Aufnahme: 1967
Augenzeugenbericht / Interview mit Elisabeth Wolter
,In Stieldorf, Im Frieden Nr. 8, einem großen Bauernhof, besuchte ich die ehemalige Mutter-Gottes-Darstellerin Frl. Elisabeth Wolter. Als ich durch die schmale Toreinfahrt in den von einer hohen Mauer eingeschlossenen Innenhof einbiege, flattern ein paar Hühner aufgeregt gackernd davon. Auf einem Holzstoß an der Mauerwand räkelt sich faul eine Katze, die hier, von den ersten warmen Vorfrühlingssonnenstrahlen angelockt, ihr Mittagsschläfchen hält.
Bei meinem Eintreffen tritt eine Bäuerin aus einer der Stallungen auf mich zu und fragt nach meinem Begehr. Es ist mir doch etwas seltsam zu Mute, als ich nun meinen Wunsch äußere. Mitten in des Tages Arbeit — und auf einem Bauernhof ist immer viel zu tun - kommt da irgendwer daher und fragt nach Dingen, die bald ein halbes Jahrhundert zurückliegen.
Schon glaube ich, mit barschen Worten abgewiesen zu werden, da geschieht etwas, was ich in der ganzen Zeit, in der ich den Passionsspielbericht zusammenstellte, immer wieder erleben konnte: Wenn das Gespräch auf die „Passionsspiele" fiel, ging eine völlige Verwandlung der betreffenden Person vor sich. So auch jetzt. Die Bäuerin, es ist Frl. Elisabeth Wolter, schaut überrascht auf, wischt sich ihre Hände an dem derben Arbeitskittel ab und bittet mich ins Wohnhaus. In der „Guten Stube", die sonst nur für besondere „Anlässe" gedacht ist, mußte ich Platz nehmen. Sie wolle sich nur eben etwas „zurechtmachen" sagt sie und geht.
Nun kommt Frl. Wolter zurück. Sie sieht völlig verändert aus. Mit ihrem dunklen Festtagskleid, den ebenmäßigen, feingliedrigen Gesichtszügen und dem schlohweißen Haar, strahlt sie eine schlichte Strenge und doch zugleich Würde aus. Dann kann man auch gut verstehen, daß sie vor vielen Jahren einmal als „Mutter-Gottes "-Darstellerin echt und überzeugend gewirkt haben mag.
Und dann erzählt Frl. Wolter aus der für sie unvergeßlichen Zeit der Passionsspiele: „Ich wurde am 25. Januar 1902 hier auf unserem elterlichen Hofe geboren. Mein Vater, Peter Wolter, war in jenen Jahren Christus-Darsteller und einer der Aktivsten im Passionsspielverein. Es war also kein Wunder, daß er uns Kinder schon recht früh zu den Aufführungen mitnahm. Was war das für ein Ereignis, als ich in der Spielzeit 1909 als ganz kleines Mädchen beim „Einzug Jesu in Jerusalem" innerhalb der jubelnden Volksmassen meinen Vater zuwinken durfte.
1927 wurde ich dann unter zahlreichen weiteren Bewerberinnen als Darstellerin der Maria auserwählt. Ebenfalls wirkten meine beiden Brüder Josef und Albert im Passionsspiel mit, Josef als Pilatus und Albert als Apostel Johannes. Meine Rolle hat mir immer sehr viel Freude bereitet und ich denke gern an jene schöne Zeit zurück. Es ist nur schade, daß solche Spiele in der heutigen modernen Welt auf so wenig Interesse stoßen.
Augenzeugen - Interview mit Bürgermeister Heinrich Horn
In unserem heutigen Augenzeugenbericht schildert uns der Bürgermeister der Gemeinde Stieldorf, Herr Heinrich Horn aus Hoholz seine Eindrücke von den Passionsspielen.
Frage: „Herr Bürgermeister, die Siebengebirgs-Zeitung möchte in dieser Fastenzeit einen ausführlichen Bericht über die Stieldorfer Passionsspiele veröffentlichen. Wir würden uns freuen, wenn Sie als ehemaliger Kassierer und späterer Geschäftsführer des Passsongspielvereins zu diesem Thema etwas sagen würden."
Antwort: „Ich möchte zunächst betonen, daß ich es sehr begrüße, daß die Siebengebirgs-Zeitung wieder einmal ein äußerst interessantes Kapitel unserer reichen Heimatgeschichte aufgegriffen hat. Die Stieldorfer Passionsspiele waren das größte Ereignis in der Vergangenheit der Gemeinde Stieldorf. Die Erinnerung an diese Zeit ist in den Herzen der alten Stieldorfer auch heute noch wach. Sie werden sich bestimmt über den von Ihnen geplanten Bericht freuen. Und gerade der jungen Generation sollte man einmal vor Augen führen, mit welchem Idealismus ihre Vater und Großväter ein Werk vollbrachten, daß von ihnen nur Opfer verlangte. Ich denke gern an jene Zeit zurück, wenn meine Tätigkeit im Passionspielverein allerdings auch in die schlimme Zeit des Dritten Reiches fiel. Ich habe den Höhepunkt und das Ende der Spiele miterlebt.
Frage: „Herr Bürgermeister, glauben Sie, daß eine Aufführung der Passionsspiele in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich wäre".
Anwort: Nein, völlig unmöglich! Eine solch große Gemeinschaft Gleichgesinnter, wie sie allein schon für die Mitspieler notwendig wären, würde man gar nicht zusammenbekommen, von der Opferbereitschaft und Uneigennützigkeit ganz zu schweigen. Heute sind andere Interessen vorhanden, Fernsehen, Film, Sport, der eigene Wagen usw. Selbst wenn sich eine Spielschar finden ließe, es würde dann aber bestimmt an den unbedingt notwendigen Zuschauern fehlen. Darum ist es gut so, daß die Siebenqebirgs-Zeitung, die gute alte Zeit wieder aufleben läßt, um der heutigen Generation zu zeigen, wie es auch anders ging."
Wir besuchten Herrn Adolf Lütz in Stieldorf, den ehemaligen Judas-Darsteller der Stieldorfer Passionsspiele. Und, welch eine Verknüpfung der Dinge, Herrr Lütz wohnt in einem netten Häuschen an der Passionshalle Nr. 8, direkt neben dem Hügel, auf dem einst die Festspielhalle stand. Der heute fast 67-jährige Witwer, ansonsten ruhig und in sich gekehrt, wird bei unserer Frage nach den Passionsspielen lebendig. Dann leuchten seine Augen auf, und voller Begeisterung schildert er die damaligen Vorgange: „Am 20. Oktober 1900 wurde ich in Vinxel geboren. Ich war also neun Jahre alt, als die letzten Passionsspiele vor dem 1. Weltkrieg aufgeführt wurden, die wir Kinder natürlich als etwas ganz Großes und Einmaliges empfanden. Besonders gefiel mir die Rolle des Pilatus, der als römischer Prokurator eine imposante Erscheinung abgab und auf uns Kinder einen mächtigen Eindruck machte.
Als man dann 1927 beim Wiederaufleben der Passionsspiele an mich herantrat und mich zur aktiven Mitwirkung aufforderte, war natürlich mein erster Gedanke, die Rolle des Pontius Pilatus zu verkörpern. Doch schon bei den ersten Sprechübungen und Proben entschied sich Oberspielleiter Fritz Kranz dafür, mich als Judas, den Verräter einzusetzen. Das paßte mir allerdings zunächst gar nicht. Die Darstellung des Judas war eine sehr undankbare und schwere Aufgabe.
Nicht allein, daß sie auf den Zuschauer, wenn er mit ganzem Herzen dem Spiel beiwohnte, einen unangenehmen Eindruck hinterließ, sie setzte auch ein großes Einfühlungsvermögen voraus. Nun, ich habe mich in meine Rolle hineinvertieft und habe sie aus tiefer religiöser Überzeugung dargestellt. Natürlich war die Verkörperung des Judas oft mit unangenehmen Randerscheinungen verbunden. Es gab Zuschauer, die wollten oder konnten Spiel und Wirklichkeit nicht voneinander trennen. Ich habe nicht selten im normalen Alltag regelrechte Anfeindungen erlebt. Oft liefen Kinder hinter mir her, die „Judas Judas" riefen.
Dann habe ich mir folgenden Leitsatz geprägt: „Man kann keinen Judas darstellen, wenn man wirklich einer ist. Und der half mir über diese peinlichen immer wieder tröstend hinweg." Auf unsere Frage nach einer kleinen Anekdote antwortete uns Herr Lütz: „Im 8. Akt, Christus vor Pilatus, mußte ich im 2. Auftritt meine Verzweiflungsszene darstellen. Dies verlangte jedesmal eine unerhörte Konzentration und Anstrengung. Während im Hintergrund der Chor der Hölle Anklage gegen mich erhob, sprach ich zu einem Strick in meiner Hand: Du bist die Erlösung, barmherzige Schlinge! Du bringst die verzehrenden Qualen zur Ruh! Du bindest dies Herz an das ewige Nichts ! Dann legte ich mir die Schlinge um den Hals und sprang unter lauter und lauter werdendem Geschrei des Höllenchores durch eine etwas seitlich angebrachte Falltür in die Tiefe der Bühne. Zunächst war dann, ehrfürchtige Stille im Zuschauerraum, bis der Beifall losbrach.
Eines Tages saß eine ältere Dame in den vordersten Zuschauerreihen. Voller Ergriffenheit sah sie meine Verzweiflungstat. Als ich dann mit umgelegter Schlinge wieder in der Tiefe „verschwand" und andächtige Ruhe im Zuschauerraum einkehrte, seufzte sie tief und sagte laut: „Mein Jott, nun bammelt er at" (Mein Gott nun baumelt - hängt - er schon) Wem die Zuschauer daraufhin mehr Beifall zollten, der Dame oder mir, weiß ich nicht."
Dann fragten wir Herrn Lütz, ob er glaube, daß es heute noch möglich sei, in Stieldorf Passionsspiele aufzuführen, worauf er meinte: „Der Geist der heutigen Zeit hat alles Ideelle zerstört. Obwohl der Passionsspielgedanke auch heute noch im Volke weiterlebt, gibt es keine idealgesinnte Jugend mehr, und gerade die braucht man, um die Passionsspiele wieder aufleben zu lassen.
Nach dem 2. Weltkrieg, so um 1952/53 herum, haben wir hier in Stieldorf die Bevölkerung für eine Wiederaufnahme der Passionsspiele zu begeistern versucht. Interesse war genügend vorhanden, aber bei fast allen stand die finanzielle Entschädigung im Vordergrund. Das Ganze aber hat keinen Sinn, wenn man daran verdienen will. So bleibt uns nur die Erinnerung an jene schöne, unvergeßliche Zeit der Passionsspiele."
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