Aufnahme: 2018
Das Herz-Häuschen
Eines der kleinsten, zum Wohnbereich zählenden Gebäudeteile ist das "Herzhäuschen". Es misst etwa einen Quadratmeter in der Grundfläche und ist circa zwei Meter hoch und hat die markante meist nur von innen mit einem Riegel verschließbare Brettertür mit der obligatorischen Herzöffnung, keine Fenster und weder Heizung noch Licht. Innen ist es schlicht ausgestattet mit einer Sitzbank, die nicht gepolstert ist, sondern in deren Mitte sich ein kreisrunder Lochausschnitt von etwa 35 cm Durchmesser befindet, der mittels eines abhebbaren Holzdeckels verschlossen ist. An der Wand befindet sich ein eingeschlagener Nagel (ohne Kopf) auf dem Zeitungspapier in DIN-A-5-Größe aufgespießt ist, deren Verwendung dem heutigen Rollenpapier entspricht.
Die Saugfähigkeit dieses abfärbenden Zeitungspapiers ist nicht sehr groß, was wiederum negative Auswirkungen auf die Reinlichkeit an den betroffenen Körperteilen und der Unterwäsche hat. Im Winter ist es in diesem Häuschen äußerst unangenehm und man hält sich dort nur die unabdingbar notwendige Zeit auf. Bei angenehmerem Wetter kann man jedoch dort auch die Zeitung lesen oder eine Zigarette rauchen. Eigentlicher Zweck des Häuschens ist die Verrichtung der Notdurft. Soweit könnte diese Erklärung Wikipedia entnommen sein.
Wenn wir heute eine mittelalterliche Burg besichtigen, fällt uns außen in einiger Höhe ein Erker auf, der keinen Boden zu haben scheint und dessen Bedeutung und Nutzung uns vom Reiseleiter gerne erläutert wird. Können wir uns das heute noch vorstellen, wie es sich anfühlen musste, wenn Burgleute und selbst Adelige bei entsprechendem Bedürfnis auf vorgenanntem Lochausschnitt saßen und Ihnen von unten eiskalter Wind ins Hemd blies? Da waren selbst Grafen und Fürsten in diesem Punkt nicht besser gestellt, als deren Untertanen.
Die Türe war entgegen heutiger Gebräuchlichkeit nicht von innen, sondern von außen zum Wohnbereich hin abschließbar, damit nicht ein eventueller feindlicher Einbrecher oder Krieger diesen Erker als Eingang benutzen konnte.
Bis etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge eine ausgiebige Renovierung der alten und zum Teil beschädigten Wohnhäuser vorgenommen wurde, beziehungsweise ein Neubauboom einsetzte, kannte die ländliche Bevölkerung zur Erfüllung ihrer Notdurft fast ausschließlich das vom Hof aus erreichbare Herzehäuschen, den Plumpsklo, das Abort, mundartlich Abtrett oder Scheißhaus genannt. Lediglich die Stadtbevölkerung war da bereits seit Jahrhunderten, und ich darf hier auch frühgeschichtliche und römische Kulturen nicht unerwähnt lassen, besser gestellt und kannte Wasserklosetts oder zumindest Vorläufer unserer heutigen diesbezüglichen sanitären Anlagen.
Unter der „Sitzbank“ befand sich ein tiefes Erdloch oder eine betonierte Jauchegrube. Bei starkem Frost bildete sich manchmal ein von unten hochwachsender Kegel, der die Nutzung erschwerte und erst abgeschlagen werden musste. War die Jauchegrube gefüllt, musste sie geleert werden. Hierzu bediente man sich einer Art Kelle mit langem Holzstiel, im Dialekt „Tröteschäppchen“ genannt, womit die Fäkalien dann in eine spezielle Transportkarre, einem oben offenen, in Gelenken gelagerten auf einer Schubkarre befestigten Fass, der „Addelskah“, gefüllt und in den Garten als Dünger verbracht wurden. Alles BIO also? Kunstdüngen jedenfalls war nicht erforderlich und Gemüse, Salat und Kartoffeln wuchsen prächtig.
Es waren schon bescheidene Zeiten.
Heute findet man das Herzehäuschen, den Plumpsklo, in Deutschland fast gar nicht mehr, denn er steht auf der Roten Liste der "aussterbenden Gebäudeteile".
Foto: Schwäbisches Plumpsklo vor dem "Staudenhaus" in Oberschönenfeld (Schwäbisches Volkskundemuseum beim Kloster Oberschönenfeld)
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