vermieden werden, was die Illusion hätte stören können. Deshalb läßt Michael Weyler — abweichend von dem Oberammergauer Brauch — Christus nicht die sieben Worte am Kreuze sprechen, weil dies, wenn es in geziemender Weise geschehen soll, mit den langen Zwischenräumen geraume Zeit in Anspruch nimmt. Während dieser Zeit könnten sich der Zuschauer leicht der peinlichen körperlichen Lage des Christus-Darstellers bewußt werden. Für die Szenerie des Abendmahls wählt Weyler als Vorbild die weltbekannte bildliche Darstellung von Leonardo da Vinci. Die Konsekrationsworte läßt er jedoch aus Ehrfurcht aus.
Die Sprache des Textes ist würdig und nicht ohne poetische Schönheiten. Das Spiel dauert 4 1/2 Stunden. Das ist zwar eine lange Spieldauer, doch diese Zeit vergeht den Zuschauern wie im Fluge. In dieser Form und Ausstattung werden die Spiele den ganzen Sommer 1892 aufgeführt. Durch den zahlreichen Besuch der Spiele ist es möglich, trotz erheblicher Unkosten, das Jahr 1892 mit einem finanziellen Gewinn abzuschließen. Michael Weyler und seine Freunde lassen den Reingewinn gemeinnützigen und wohltätigen Zwecken zugute kommen.
Michael Weyler erkennt nun, daß die „Stieldorfer Passionsspiele" den anfänglichen Kinderschuhen längst entwachsen sind und einen Umfang annehmen, den man anfangs nicht vorausgesehen hat. Er und seine Freunde gehen nun daran, einen tiefgreifenden organisatorischen Plan aufzustellen. Es wird eine eigene Spielleitung mit verschiedenen Ressorts gegründet. Man legt die Aufgaben jedes einzelnen fest und steckt sich neue Ziele. Die Aufführungen sollen nunmehr alle 5 Jahre stattfinden, also erstmals wieder 1897.
Das Leben und Werk Michael Weylers
Am 23. April 1841 wurde Michael Weyler in seinem Elternhaus in Oberscheuren, Gemeinde Stieldorf, geboren. Unter der liebevollen elterlichen Fürsorge wuchs der kleine Michael im Kreise seiner 6 Geschwister heran. Vom 7. bis zum 16. Lebensjahr besuchte er dann auf eigenen Wunsch die kath. Volksschule in Rott. Obwohl Oberscheuren eigentlich zum Schulbezirk Rauschendorf gehörte, nahm er diesen weiten und beschwerlichen Weg zu dem zur Gemeinde Hennef gehörenden Ort Rott gerne in Kauf, weil, wie er immer zu sagen pflegte, hier ein besonders gut ausgebildeter Lehrer unterrichtete.
Der sehr intelligente und talentierte junge Michael Weyler hätte sicher gerne eine weiterführende Schule besucht, doch auf seines Vaters großem landwirtschaftlichem Betrieb wurde er nötig gebraucht. So blieb er daheim und führte als Landwirt das väterliche Erbe zu hoher Blüte. Michael Weyler diente Gott im jungfräulichen Stande bis an das Ende seines Lebens. Aus seinem tiefgläubigen, für die Schönheiten des kath. Gottesdienstes empfänglichen Herzen entsproß die Liebe und Begeisterung für die religiöse Kunst, welcher er als Leiter des Stieldorfer Kirchenchores über 50 Jahre lang diente.
Der begüterte Junggeselle machte des öfteren größere Reisen, die ihn im Jahre 1880 auch nach Oberammergau führten. Die weltberühmten Passionsspiele weckten in ihm den kühnen Gedanken, für die Heimat ähnliches zu schaffen. Seiner Willenskraft und Opferwilligkeit, die vor keiner Schwierigkeit zurückschreckte, verdankt das Stieldorfer Passionsspiel Entstehung, Entfaltung und Ansehen. Selbstlos und treu hat er den Zweifelnden recht geraten, den Notleidenden geholfen und seine reiche Lebenserfahrung in den Dienst des allgemeinen Wohles gestellt.
Am 31. Oktober 1920, abends um 1/2 9 Uhr starb der „Gute Geist" der Stieldorfer Passionsspiele im Alter von 79 Jahren in seinem Elternhaus in Oberscheuren. Mit Wehmut hatte er die politische und wirtschaftliche Entwicklung in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg verfolgt. Immer wieder versuchte er, die Passionsspiele, die im Jahre 1909 ihr vorläufiges Ende fanden, zu neuem Leben zu erwecken, doch scheiterte jeder Versuch an dem wirtschaftlichen Unvermögen der Stieldorfer Bevölkerung. Niemand weiß, was in den letzten Stunden in diesem alten Manne vorging, ehe er für immer die Augen schloß. Sicherlich werden seine Gedanken auch bei dem großen Werk verweilt haben, das er einst ins Leben rief und das nun zerstört sein sollte.
Er konnte allerdings nicht ahnen, daß seine vielen Stieldorfer Freunde schon wenige Jahre später die Passionsspiele zu einer solchen Größe wieder aufbauten, daß sie national wie international zu einem einzigartigen, volkskünstlerischen Unternehmen wurden. Heinrich Hönnighausen schrieb acht Jahre nach dem Tode Michael Weylers zur Erinnerung an den Begründer der Stieldorfer Passionsspiele folgende Verse: „Des Gründers Geist" Ganz leise sinkt die Nacht! Verrauscht das Spiel, verklungen die Gesänge, Verschwunden Stimmgewirr und Volksgedränge, Die weiten Räume wieder einsam, leer, und tiefes, tiefes Schweigen ringsumher. Die Sternlein halten Wacht! Der Mond zieht seine stille Bahn! Von seinem Silberglanze übergossen Schlummern nun Kirch' und Halle lichtumflossen. Unheimlich nur in all' dem fahlen Schein der nächt'ge Friedhof. Da tönt laut hinein Uhrschlag vom Turm, dem nah'n! Zwölfmal hallt's dumpf und schwer! S' ist Mitternacht nun, der Gespenster Stunde. Und sieh, o Graus! entsteigt da nicht dem Grunde des Grab's geheimnisvoll eine Gestalt, Erhebt sich, schwebt, macht vor dem Festhaus halt, wie wenn's vertraut ihr wär? Dort steht sie lang und sinnt! Ich aber fühl' mein Grausen mählich schwinden, ich schau und schau, kann nichts mehr schreckhaft finden. Mir scheint, es ist gewiss ein guter Geist, der frommer Stätte seine Gunst erweist.
Da hebt sich leis der Wind! Es weht ihr weiß Gewand! Und staunend seh' ich aus der Leinwand Hülle, umrahmt von Lockenhaar und langen Bartes Fülle, ein Greisenantlitz, kindlich fromm und rein. Das kann ja nur der Geist des Grunders sein. Jetzt hab' ich ihn erkannt! Sein Auge strahlt vor Glück! Er sieht das Werk, das er uns einst erworben, das nimmer ist mit seinem Tod gestorben. Und Segensworte murmelt leis' sein Mund, bis das beim dumpfen Schlag der ersten Tagesstund' er steigt ins Grab zurück.
Die Passionsspiele um die Jahrhundertwende
Etwa zehn Kilometer östlich von Bonn, an den Nordabhängen des Siebengebirges und nahe der Kleinbahnstation Birlinghoven liegt zwischen gelben Kornfeldern und grünen Obstgärten das freundliche Pfarrdörflein, in dem seit anderthalb Dezennien (Jahrzehnten) in jedem fünften Jahre vielbesuchte Passionsspiele abgehalten werden. Die deutsche Presse hat den merkwürdigen Veranstaltungen, die die Oberammergauer Passion auf rheinischen Boden verpflanzt und mit rheinischem Geiste durchtränkt haben, bisher nicht viel Beachtung geschenkt, weil die Werbetrommel einer gut organisierten Reklame von keiner Seite gerührt worden ist, und doch verdienen diese Spiele ihres ernsten Charakters und ihres volkstümlichen Gepräges wegen, ein mehr als lokales Interesse. Diese Schlagzeilen prangen auf der „Bonner-Zeitung" in der Ausgabe vom Sonntag, dem 20. Juli 1902. Was ist geschehen, daß sich nun auch zum ersten Male die Presse mit den Stieldorfer Passionsspielen befaßt?
Stieldorf wurde in den letzten Jahren zu einem Begriff in den Rheinlanden und weit darüber hinaus. Nach erneuten großen Erfolgen 1897 wiederum spielte man den ganzen Sommer lang, und so erhielt der Ort den Namen „Das rheinische Oberammergau“. Der Andrang zu den Spielen hat ständig zugenommen, so daß die Festzelthalle, um weitere Besucher zu fassen können, vergrößert werden mußte. Beim Bau dieses neuen, größeren Festzelthauses ziehen die Stieldorfer nur die besten Kräfte in dieser Branche zu Rate. Die Bühne selbst ist eine getreue Kopie des Oberammergauer Schauspielhauses. Sie ist im Ganzen, wie in ihren einzelnen Teilen ein wahres Kunstwerk und ist ein Verdienst der Herren Otto Müller, Bad Godesberg und Michael Dammers, Bonn.
Ein breites Podium, das quer durch den Saal von einer Längswand zur anderen läuft, gestattet dem Chor und den Volksmassen freie Bewegung. Hinter dem Podium und zwar genau in dessen Mittelachse, liegt die eigentliche Bühne, dann kommen zur Rechten und Linken die Oberammergauer Torbogen mit ihrer Durchsicht in das Innere von Jerusalem. An diese Torbogen schließen sich auf der äußersten Rechten das Haus des Hohen Priesters Annas und auf der äußersten Linken der Palast des Pilatus an, beide mit dem Podium durch hohe Freitreppen verbunden. Die Inneneinrichtung der Bühne ist durchaus modern und technisch fast vollkommen. Ein praktisch eingerichteter Schnürboden gestattet den schnellsten Kulissen- und Dekorationswechsel. Weitläufige Garderoben liegen neben wohl geordneten Requisiten-kammern. Die Gänge hinter den Kulissen sind breit und bequem.
Auf der rechten Seite der Bühne, hinter dem Haus des Annas, hat sogar eine wertvolle Orgel, die in der Klais`schen Orgelbau-Anstalt erbaut wurde, Platz gefunden. Aber mit all dem nicht genug, die Stieldorfer Festspielleitung läßt auch noch von der Firma Anton Prinz in Oberdollendorf eine für damalige Verhältnisse fast unerschwingliche und auch nicht ungefährliche Acetylen-Glühlicht-Beleuchtung für die Bühne einbauen. Es ist wohl verständlich, daß durch alle diese umfangreichen Anschaffungen die Unkosten erheblich steigen, so z. B. erreichen sie im Jahre 1902 die für Stieldorfer Verhältnisse immerhin beträchtliche Höhe von etwa 50 000 Mark. Aber schon Ende der Spielzeit des Jahres 1902 kann die Spielleitung sämtliche Schulden begleichen, die geliehenen Gelder — die Stieldorfer Bürger gaben für diese gute Sache Darlehen - zurückzahlen und hält auch noch eine größere Summe als Reingewinn übrig.
Diesmal ruht für sieben Jahre der Spielbetrieb, um dann im Jahre 1909 seinen vorläufigen Höhepunkt zu erreichen. Allein die Besucherzahl — es sind über 50 000 - ist sensationell. Sonntag für Sonntag, den ganzen Sommer über, wallfahrten Arme und Reiche, Städter und Bauern aus allen Gegenden Deutschlands zum Passionsspielort Stieldorf, um hier das Spiel der einfachen Landwirte und Handwerker mitzuerleben. An solchen Tagen gleicht der sonst so stille Ort einem kleinen Jahrmarkt. Rings um das Festspielhaus ist eine kleine Stadt von Buden und Erfrischungszelten entstanden, und so manche Stieldorfer Familie hat durch diesen Fremdenverkehr ein lohnendes Neben-verdienst. Wenn es dann vom Turm der Pfarrkirche 3 Uhr schlägt und das erste Glockenzeichen ertönt, kommt Bewegung in die Menschenmenge vor dem Dorf. Alles drängt der Festspielhalle zu und nimmt in dem schattig-kühlen Raum Platz. Ein buntes zusammengewürfeltes Publikum ist kaum zu denken, aber so verschieden die Elemente auch sein mögen, die hier zusammenfinden angesichts der einfachen Größe, die von dem Spiel der Stieldorfer Bauern ausgeht, schweigen alle Gegensätze. Dazu kommt, daß die Passionsgeschichte, mag man sie vom religiösen oder rein menschlichen Standpunkt aus betrachten, auf jeden empfänglichen Besucher eine tiefe Wirkung ausübt, die von vornherein eine gewisse gleichartige Stimmung im Publikum erzeugt und so den Boden schafft, auf dem ein Erfolg am besten gedeiht.
Und das gesunde, herzerfrischende Spiel der Stieldorfer hat stets neuen Erfolg und gibt jedem, der die Festspielhalle verläßt, etwas seltsam Ergreifendes mit auf den Weg. Zu einem besonderen Ereignis für die Stieldorfer wird der Besuch der Königin von Schweden, die mit großem Gefolge dem Passionsspiel beiwohnt. Im Spätherbst des Jahres wird die Spielzeit 1909 abgeschlossen. In jenen Tagen kann man im „General-Anzeiger für Bonn und Umgegend" lesen: „Ein Riesenwerk vollbringen die Stieldorfer Pfarrkinder mit ihrem Passionsspiel und Staunen erfüllt den Beobachter, der hier solches entstehen sah. Staunende Bewunderung auch für den Mann, der die Sache mit unermüdlicher Sorge und genialem Geiste zur Vollendung geführt hat, Herrn Michael Weyler
Die hervorrangendsten Spieler in den Jahren 1889 bis 1909
In den Spielzeiten der Jahre 1889, 1892, 1897, 1902 und 1909 ragten besonders folgende Spieler hervor: Die Brüder Peter und Wilhelm Wolter als Darsteller des Christus, die mit heiligem Ernst und redlichem Wollen an ihre Aufgabe herangingen. Der Hohepriester Kaiphas wurde von Schreinermeister Heinrich Koch und Landwirt Wilhelm Reintgen dargestellt, Beide gaben ihrem Spiel eine verblüffende Echtheit. Den Darstellern des Judas, Wilhelm Blesgen und Heinrich Jonas, gelang es vortrefflich, dem von Habsucht und Ehrgeiz gepeitschten Jünger einige menschliche Züge zu geben. Die überragende Persönlichkeit des hl. Petrus wurde von Joseph Kreutzer dargestellt. Von ihm erzählt man sich noch heute, daß er ein besonders gottesfürchtiger und frommer Mann gewesen sei.
Wie ernst Joseph Kreutzer seine Darstellung als Apostel Petrus nahm, zeugt davon, daß er kurz vor jedem Spielbeginn vor dem Altar seiner geliebten Pfarrkirche St. Margareta in Stieldorf niederkniete und sich stillbetend auf seine Rolle vorbereitete. Große Verdienste erwarb sich aber auch die „technische Besetzung" jener Jahre. Als Chorführer betätigte sich der Postschaffner Peter Schmitz, als Bühnenmeister amtierte der Schreinermeister Johann Fusshöller und schließlich als Souffleur der Schuhmachermeister Michael Reintgen.
Krieg, Unruhen, Aufstände
Wieder ziehen Jahre ins Land. Nach dem letzten großen Erfolg im Jahre 1909 ist es um die Stieldorfer Passionsspiele ruhig geworden. Die politischen Wirren der nachfolgenden Jahre und die drohende Gefahr eines heraufziehenden Krieges dringen auch bis in die kleine Siebengebirgsgemeinde und lähmen jede Aktivität. Trotzdem gelingt es Michael Weyler noch kurz vor Kriegsausbruch eine General-versammlung abzuhalten. Auf dieser gibt die Spielleitung bekannt, daß man das gesparte Barvermögen des Passionsspielvereins in Höhe von 12 000,— Mark nunmehr als Kriegsanleihe gezeichnet habe. Außerdem setzt sich diese Versammlung ihr erstes aus 14 Paragrafen bestehendes Statut und beschließt den Passionsspielverein ins Vereinsregister eintragen zu lassen.
In dieser ersten Satzung heißt es u. a.:
§ 1 Zweck, Name und Sitz des Vereins
Der Verein bezweckt durch periodische Aufführung eines Passionsspieles auf die Mitglieder, die Gemeinde und die Zuschauer moralisch einzuwirken. Der Verein führt den Namen Stieldorfer Passionsspielverein. Er soll in das Vereinsregister eingetragen werden. Nach der Eintragung wird der Name des Vereins lauten: Stieldorfer Passionsspiel-Verein e. V., Sitz des Vereins ist Stieldorf.
§ 2 Ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb ist ebenso wie die Verfolgung politischer Zwecke von der Tätigkeit des Vereins ausgeschlossen. Nun folgt eine Reihe von Bestimmungen, die die Mitgliedschaft, den Vereinsbeitrag, die Bestellung des Vorstandes und seiner Aufgaben, Mitgliederversammlungen, Auflösung des Vereins usw. betreffen. Am 7. Juni 1912 wird dann der Stieldorfer Passionsspielverein in das Vereinsregister in Hennef ordnungsgemäß eingetragen. Dies ist die vorläufig letzte Tätigkeit des Passionsspielvereins, denn nun folgen sehr schlimme Zeiten. Krieg und Nachkriegszeit fordern ihren Tribut. Gar mancher zu den Waffen gerufener Stieldorfer kehrt nie mehr in die Heimat zurück. Hunger, Not und Krankheit sind die Überbleibsel dieses ersten, sinnlosen Weltkrieges.
Aber damit nicht genug. Gleichzeitig mit dem deutschen Zusammenbruch ist 1918 das Kaisertum gestürzt und die Republik ausgerufen worden. Die staatstragenden Parteien sind jedoch zu schwach und zu zersplittert, als das man von einer starken führenden Regierung des neuen jungen Staates sprechen könnte. Das gibt verschiedenen politischen Gruppen Auftrieb, gegen die neue Republik zu arbeiten. Hinzu kommt, daß Deutschland größtenteils von ausländischen Truppen besetzt ist. Alsbald erschüttern Unruhen und sogar Aufstände das junge deutsche Staatsgefüge. Schließlich kommt es dann zu der Separatistenbewegung, die auch unsere Gemeinden nicht verschont und im Siebengebirge in der „Großen Separatistenschlacht" ihren Höhepunkt, aber auch ihr Ende, erlebt.
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