Stieldorfer Passionsspiel

Aufnahme: 1967

Stieldorfer Passionsspiel

Teil II. Der Wiederbeginn der Passionsspiele 1927-28

Nach einer allmählichen Beruhigung in der deutschen Politik und Wirtschaft kehrt auch neue Schaffenskraft und neuer Lebenswille in der Bevölkerung ein. Im Januar des Jahres 1927 lädt der damalige Bürgermeister Hahn im Einvernehmen mit der Stieldorfer Geistlichkeit, der Lehrerschaft und der Bürgerschaft zu einer Versammlung ein, mit dem Ziel, erste Gespräche über eine Wiederbelebung der Passionsspiele zu führen. Das Ergebnis dieser ersten Zusammenkunft zeigt, welch große Begeisterung unter der Bevölkerung von Stieldorf vorherrscht. Das Erlebnis der vorangegangenen Passionsspiele wirkt in der Seele dieses Völkchens zu stark nach, um sich unter den Wirrnissen der Kriegs- und Nachkriegsnot begraben zu lassen. Für zwei Generationen der Stieldorfer Bevölkerung waren die Spiele der ganze geistige Lebensinhalt geworden, für den sie die besten Kräfte ihres Seins und Daseins hingaben.

Unter der Führung von Bürgermeister Hahn wird dann auch sogleich ein Arbeitsausschuß gebildet. Dieser Ausschuß, gestützt auf die Erfahrung der alten, noch lebenden Spieler, beginnt sofort mit den Vorbereitungen und Planungen für ein neues Passionsspiel. Im Frühjahr und Sommer 1927 wird bei hervorragenden Kennern des kulturellen Lebens eine Rundfrage über die Erfolgsaussichten der Spiele veranstaltet, die recht günstig beantwortet wird. Die geistlichen und weltlichen Behörden werden bald für die Bestrebungen des Passionsspielvereins gewonnen. Aber noch scheitert der gesamte Plan an dem notwendigen Anfangskapital. Da ist es wieder die Bevölkerung der Gemeinde Stieldorf, die zeigt, daß sie ererbtes Heimatgut unter allen Umständen erhalten will. Durch eine Bürgschafts-zeichnung, die von vielen nur unter schwierigen finanziellen Opfern aufgebracht werden kann, gelingt es, den Hauptteil der veranschlagten Unkosten zu decken, so daß im Herbst die Wiederaufnahme der Spiele für den Sommer des Jahres 1928 gesichert ist.

Mit der Einstudierung des Werkes wird Anfang November 1927 begonnen. Ein besonderer Ausschuß wählt nach den Gesichtspunkten der persönlichen und sachlichen Eignung die 150 Spieler und Sänger aus, und die Lehrerschaft hält die vorbereitenden Lese- und Sprechübungen ab. Um den Erfolg der Passionsspiele in jeder Hinsicht zu gewährleisten, gelingt es dem Passionsspielverein, den Intendanten des Bonner Stadttheaters, Dr. Albert Fischer, als künstlerischen Berater zu gewinnen. Professor Walter von Wecus von der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf übernimmt den Entwurf der Bühnenbilder. Ab Januar 1928 überwacht schließlich auch noch Oberspielleiter Fritz Kranz vom Stadttheater in Bonn die künstlerische Gestaltung des Spieles bei den Proben und führt selbst Regie. Die Chöre werden von Hauptlehrer Emans, der an der kath. Volksschule in Rauschendorf tätig ist, einstudiert. Während die Probenarbeit auf vollen Touren läuft, beschäftigt sich eine andere Gruppe mit dem Aufbau einer neuen Festspielhalle, da die alte aus nie geklärtem Grunde eines Tages in hellen Flammen stand und bis auf die Grundmauern abbrannte.

In den Monaten Februar und März des Jahres 1928 entsteht dann ein nach den Plänen des Kreisbaurates in Siegburg und von der Firma Gebr. Wilken aus Köln erbautes, neues Festspielhaus, das nunmehr 1300 und zur Not 1500 Zuschauer aufnehmen kann. Diese neue Festspielhalle ist in jener Zeit die größte ihrer Art in ganz Deutschland. Uber vielen tausend Quadratmetern Bodenfläche erheben sich die mächtigen Seitenwände und wölben sich parabelförmig, ungestützt in der Mitte zusammen. Diese kühne Binder-Konstruktion ermöglicht nicht nur eine gleich gute Sicht von allen Plätzen aus, sondern bewirkt auch eine wunderbare Akustik bis in die äußersten Winkel. Der Kostenaufwand für diese Riesenhalle beträgt 140 000,— Reichsmark; eine unerhört hohe Summe für die damaligen Verhältnisse.

Die Festspielleitung weiß aber, daß alle ihre Bemühungen, die Passionsspiele zu neuem Leben zu erwecken, zum Scheitern verurteilt sind, wenn die unbedingt notwendigen Zuschauer ausbleiben. Denn gerade sie, so hofft man, werden die entstandenen Unkosten wieder decken. Deshalb setzt sie einen Presseausschuß ein, der dann einen umfangreichen „Werbefeldzug" einleitet. Alsbald erscheinen in fast sämtlichen Tages- und Wochenzeitungen Deutschlands Anzeigen mit folgendem Wortlaut: Besucht das Stieldorfer Passionsspiel im Siebengebirge Mai bis Oktober 1928 Samstags, sonntags, feiertags ab 15 Uhr Geschlossenes Festspielhaus
Eintrittspreise M 2,— , 4,— und 5,

Auskunft durch das Büro des Passionsspielvereins Stieldorf. Fernruf Oberpleis Nr. 278. Werbeprospekte verschiedenster Art werden in alle deutschen Lande verschickt. Ob in Hamburg oder Berlin, ob in München oder Köln, in allen größeren deutschen Städten hängen schon bald in den Verkehrsämtern und Reisebüros riesige mehrfarbige Offsetplakate, die zu einem Besuch der Stieldorfer Passionsspiele einladen. Außerdem läßt der Passionsspielverein tausende Ansichtskarten herstellen, die in den Stieldorfer Geschäften, aber auch in vielen Buchhandlungen der näheren und weiteren Umgebung zum Verkauf angeboten werden. Auf diesen Postkarten, teilweise in 6—8-farbigem Tiefdruck hergestellt, sind die Hauptdarsteller, einzelne Spielszenen, aber auch die Landschaft in und um Stieldorf abgebildet. Solchermaßen gerüstet, fiebert die ganze Gemeinde Stieldorf der ersten Veranstaltung nach dem Kriege entgegen.

Die erste Aufführung nach dem Kriege

Es ist eine Woche vor dem Pfingstfest, an einem strahlenden, wunderschönen Frühlingssonntag, Mitte Mai 1928. Heute soll in Stieldorf die Erstaufführung der Passionsspiele nach dem Kriege stattfinden. Das ganze Dorf war gestern noch bis zum späten Abend auf den Beinen. Man hat die Straßen und Plätze gefegt, die Häuser festlich herausgeputzt, kurzum, Stieldorf erwartet seine Festgäste in schmuckem Glanze. Am Morgen hat Pfarrer Kleefisch in seiner Predigt vor den im Gottesdienst versammelten Pfarrangehörigen packende, zündende Worte von des Passionsspiels Wert und Ernst, von seiner Zukunft und der Spieler Pflichten im Alltagsleben gegenüber dem Spiele gesprochen. Und dann sind sie alle, die Spieler, wie die am Spiel Beteiligten, an der Kommunionbank niederkniet, um eins zu sein mit Gott im Sakramente. Später, nach dem Gottesdienst, hat man sich noch zu einem kleinen Plausch in einer der Gaststätten getroffen, bevor man zum Mittagsbrot nach Hause eilte.

Und dann, nach der ersten Mittagsstunde kommen sie, die Festgäste. Auf allen Zufahrtsstraßen drängen sich die Menschen und Fahrzeuge. Der Platz vor und hinter der alten Stieldorfer Pfarrkirche gleicht alsbald einem kleinen Heerlager. Autobus steht an Autobus und dazwischen schlängeln sich die Festbesucher, um rechtzeitig in die große briefkastenblaue Festspielhalle hinter der Kirche zu gelangen, die dort mitten zwischen Leben und Tod, zwischen Kirche und Friedhof steht. Wer noch keine Eintrittskarte hat, (die Festspielleitung hat zahlreiche Vorverkaufsstellen in Siegburg, Köln, Bonn und im Siebengebirge eingerichtet) eilt zum Festspielbüro, das im Vereinshaus neben der Kirche untergebracht ist, um dort für 2,— bis 5,— RM das Versäumte nachzuholen. Um bei dem stürmischen Besucherandrang Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, hat Bürgermeister Hahn die Polizeihauptwachtmeister Schmitz und Halberstadt sowie Polizeioberwachtmeister Hochstetter zum Einsatz nach Stieldorf beordert. In dem amtlichen Schreiben an die Ordnungshüter heißt es unter anderem: „Die Zuschauer haben durch Erwerb einer Eintrittskarte das Recht erhalten, der Vorstellung ungestört beizuwohnen. Die Polizeibeamten werden hiermit beauftragt, jeden Lärm, der die Aufführung beeinflußt, fernzuhalten. Insbesondere ordne ich an und werde mich von der Durchführung dieser Anordnung persönlich überzeugen, daß nach Beginn der Aufführung der Vorplatz der Halle bis zur Straße geräumt wird. Desgleichen ist der Seitengang, der zu den Ankleideräumen führt, freizuhalten. Jedes unnötige Laufen stört die Aufführung.

Auch die Spieler sind nach Möglichkeit anzuhalten, diesen Gang freizuhalten. Sie sind in freundlichem Tone darauf aufmerksam zu machen, daß lt. meiner Anweisung dieser Gang im Interesse einer ruhigen Aufführung frei bleiben soll. Während der Pausen ist eine der Hauptaufgaben der Polizeibeamten die, darauf zu achten, daß auch draußen Ruhe und Ordnung herrscht. Ich bitte die Polizeibeamten, das Publikum, das sich laut unterhält, darauf aufmerksam machen zu wollen, daß Passionsspiele aufgeführt werden und das nicht etwa Kirmes in Stieldort gefeiert wird. Es muß unter allen Umständen der Eindruck einer würdigen Feier erhalten bleiben. Unter keiner Bedingung darf durch irgendwelche Umstände die Würde des Spieles irgendwie leiden. Ich ersuche, hierauf besonderes Augenmerk zu legen und mir über etwaige Mißstände sofort zu berichten."

Zur Unterstützung der Polizeibeamten setzt Bürgermeister Hahn noch zahlreiche Feuerwehrleute zur Regelung des Verkehrsdienstes und zu Sanitätszwecken ein. Außerdem stellt die freiwillige Ortsfeuerwehr eine Brandwache in der Form, daß am Hauptausgang und an der Bühne je ein Brandmeister mit einem Zuge an dem dort befindlichen Hydranten Aufstellung nimmt und an jedem weiteren Ausgang ein Feuerwehrmann steht, der die Festspielhalle, die Vorgänge auf der Bühne und den Zuschauerraum beobachtet.

Inzwischen hat sich die geräumige Halle gefüllt. Neben den vielen Besuchern aus nah und fern sind zahlreiche Ehrengäste, darunter Vertreter der geistlichen und weltlichen Behörden und vor allem eine große Schar Pressevertreter erschienen. Kurz vor 15 Uhr beginnen die Glocken der Pfarrkirche ein feierliches Geläute. Sie läuten ein Hochfest, eine erhabene Handlung ein. Mit dem letzten Glockenschlag verlischt in der Festspielhalle das Licht und oberhalb der Bühne erstrahlt ein großes goldenes Kreuz. Wallende Vorhänge, in Blau gehalten, trennen die Bühne vom Zuschauerraum. Herrliche Orgelklänge, einfach-innige Kompositionen, von August Wiltberger, gespielt von Kaplan Candels, leiten das Spiel ein. Wunderschön und deutlich wird dann der Prolog gesprochen und anschließend singt der 36 Mann starke Chor unter der Leitung von Hauptlehrer Emans, klangvoll und mächtig den passenden Choral.

Nun erleben die Zuschauer ein Passionsspiel, das für viele von ihnen zu einem unvergeßlichen Erlebnis wird. Die dreizehn, vom Einzug Jesus in Jerusalem bis zur Auferstehung reichenden Bilder, werden von den Stieldorfer Darstellern nicht gespielt, sondern regelrecht miterlebt. Das ist kein Spiel mehr, das ist Leben. Man spürt es förmlich: Die Bauern, Handwerker und Arbeiter mit ihrem Pfarrer und ihren Lehrern spielen nicht um ihrer selbst willen, sie dienen einer heiligen, der heiligsten Handlung des Lebens und Leidens unseres Herrn. Schlicht und einfach die Gebärde, von der bodenständigen Mundart die Sprache getönt, und doch welch lebensvolle Gestaltung von innen heraus. Der einzelne Spieler will die hohe Rolle, die er spielt, nicht „realistisch" darstellen, er kann Christus und die Heiligen nicht verleiblichen, er will aus tiefer teilnehmender Gläubigkeit heraus, sich selbst und anderen die Leidensgeschichte Christi nahebringen.

Das oft nur gelesene der Bibel gewinnt hier in Stieldorf in der vollen Anschaulichkeit der Bühne eine neue Wucht; es wird in gewissem Sinne wieder erstmalig lebendig. Das Rührende der Fußwaschung, gemeine Blutgier des tobenden Volkshaufens mit seinem „Ans Kreuz ihm", die Qual des Judas und noch so vieles andere, das man wohl oft gehört, aber nicht immer bis ins tiefste Herz hinein aufgenommen hat, wird in voller plastischer Kraft lebendig, wird wieder Gegenwart. Die Farbenfreudigkeit der herrlichen Gewänder und Trachten und die raffinierten Beleuchtungseffekte lassen an Eindruck und bildhafter Wirkung nichts zu wünschen übrig. In die letzte Szene des Spiels, die Auferstehung Christi, in das Halleluja des triumphierenden Osterbekenntnisses, das durch die weite Halle schallt, schwingen wieder die Glocken des Kirchturms.
 
Still und erschüttert verlassen die Besucher das Festspielhaus. Gar mancher wischt sich verstohlen ein paar Tränen der Ergriffenheit aus den Augen. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Der Mond ist aufgegangen und steht über den Dächern, geht durch die schmalen, holprigen Gassen, über die raunenden Bäume des Friedhofes und ruht auf dem reich gesegneten Dorfe. Eine unübersehbare Menge rüstet zum Aufbruch, wirft noch einen letzten Blick auf all diese Schönheiten des Abends und trennt sich dann von dem freundlichen Ort Stieldorf. Keiner von ihnen wird unbefriedigt und unbeschenkt zurückkehren in sein Heim und seinen Alltag.

Das Jahr 1928 wird zu einem der größten Erfolge in der Geschichte der Passionsspiele. Fast 100 000 Besucher aus Deutschland, Holland, Belgien, Luxenburg, Frankreich und aus überseeischen Ländern kommen in das kleine Stieldorf. Ein Verdienst der deutschen Presse, die nur lobende und anerkennende Worte findet und überall die Werbetrommel dreht. Schließlich berichtet auch noch der Rundfunk in einer Direktsendung aus Stieldorf. Im Spätherbst wird die Spielzeit 1928 abgeschlossen. Im Passionsspielverein herrscht zu dieser Zeit jedoch Ratlosigkeit und Bestürzung. Trotz der hohen Besucherzahlen hat man hat die angemeldeten Interessenten an den normalen Spieltagen gar nicht alle fassen können und darum Sondervorstellungen eingelegt - sind die Unkosten nicht gedeckt worden. Es verbleibt eine Restschuld  on 58 000,— RM. - Schließlich beschließt der Passionsspielverein auf der Generalversammlung im November anstelle der traditionsgemäß einsetzenden sieben-jährigen Spielpause im nächsten Jahre weitere Passionsspiele aufzuführen, um die drückende Schuldenlast abzutragen. Außerdem glaubt man durch die Fortführung der Spiele, dem lebhaften Wunsche weiter Bevölkerungkreise zu entsprechen, die in diesem Jahre aus irgendeinem Grunde verhindert waren, das Spiel zu sehen und mitzuerleben.

Die verkürzte Spielzeit 1929, sie beginnt erst im Juni, muß nun auf Biegen und Brechen den Beweis erbringen, daß die Idee religiöser Volksspielkunst lebensfähig ist und daß das katholische Rheinland und Westfalen Stieldorf als sein „Rheinisches Oberammergau" hält und fördert. Gelingt die finanzielle Sanierung nicht, dann verlieren nicht nur die Stieldorfer ihr Passionstheater, sondern auch alle seine Freunde in ganz Deutschland verlieren es und darüber hinaus ein Stück geistigen Lebensinhaltes, reifstes Volks- und Kulturgut, das kein Kino geben und kein Sportfeld erhalten kann.

Und die Stieldorfer spielen wieder. Fast 200 Bauern und Arbeiter verkörpern die Gestalten der Passion, unentgeltlich erfüllen sie ihre edle Aufgabe, ohne sich durch langwierige Proben verdrießen zu lassen und ohne an Ernst und Hingabe zu verlieren in den anstrengenden Wiederholungen der Aufführungen. Kein Berufsschauspieler ist unter ihnen und kein Ortsfremder. Kirche, Lehrerschaft und Gemeindeverwaltung sind mit Jugend und Alter eins bei diesem schönen Werk. Und das ist das eigentlich Erstaunliche und beinahe Unglaubwürdige; eine ganze Pfarrgemeinde findet hier zu einer Einheit, zu einer gemeinschaftlichen Handlung zusammen. Aber nicht nur im Spiel sind sich die Bewohner, der aus mehreren Dörfern bestehenden Pfarrgemeinde Stieldorf näher gerückt, nein, erst recht auch im Alltag. Im täglichen Leben hilft man sich gegenseitig wie Bruder und Schwester. Durch die gemeinsame große Aufgabe der Passionsspiele hat sich ein harmonisches Gemeinschaftsleben entwickelt. Man bildet sich durch Leseabende weiter, Gesang und Sprache werden sorgsam gepflegt, ohne den natürlichen Boden der Landkultur zu verlassen.

Am 30, Oktober 1929 findet die letzte feierliche Vorstellung der Stieldorfer Passionsspiele statt, worauf nunmehr eine fünfjährige Spielpause eintreten soll. Das finanzielle Ergebnis ist sehr günstig. Der Besuch, besonders in den Monaten August und September 1929, war so stark, daß das Defizit des Vorjahres bis auf einen geringen Restbetrag wieder ausgeglichen
werden kann.
 
Das erfolgreichste Jahr 1933


. . . . Heil! Heil! Heil!
Jetzt marschieren sie taumelnd und wonnetrunken im glühenden Fackelschein, immer gewaltiger wird der Jubel. Musik, Gesang, Trubel. Das ist zuviel auf einmal, die Menschen können ihre Eindrücke gar nicht mehr einordnen. Heil! Heil! Heil! braust es vieltausendfach zu dem Manne empor, der den Erfolg erzwungen hat, zu Adolf Hitler, der dort oben an einem der großen hellerleuchteten Fenster der Reichskanzlei steht und den Massen zuwinkt. Die Menschen unten auf der Straße singen, schreien sich heiser. Heil! Heil! Heil!" Die Stimme des Rundfunksprechers überschlägt sich und geht unter im ohrenbetäubenden Lärm der Volksmassen. Einer der Männer, die in jener kalten Winternacht vom 30. zum 31. Januar 1933 in der warmen Gasthausstube in Stieldorf zusammensitzen, schaltet das kreischende Rundfunkgerät mit einem raschen Griff aus. In der nun jäh einsetzenden Stille schauen sich die Männer betreten an.

Es ist also Wirklichkeit geworden, der Rundfunk hat soeben die Kunde in alle Welt getragen: Adolf Hitler ist an der Macht. Für viele wird dies ein neuer Beginn sein, für andere das Ende. Hoffnungen und dunkle Ahnungen widerstreiten sich. Während zu dieser Stunde in der Reichshauptstadt Berlin und in zahlreichen weiteren Städten des Reiches aufgestörte Volksmassen fackelschwingend ihrem „Führer" zujubeln, haben sich hier in Stieldorf wackere Männer zusammengesetzt, um über eine Wiederaufnahme der Stieldorfer Passionsspiele zu beraten. Dabei sieht es in dieser Angelegenheit gar nicht rosig aus. Das mit soviel glühender Begeisterung 1928/29 neubegonnene Werk scheint dem Untergang geweiht zu sein. Was ist denn alles geschehen seit der letzten Aufführung im Spätherbst 1929? Die schwere Wirtschaftskrise 1929/30 erschüttert das deutsche Volk und führt zu Arbeits-losigkeit und Armut.

Seit Menschengedenken hat die deutsche Bevölkerung kein so trauriges Weihnachten erlebt, wie das des vergangenen Jahres. Allein in der Zeit vom 1. bis 15. Dezember 1932 sind in Deutschland weitere 250 000 Menschen arbeitslos geworden. Am 31. Dezember zählt man 5 770 000 unterstützte Arbeitslose, zu denen weitere Millionen Nichtunterstützungsberechtigte kommen. Es bleibt nicht aus, daß es in den verarmten bürgerlichen Schichten des Volkes gärt und brodelt. Es kommt zu Demonstrationen, Unruhen und schließlich zu blutigen Aufständen. Durch eine Vielfalt von Splitterparteien ist eine normale Regierungsbildung seit 1930 einfach nicht mehr möglich. Eine Regierung wechselt die andere ab. So ist es auch wohl nur auf die innere Zerrissenheit, die große Armut und Not des deutschen Volkes zurückzuführen, daß ein Mann wie Adolf Hitler einen fast kometenhaften Aufstieg nimmt.

Der am 20. April 1889 in Braunau in Österreich geborene Hitler, baute 1921die National-sozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) nach dem Führerprinzip auf; eine Bewegung zur Durchsetzung des Nationalsozialismus. Nach dem gescheiterten Staatsstreich 1923 (Hitler-Putsch) geriet er in Festungshaft. 1925 gründete er die Partei neu und machte sie binnen kurzer Zeit zur größten Massenpartei Deutschlands. In allen Städten und Dörfern marschiert die SA (Sturmabteilung) und SS (Schutzstaffel) und wirbt mit Hitlers verlockenden Thesen. Von „Brechung der Zinsknechtschaft", von Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Aufhebung der Notverordnungen, Senkung der Steuern u. v. a. m. ist da die Rede. Kein Wunder, daß immer mehr Menschen dem Zauber dieses Mannes und seiner Milizeinheiten verfallen. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 erreicht Hitler mit seiner NSDAP schon 107 Sitze und im Juli 1932 bereits 230 Sitze im Reichstag. Am heutigen Vormittag, des 30. Januars 1933 hat Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zu sich rufen lassen. Nach einer kurzen Unterredung übergibt er ihm den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung. Damit ist ein schicksalhafter Wendepunkt in der deutschen Geschichte erreicht.

Im Passionsspielverein in Stieldorf war es nach der erfolgreich abgeschlossenen Spielzeit 1929 zunächst still geworden. Es sollte ja ohnehin eine Spielpause von 5 Jahren eintreten. Man traf sich zu der alljährlich im November stattfindenden Jahreshauptversammlung, pflegte die kostbaren Gewänder, hielt die Festspielhalle in Ordnung und fand sich hin und wieder zu einer Probe zusammen. Von der großen Politik merkte man in der kleinen Pfarrgemeinde anfangs noch nichts. Auch traf die mehr und mehr einsetzende Arbeits-losigkeit die Landbevölkerung nicht so sehr, da man in der Landwirtschaft immer noch irgendeine Beschäftigung fand. Aber mit dem schnell wachsenden Einfluß der NSDAP tauchten auch bald in der Pfarrgemeinde Stieldorf hier und da Parteigenossen auf.

Anfangs noch im geheimen, bekannten sie sich später offen für die Ideale des Nationalsozialismus. Das führte zu einem Mißklang auch innerhalb des Passionsspielvereins. Was früher eine geschlossene Einheit, eine große Familie war, zersplittert allmählich in zwei Lager. Ja, sogar langjährige Freunde grüßen einander nicht mehr. In diese Situation fällt an jenem denkwürdigen Wintertag des 30. Jan. 1933 die Entscheidung: Adolf Hitler und seine NSDAP haben die Macht und damit das Schicksal Deutschlands in ihrer Hand.

Während die Männer des Passionsspielvereins zu später Nachtstunde ohne positives Ergebnis bedrückt auseinandergehen, knallen in einem anderen Gasthaus lustig die Sektkorken; Pd`s und SA-Männer stoßen hier auf den Sieg ihres „Führers" an. Am 1. Februar 1933 löst Reichspräsident Hindenburg auf Antrag Hitlers den Reichstag auf und bestimmt den 5. März als Wahltag. In der Nacht zum 27. Februar 1933 steht der Reichstag in Berlin in Flammen: Symbol für die zu Ende gehende Periode der Demokratie. Am gleichen Tage spricht Hitler zum ersten mal im Rundfunk. Er verkündet den ersten Vierjahresplan und schließt seinen Aufruf, in dem viel von Gemeinschaft, Zusammenschluß und Vergessen des Gewesenen die Rede ist.
Bei der Wahl am 5. März 1933 kann Hitler mit 43,90 % der Stimmen nicht die absolute Mehrheit erreichen. Er bildet darum mit einer Reihe kleinerer Parteien eine regierungsfähige Koalition.

Am 23. März fordert Hitler vom Reichstag die Zustimmung zum „Ermächtigungsgesetz", einem Gesetz, das der Regierung für die Zeit des ersten Vierteljahresplanes neben der vollziehenden auch die gesetzgeberische Gewalt ohne Kontrolle durch das Parlament überträgt. Die Abstimmung ergibt 444 Stimmen für und 94 Stimmen der SPD gegen das Gesetz. Hitler regiert von nun ab als Diktator. Die „Gleichschaltung" und' Eroberung aller Machtpositionen, bis hinab zur letzten Bauern-gemeinde und zum kleinsten Sportverein, dessen Vorsitzender von der Partei gebilligt oder bestimmt wird, setzt sich fort. Die Nicht-Nationalsozialisten müssen entweder der Partei beitreten oder scheiden aus ihren Diensten. Der „SD" (Sicherheitsdienst) überwacht Volksstimmung und öffentliche Meinung.

Zahllose Amtswalter, vom Zellenleiter über den Ortsgruppenleiter zum Gauleiter sorgen dafür, daß das neue System in die Häuser, Fabriken, Schulen, Vereine und Jugendverbände getragen wird. Jedes freie Wort beginnt gefährlich zu werden. Man hört von Konzentrations-lagern und anderen Strafanstalten. Am 11. Juli 1933 erklärt Minister Frick die „Revolution" für abgeschlossen. Das Dritte Reich ist damit Wirklichkeit geworden. In Stieldorf spitzt sich die Lage innerhalb des Passionsspielvereins unterdessen immer weiter zu. Zwar ist es den Verantwortlichen nach langwierigen Bemühungen endlich gelungen, durch eine Bürgschaftszeichnung der Einwohner der Gemeinde Stieldorf und durch eine vom Generalvikariat genehmigte Kollekte im Erzbistum Köln, die erforderlichen Gelder aufzutreiben, aber es ist soviel in der Zwischenzeit geschehen, daß die Wieder-aufnahme der Spiele ernstlich gefährdet ist.

Zunächst muß unter dem Druck der Nationalsozialisten der langjährige Geschäftsführer des Passionsspielvereins, der damalige Hauptlehrer von Stieldorf, Heinrich Pauly, sein Amt niederlegen und darf künftig keinerlei Tätigkeit im Verein ausüben. Diesen schweren Schlag können und wollen die Stieldorfer nicht einfach hinnehmen, denn Hauptlehrer Pauly ist in den letzten Jahren zur „Seele" der Passionsspiele geworden. Aus Protest legen sämtliche Vorstandsmitglieder ihre Ämter nieder und der Verein steht bereits kurz vor der Auflösung. Da schaltet sich der Bürgermeister des Amtes Oberpleis als Vermittler zwischen dem von der NSDAP eingesetzten Stieldorfer Gemeindeschulzen (Die Gemeinde Stieldorf hatte zu jener Zeit noch keinen eigenen Bürgermeister; die Gemeinde wurde von einem Gemeinde-schulzen, Ortsvorsteher verwaltet) und dem Passionsspielverein e. V. Stieldorf ein.

Auf dessen Drängen wird kurzfristig eine außerordentliche Generalversammlung des Passionsspielvereins einberufen. Der gemietete Gasthaussaal kann die vielen Stieldorfer Zuhörer gar nicht alle aufnehmen, die zu dieser Versammlung erschienen sind. Wen wundert es, geht es doch um die Existenz und Zukunft ihrer geliebten Passionsspiele. Jung und Alt ist erschienen um dem Vorstand zu bekunden, wie sehr sie alle mit dessen Entscheidung einverstanden sind. Von seiten der NSDAP sind nicht nur die örtlichen Parteigenossen vollzählig aufmarschiert, man hat auch noch zur Verstärkung den Kreisleiter mit einem Begleiterstab aus Siegburg kommen lassen. Der Bürgermeister hat außerdem den damaligen Landrat Dr. Buttlar zu dieser Versammlung eingeladen.

Schon kurz nach Eröffnung der Sitzung durch den Bürgermeister, prallen die Gegenseiten hart aufeinander. Zunächst erklärt der Stieldorfer Gemeindeschulze: Er als Leiter der Gemeinde, sei verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die Passionsspiele in diesem Jahre wieder aufgenommen würden, um erstens die von der Gemeinde Stieldorf übernommene Bürgschaft von 10 000 RM und zweitens die Bürgschaften einer großen Zahl von Stieldorfer Einwohnern zu sichern. Außerdem sei ja noch eine erhebliche Restschuld aus der Spielzeit 1928/29 abzutragen. Wenn nun der Vorstand des Passionsspielvereins durch die Absetzung des Geschäfts-führers Pauly die Fortführung der Spiele boykottiere, so werde zur Not auch ohne Vorstand
weitergearbeitet.

Als der Gemeindeschulze zum Schluß seiner Ausführungen in heftigen Worten die Verantwortlichen des Passionsspielvereins beschuldigt, man arbeite innerhalb des Vereins gegen die Interessen des NS-Staates, ja, man benehme sich sogar staatsfeindlich, bricht ein unbeschreiblicher Tumult im Saale aus. Vergeblich bemüht sich der Bürgermeister, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Als schließlich der Vorstand geschlossen aufsteht und den Raum verlassen will, nimmt die Stimmung im Saale bedrohliche Formen an. In dieser verfahrenen Situation ergreift Landrat Dr. Buttlar das Wort. Zunächst bittet er den Vorstand wieder Platz zu nehmen und läßt sich sodann von beiden Parteien den gesamten Sachverhalt ausführlich darlegen. Im Laufe des Abends gelingt es Dr. Buttlar, nicht nur die streitenden Parteien zu beruhigen, sondern auch die Wiederaufnahme der Passionsspiele sicherzustellen.

Bald danach wird ein, von beiden Gruppen gebilligter, neuer Geschäftsführer eingesetzt und Landrat Dr. Buttlar übernimmt selbst die künstlerische Oberaufsicht und die Gesamtleitung. Für die Spielleitung beruft Dr. Buttlar die langjährige Leiterin einer Kölner Spielschar, Frl. Ina Breuer. Beide besorgen auch die Neubearbeitung des Textbuches. Der musikalische Teil
wird von dem rheinischen Komponisten Studien-Assessor August Klein aus Köln ebenfalls neu bearbeitet, Chorleiter bleibt allerdings Hauptlehrer Gottfried Emans aus Rauschendorf. Im November 1933 beginnt die Probenarbeit, die intensiv bis zum Frühjahr 1934 fortgesetzt wird.

Die NSDAP bekämpft die Passionsspiele

Am Montag, dem 7. Mai 1934, findet vor zahlreich geladenen Ehrengästen und der Presse die Erstaufführung des neubearbeiteten Passionsspieles statt. Und wieder findet das Stieldorfer Spiel in ganz Deutschland starke Beachtung. Die Umgestaltung im Text, in den Chören und einzelnen Bildern fassen die Handlung dramatischer zusammen und erzielen dadurch eine prachtvolle geschlossene Einheit und einen künstlerischen Gesamteindruck. In den Monaten Mai bis Oktober erlebt Stieldorf Sonntag für Sonntag eine Prozession gläubiger Besucher, die alle die Passionsspiele miterleben wollen. Wieder ist die Festspielhalle zu klein, um alle Interessenten aufzunehmen. Zahlreiche Sondervorstellungen werden eingelegt. Einmal - die der Haupturlaubszeit – spielen die Stieldorfer 14 Tage lang hintereinander; Tag für Tag, vor überfülltem Hause.

Der Zulauf ist so stark, daß sämtliche Schulden bereits im August 1934 bezahlt werden können. Die Spielzeit endet mit einem erheblichen Reingewinn, der aber satzungsgemäß sofort caritativen Zwecken zugeführt wird. So scheint nach erfolgreich abgeschlossener Spielzeit in Stieldorf wieder Frieden und Eintracht eingekehrt zu sein. Aber der Schein trügt. Die Gemeinde ist in ihrem Kern zerrissener denn jeh. Zwar herrscht innerhalb des Passionsspielvereins nach wie vor ein harmonischer Gleichklang. Mehr als 300 Personen zählt jetzt die Gemeinschaft der Spieler. Sie alle bringen große und schwere Opfer, indem sie über ein Jahr lang Probe um Probe und Spieltag um Spieltag zur Verfügung stehen, ohne daß ihnen ein sichtbarer oder faßbarer Vorteil winkt. Es ist aber einzig und allein der tiefe, religiöse Opfergedanke, der durch seine Reinheit und durch seine belebende Kraft dieses Gemeinschaftswerk trotz aller Anfeindungen von seiten des NS-Regimes trägt und zusammenhält.

Der Einfluß der NSDAP hat innerhalb des Gemeindelebens ständig zugenommen. Mehr und mehr Bürger treten aus Zwang oder Überzeugung der Partei bei. Hitler hat im Frühjahr 1933 das „Tausendjährige Reich deutscher, germanischer Größe" verkündet. In den Bannkreis dieses Mannes, mit der niederen Stirn, der seltsamen Frisur, dem kurzen Bärtchen auf der Oberlippe und der abgehackten, rauhen Befehlsstimme, sind sie alle geraten: Junge und Alte, Arbeiter, Bauern, Soldaten, Intellektuelle, Offiziere, Beamte und Künstler. Jede Gruppe hat ihre besonderen Gründe, warum sie sich ihrem „Führer" unterwirft. Es gibt viele, die Hitler wie einen Gott verehren, für die seine Gestalt zu einem religiösen Bekenntnis, zu einem magischen Mythus wird.

Im Juli 1934 stirbt der greise Reichspräsident von Hindenburg. Mit Hilfe des Ermächtigungs-gesetzes vereinigt Hitler die Funktionen des Präsidenten mit seiner Kanzlerstellung. Er nennt sich fortan „Führer und Reichskanzler Adolf Hitler". Er ist Kapitän und Steuermann zugleich. Deutschlands Schicksal liegt nun endgültig in seiner Hand. In dieser Zeit stehen die christlichen Bekenntnisse wie umstürmte Inseln in der Hochflut einer auseinanderfallenden geistigen Welt. Sensationell aufgemachte Prozesse gegen Priester, kirchliche Einrichtungen, kirchliche Organisationen, zeigen alsbald welche Richtung Hitler und seine Genossen einschlagen. Im Zuge der Gleichschaltung kann und will das Regime keine Religion dulden. So ist es nicht verwunderlich, daß es auch in Stieldorf zu immer häufigeren Zwischenfällen kommt. Von Natur aus lehnt das an solide Traditionen und altverwurzelte Sitte gebundene Landvolk die nationalsozialistische Gewaltherrschaft von vornherein ab.

Es kommt zu provozierenden Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten zwischen den örtlichen Parteigenossen und einzelnen Stieldorfer Bürgern. Besonders in den Reihen der Passionsspieler ist der Widerstand und die Empörung gegen das NS-System gewachsen. Unter dem ständig stärker werdenden Druck, den die NSDAP auf die Kirchen ausübt, beschließt der Passionsspielverein auf seiner Generalversammlung im November 1934 in Anwesenheit von Prälat Dr. Lenné vom Erzbischöflichen Generalvikariat in Köln, den eingetragenen Passionsspielverein in eine Bruderschaft kirchlichen Rechtes umzuwandeln. Man will sich dadurch dem Einfluß der Gemeindebehörde entziehen, um unter dem Schutze und der Führung der katholischen Kirche seine Aufgaben und Ziele reiner und klarer durchzuführen. Dies bringt den Stieldorfer Gemeindeschulzen endgültig in Rage. In Protest- und Beschwerdebriefen an die Amtsverwaltung in Oberpleis, die Kreisleitung in Siegburg, ja sogar an die Geheime Staatspolizei in Köln, versucht er nun mit Hilfe der örtlichen NS-Zellenleiter gegen diesen Beschluß zu protestieren und den Passionsspielverein als „erheblich staatsgefährdend" darzustellen.

In den Schreiben heißt es u. a.: Man arbeite innerhalb der Passionsspielleitung bewußt gegen die Interessen des NS-Staates. Die wirtschaftlichen Interessen der Gemeinde würden mehr geschädigt als gefördert. Man habe mit aller Energie die nationalsozialistisch zuverläßlichsten Personen aus dem Vorstand oder einer sonstigen vertraulichen Mitarbeit entfernt. Der Passionsspielverein wolle sich zum Beherrscher der Gemeinde machen, aus diesem Grunde schrecke er vor den gemeinsten Mitteln nicht zurück. Außerdem verlangen die Stieldorfer Nationalsozialisten die „längst fällige" Bezahlung des von der Gemeinde Stieldorf im Jahre 1927 erworbenen Grundstückes neben dem Friedhof, auf dem die Festspielhalle errichtet wurde, andernfalls werde ein Verbot der für 1935 geplanten Spiele erwirkt.

Diese Beschuldigungen haben zur Folge, daß Anfang Januar 1935 von der Gauleitung in Köln hohe SS-Offiziere zu einer Ortsbesichtigung in Stieldorf eintreffen. In ihrer Begleitung befindet sich die Siegburger Kreisleitung, verantwortliche Herren des Kreishochbauamtes, des Staatshochbauamtes, der Landrat und ein persönlicher Vertreter des Regierungspräsidenten in Köln. Das Ergebnis der Untersuchungen ist für den Passionsspielverein erschütternd: Der Verein wird gezwungen, der Gemeinde Stieldorf 6000,— RM für das fragliche Grundstück, auf der die Festspielhalle steht, auszuzahlen. Dafür geht dieses in das Eigentum des Vereins über. Die geschäftliche Verwaltung der Angelegenheiten der Passionsspiele verbleiben in der Gemeinde Stieldorf. Die Gründung der Bruderschaft hat auf die geschäftlichen Angelegenheiten der Passionsspiele überhaupt keinen Einfluß. Eine Einflußnahme des Generalvikariats in Köln auf die geldliche und geschäftliche Entwicklung des Vereins darf nicht stattfinden. Außerdem - schwerwiegendste Entscheidung - stellt die Untersuchungskommission fest, daß die 1927 errichtete Festspielhalle in sicherheitspolizeilicher Hinsicht erhebliche Mängel aufweist. Solange diese nicht behoben und die Genehmigung für die Aufführungen vom Reichspropagandaministerium in Berlin nicht vorliegt, wird jegliche Benutzung der Halle verboten.

Untergang und Ende der Stieldorfer Passionsspiele

Dies scheint der endgültige Todesstoß für die Passionsspiele zu sein. Sicher, man ist ja bereit alle anderen Bedingungen anzuerkennen, aber nicht mehr spielen können, das erscheint den Stieldorfern unfaßbar. Gerade 1935 will man doch noch einmal die Passionsspiele aufführen, um den vielen tausenden Interessenten in aller Welt Gelegenheit zu geben, einer ihrer Aufführungen beizuwohnen. Eben weil man ja weiß, daß die Halle nicht mehr im allerbesten Zustand ist, möchte man wieder spielen, um mit dem Reingewinn im Jahre 1936 eine neue Halle zu bauen. In seiner Not wendet sich der Passionsspielverein an einen stillen Freund und Förderer. Es ist der Oberpräsident der Rheinprovinz, Freiherr von Luningk in Koblenz. Dieser unterstützt wärmstens die Bemühungen der Stieldorfer Passionsspielfreunde und setzt seine ganze Kraft und Macht für eine Fortführung der Spiele ein.

Unter der ausdrücklichen Erklärung, daß die jetzige Halle nur noch wärend des Sommers 1935 benutzt und dann niedergelegt werde, gelingt es ihm schließlich, eine Genehmigung zur Aufführung der Spiele beim Reichspropagandaministerium in Berlin zu erwirken. Der Passionsspielverein muß sich allerdings verpflichten, künftig nur noch 1000 Besucher pro Aufführung in die Halle zu lassen. (In der Haupt-Spielsaison 1934 wurden oft 1800 - 2000 Besucher pro Vorstellung gezählt.) Nach Erteilung der Spiel-Genehmigung beginnt im Passionsspielverein eine rege Geschäftigkeit. Man möchte unbedingt am 15. Mai 1935 mit der neuen Spielzeit beginnen, aber bis dahin sind es nur noch wenige Wochen. Deshalb wird nun intensiv geprobt und die Werbung für die Spiele mit aller Kraft vorangetrieben. Während die Vorbereitungen zur Erstaufführung auf Hochtouren laufen, kommt es in Stieldorf am 1. Mai 1935 zu einem erneuten schweren Zwischenfall.

Adolf Hitler hat schon kurz nach seiner Machtergreifung den 1. Mai zum Nationalfeiertag der „Deutschen Arbeit" erklärt. Er soll zum Feiertag der Werktätigen, aber auch zum Fest der Verbrüderung zwischen Arbeitern, Angestellten, Beamten und Arbeitgebern werden. An diesem Tage hat jegliche Arbeit zu ruhen. In Kundgebungen, Aufmärschen und Feiern soll dieser Tag „würdig" begangen werden. Am Vorabend zum 1. Mai 1935 ist ganz Stieldorf auf den Beinen. Vor einer Stunde gings wie ein Lauffeuer durch die Häuser: „Mehrere Lastwagen mit SA- und SS-Leuten aus dem Umkreis, sind zur Unterstützung der örtlichen Parteigenossen eingetroffen, um das morgige Fest vorzubereiten." Und noch etwas bringt die Stieldorfer in hellste Empörung: „Am Dorfmaibaum soll die Hakenkreuzfahne gehißt werden." Dies wiederum mobilisiert die Junggesellen des Dorfes, die alsbald mit einer großen Schar Stieldorfer Bürger am Dorfplatz eintreffen.

Seit Jahrhunderten ist es ein alter Brauch, daß die Junggesellen des Dorfes einen großen Buchen- oder Kiefernstamm als ihren Maibaum im Dorf aufstellen. Zu Pfingsten wird an der Spitze dieses Maibaumes eine Eierkrone befestigt, außerdem wird der Paias (Bajazzo) auch am Stamm aufgehängt, der dann am Dienstag der Margaretenkirmes (Mitte Juli) verbrannt wird. Nun soll dieser schöne Volksbrauch abgeschafft werden und an Stelle der Eierkrone, die Hakenkreuzfahne treten. Die Stieldorfer NS-Parteileitung hat aber sicher mit Schwierigkeiten gerechnet, denn als die empörten Junggesellen drohend an ihrem Maibaum Aufstellung nehmen wollen, trifft ein weiteres Fahrzeug mit uniformierten SS-Leuten ein. Die Stieldorfer müssen nicht nur verbittert zusehen, wie ihr Maibaum niedergelegt und die Hakenkreuzfahne angebracht wird, sie werden auch noch gezwungen, sich an der weiteren Ausschmückung des Dorfes zu beteiligen.

Spät in der Nacht noch sinnen die Stieldorfer auf Revanche für diesen Willkürakt. Und sie revanchieren sich schon am nächsten Tage. Wutentbrannt muß die örtliche Parteileitung zusehen, wie schon im frühen Morgengrauen eine riesige Pfarrprozession vom Stieldorfer Kirchplatz aus zur Kapelle auf dem Petersberge loszieht. Erst am Mittag gegen 1 Uhr kehrt dieselbe zur Kirche zurück. Anschließend hält der Passionsspielverein in der Festspielhalle eine Probe ab, an der viele Stieldorfer Bürger teilnehmen. So bleibt es nicht aus, daß an dem Festakt zum 1. Mai auf dem Kirchplatz, dem anschließenden Umzug und den abendlichen Volksfesten nur wenige Stieldorfer teilnehmen. Natürlich bleiben diese Vorgänge nicht ohne Nachwirkungen. Wenige Tage später trifft ein Schreiben der NS-Gauleitung in Köln beim Vorstand des Passionsspielvereins ein. Hierin heißt es: „Am Tage der Nationalen Arbeit, am 1. Mai 1935, haben Sie eine Probe der Passionsspiele abgehalten. In Anbetracht der Würde und Bedeutung dieses National-feiertages ist dieses Verhalten auf das Entschiedenste zu mißbilligen. Im Auftrage des Herrn Regierungspräsidenten in Köln sprechen wir Ihnen hiermit eine nachdrückliche Verwarnung aus und ersuchen Sie gleichzeitig, ihr Verhalten für die Zukunft gemäß den Forderungen, die die Nationalsozialistische Volksgemeinschaft auch an Sie stellt, einzurichten. "

Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme startet am Mittwoch, dem 15. Mai die Erstauf-führung der Stieldorfer Passionsspiele für das Jahr 1935. An diesem Tage regnet es in Strömen. Grau und regenschwer hängen die Wolken über dem Siebengebirge. Das schlechte Wetter drückt auch auf das Gemüt der Stieldorfer Passions-spieler. Zwar geben die Spieler wiederum ihr Bestes, aber sie spielen zum erstenmal vor einem nur teilweise gefüllten Festspielhaus. Viele der geladenen Gäste sind entweder überhaupt nicht gekommen oder haben ihr Erscheinen abgesagt. Zunächst glaubt man im Passionsspiel verein, wegen des schlechten Wetters habe mancher den Weg nach Stieldorf gescheut, aber auch an den nachfolgenden Spieltagen wird der Zulauf des Publikums eher schlechter als besser. Allmählich erhält man in Stieldorf die Bestätigung für das, was man schon längst vermutet hat: Die Menschen bleiben aus Furcht vor eventuellen Schikanen von seiten der NSDAP lieber zu Hause. Dabei soll gerade in diesem Jahre das Passionsspiel an sämtlichen Sonn- und Feiertagen sowie mittwochs von Mai bis Oktober wiederholt werden, um die Mittel zu einem neuen festen Theaterbau zu erhalten, der als würdigere Aufführungsstätte an Stelle der alten unzulänglichen Holzhalle errichtet werden soll.

Am 30. Oktober 1935 findet die letzte feierliche Vorstellung der Stieldorfer Passionsspiele statt. In ernster Weihe und unverminderter Hingabe spielen die Stieldorfer zum letzten Male ihr Passionsspiel. Begeistert und machtvoll rauscht zum Schluß der österliche Jubelsang durch die Festspielhalle, wird hinausgetragen über ihre Wände in den kühlen Herbstabend, begleitet vom feierlichen Gelaute aller Kirchenglocken. Hinter dem Passionsspiel hat sich der Vorhang geschlossen. Wo sonn- und feiertags Männer und Frauen aller Stände in religiöser Inbrunst dem Spiele dienten, ist es einsam und still geworden. Die Spieler haben bis zuletzt getreu ausgeharrt, wenn auch der Druck des NS-Regimes immer stärker wurde. Ständig bewachten SA- und SS-Trupps teilweise in voller ,Kampfausrüstung' - die Passionsspielaufführungen. Es ist darum ganz natürlich, daß immer weniger Zuschauer den einzelnen Aufführungen beiwohnten. Niemand wollte der Denunziation der NSDAP ausgesetzt sein.

Auf der Generalversammlung im Dezember 1935 wird der Passionsspielverein gezwungen, den erspielten Reinertrag des Jahres 1935 als Reichsanleihe zu zeichnen. Das Schicksal der Passionsspiele in Stieldorf scheint endgültig besiegelt zu sein, als bald darauf der Bürgermeister von Oberpleis die Festspielhalle für baufällig erklären und abreißen läßt. Bretter und Balken werden zum Luftschutzbunkerbau verwendet. Der Rest gestohlen und in alle Winde verstreut. Achtzehn Jahre nach der letzten großen Veranstaltung der Stieldorler Passionsspiele, ruft im Februar 1953 das Stieldorfer Volksbildungswerk zu einer Versammlung zwecks einer Wiederbelebung der Passionsspiele auf. Unter dem Vorsitz von Pfarrer Hestermann, dem Dirigenten Karl Dreckmann, Bürgermeister Heinrich Horn und Hauptlehrer Gottfried Emans
aus Stadt Blankenberg, beschließt man auf dieser Versammlung am Passions-Sonntag 1953 ein Konzert zugunsten einer Wiederbelebung der Passionsspiele aufzuführen. Die weiteren Planungen des Abends ergeben, daß der Gesamtkostenaufwand für eine neue Festspiel-halle, (das Grundstück ist ja noch vorhanden) Kostüme, Beleuchtung und Bühne etwa
200 000 DM betragen würde. Falls es nicht möglich sein sollte, sofort mit dem Bau der Festhalle zu beginnen, könnte das Spiel in den ersten Jahren als Freilichtaufführung im Lauterbachtal oder als Mysterienspiel in der Kirche aufgeführt werden. Fräulein Ina Breuer aus Bonn sollte dann gebeten werden, als Intendantin die Spiele zu leiten und Herr Dreckmann sollte die musikalische Leitung übernehmen.

Am Passionssonntag, dem 22. März 1953 findet dann auch tatsächlich im Saale Schlösser in Stieldorf ein Konzert des Stieldorfer Kirchenchores Cäcilia mit der Szene „Christus am Ölberg" (Für Soli und Chor von Ett) statt. In ganz Deutschland horcht man nach dieser ersten Veranstaltung auf. Stieldorf erlebt in jenen Tagen eine wahre Invasion von Journalisten und
Bildberichterstattern. Schlagzeilen wie „Stieldorfer Passionsspiele kommen wieder" „Rheinisches Oberammergau zu neuem Leben erwacht" prangen auf den Titelseiten namhafter westdeutscher Zeitungen.

Leider aber ist der Optimismus verfrüht. Die Konzerte werden zwar noch mehrere Male aufgeführt aber zu einer echten Wiederbelebung der Passionsspiele kommt es nicht mehr. Die „große Zeit der Stieldorfer Passionsspiele" ist endgültig vorüber. Die Zeit, in der Tausende nach Stieldorf eilten, um die Sorgen und das tägliche Einerlei zu vergessen und die hier durch die ergreifende Stieldorfer Darstellung neuen Mut und echte Erbauung fanden, gehört endgültig der Vergangenheit an.

ENDE

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 6 und folgende von 1967; Text Heinz Wicharz
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper
Räume & Galerien
Kulturelles Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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