Aufnahme: 1973
Dr. Werner Heinen
Jugend-Erinnerungen an die alte "Brölbahn" von Professor Dr. Werner Heinen (Teil 1)
"Es ist irgendwann im Dezember 1907 oder im Januar 1908. Ein zehn- oder elfjähriges Knäblein klettert vorsichtig die_Steintreppe_vor_der_Apotheke hinab zur Dollendorfer Straße. Es ist stockfinster kurz nach sechs Uhr in der Frühe, und die meisten Häuser zeigen noch keinerlei Licht. Die Nordseite der Straße ist hier bis zur Wagen-_und_Hufschmiede noch unbebaut, also bis hinter den Marktplatz, auf dem es seit vielleicht hundert Jahren keinen Markt mehr gibt, wenn man von der Dreifaltigkeitskirmes absehen will, sowie seltenen Viehmärkten, dann und wann einem Wanderzirkus, der aber nur aus primitiven Holzbänken besteht, ein paar Wohnwagen für die Artisten, einem Drahtseil, über zwei gekreuzten Blöcken gespannt und dazu eine quietschende Orgel. Aber das war nur im Sommer oder Frühherbst. Die Seiltänzerin, glutäugig, wie es sich gehört, lief keine Gefahr, sich ihre zarten Beinchen zu brechen, denn das Drahtseil war kaum höher als zwei Meter. Heute ist es, wie gesagt, stockfinster, oder wie manche Leute sagten 'stichenduster', denn es wird noch etwa sechs Jahre dauern, bis es alle hundert Meter so etwas wie eine Straßenbeleuchtung gibt. Man ist allmählich dabei, den Strom von dem Elektrizitätswerk Berggeist in den Braunkohlengruben des Vorgebirges unweit Köln herüberzuleiten.
Die elementaren Arbeiten beaufsichtigt der Laienvorsitzende der katholischen Jünglingskongregation, ein sehr frommer junger Mann, der Stolz der Familie, kurz der 'elektrische Jung' genannt. Weil es aber noch lange nicht so weit ist, hat die Mutter ihrem Ältesten ein Öllämpchen mitgegeben. Das leuchtete vielleicht zwei Meter weit. Der Kleine hat das Öllämpchen nur ein paar Wochen lang benutzt, weil er es ja jedesmal auf dem Bahnhhöfchen auslöschen mußte. Außerdem wurde er von seinen Schulkameraden gründlich als Muttersöhnchen verhöhnt. Im übrigen musste er bald erkennen, dass er ohne Lämpchen mindestens genau so gut zurecht kam, denn was sollten die anderen machen, die damals die zum Teil noch morastigen Wege von Boseroth, Hasen- und Kellersboseroth, von Eisbach usw. laufen mußten? Der Stolz des Dorfes war ein Kopfsteinpflaster, das genau unterhalb der Apotheke begann. Bis hierhin zogen auch die Beerdigungen von Auel, den verschiedenen Boserothen und den anderen Dörfern am Fuße des Ölberges. (Damals wurden die Toten noch auf dem Leiterwagen befördert).
Dann mussten die mehr oder weniger trauernden Angehörigen sowie die ganze Dorfsippe und, wie es heute noch der Brauch ist, in der Mehrzahl Frauen, warten, bis der Herr_Pastor_Horst,_ein sehr freundlicher und, wie es sich für einen geborenen Kölner gehört, humorvoller alter Herr, erschien. Selbiger im weißen Spitzenrochett, schwarzem Schulterkragen mit schwarzen Quasten in vorgeschriebener Zahl und ebenso schwarzem Birett. Manchmal trat jedoch - zumal bei Kinderbeerdigungen und auch bei armen Leuten - im gleichen Ornat der Herr Vikar auf. Die Pfarrei hatte das besondere von alters her gepflegte Privileg, einen Vikar zu halten, denn der hatte einen etwas höheren Rang als ein junger Kaplan.
Nun versammelten sich kräftige Jünglinge und trugen den Sarg. Sie setzten ihn vor dem Portal der herrlichen romanischen Propsteikirche ab. Es folgte die Totenmesse, und dieweil die Mitglieder des Kirchenchores, von Ausnahmen abgesehen - etwa dem Hinscheiden einer Respektsperson oder gar eines hochwürdigen Herrn - an solchen Feierlichkeiten nicht teilnahmen, sang der Küster Schmitz mit seiner dünnen Fistelstimme das gregorianische Requiem, und Herr Kommer, ein ehemaliger Volksschullehrer, bediente die alte quietschende Orgel. Nach der Beerdigung trafen sich dann die mehr oder weniger Leidtragenden meist im Saale des schönen Fachwerkhauses Bröhl oder im etwas kleineren von Söntgen. Sie nahmen ihren Kaffee zu sich und verzehrten ein paar Hefeteilchen. Und damit hatte es sich. Anders war es mit Respektspersonen, Geschäftsleuten, wohlhabenden Bauern, mit Recht auch bei Mitgliedern, ja Vorsitzenden der Gesang-, Krieger-, Schützenvereine und Bruderschaften.
In diesem Falle hatte die Blechmusik am Grabe eine gar traurige Weise geblasen: 'Ich hatt' einen Kameraden' mit der sinnigen Schlussstrophe: 'Kann dir die Hand nicht reichen, dieweil ich eben lad', kann Dir die Hand nicht geben, bleib du im ewigen Leben, mein guter Kamerad'! Dann ging es im Gleichschritt zum Saal Bellinghausen, 'Post-Mattes'. Da fing es dann, weil auch hier so viele Frauen dabei waren, zunächst mit Kaffee an. Und wenn die Weiblichkeit, auf welche zu Hause die Kühe, die Pferde, die Schweinchen, die Hühnerchen und nicht zuletzt die Kinderchen warteten, verschwunden war, gingen die Herren der Schöpfung zu kräftigeren Ingredienzien über. Hinten im Westerwald und überall in Westfalen mit dem sauerländischen Kernland spricht man dann vom Reuessen,_Leichenschmaus. Der Ausdruck hat sich hierzulande auch allmählich eingebürgert."
Damals kannte man ihn, soweit ich mich entsinne, noch nicht. Was gab es denn da zu bereuen? - Natürlich gab es Haß, Neid und Streit. Aber im Ganzen waren die Leute friedlich. - Unser Knäblein war indessen doch schon mutiger geworden, eigentlich nur ein bißchen. Und als er das Laternchen zunächst unter der Trachythplatte auf der unteren Treppe versteckte, um am Frühnachmittag, wenn er von der Schule heimkam, mit ein bißchen geheuchelter Dankbarkeit es der Mutter oder dem Hausmädchen Maria Prangenberg abzuliefern, lief er die Dorfstraße hinunter. Weil er, wie alle anderen Jungen, eisenbeschlagene Absätze trug, konnte er auf dem Kopfsteinpflaster herrliche Funken schlagen. So erreichte er dann, ziemlich naß das Bahnhöfchen der Brölbahn, wo einige Azethylenlampen brannten und dadurch den Namen „Bahnhof" durchaus rechtfertigten. Wie schade, daß es die Eisenbahn in dieser Form heute nicht mehr gibt und auch nicht den Bahnhof! Denn nach den letzten Eingemeindungen gibt es kein eigentliches Oberpleis mehr, sondern nur noch eine Teilgemeinde von Königswinter. Aber damals prangte Oberpleis neben den Stationen Nonnenberg, Herresbach, Uthweiler, Dambroich. - auch „Station Apfelbaum" genannt - sozusagen als ein kleiner Hauptbahnhof.
Es gab damals bei der Brölbahn außer Oberpleis noch mehrere „richtige" Bahnhöfe, die miteinander, soweit ich mich erinnern kann, nur durch Morsetelegraphen verbunden waren. Telefonverbindungen gab es erst ein paar Jahre später. Diese Bahnhöfe waren Siegburg, Beuel, Hennef, die Endbahnhöfe Waldbröl und Asbach. Der Oberpleiser Bahnhof (Bild links) hatte sogar eine Bahnhofswirtschaft, die von 6 bis 22 Uhr geöffnet war. Es gab zwei Wartesäle. Im Wartesaal 3. Klasse war auch der Fahrkartenschalter. Im Wartesaal 2. Klasse prangten einige staubige Plüschmöbel und ein Bild seiner Majestät, des deutschen Kaisers und Königs von Preußen! Den Rheinländern war der Kaiser lieber als der König, bei den Preußen war es umgekehrt. Jetzt im Winter waren die Wartesäle, besser gesagt, die Wartestuben in der Frühe nicht als Aufenthaltsräume gedacht. Sie waren auch viel zu klein, um alle Passagiere aufzunehmen. Anders war es möglicherweise bei der 2. Klasse, denn dort erschienen ein paar, höchstens ein Dutzend Passagiere. Die wollten dann allemal in Siegburg den Anschluß zum Eilzug nach Köln erreichen. Die Leute, die in der Kreisstadt Siegburg zu tun hatten, um etwa Einkäufe zu tätigen oder einen Termin im Landratsamt, vielleicht auch im Amtsgericht erwarteten, konnten noch gegen 10 Uhr mit einem zweiten Zug fahren, und das war in jeder Hinsicht bequemer.
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