Aufnahme: 1935 (ca.)
Berghausener Erntefestwagen
"De Frooch es rief!"
Die Frucht ist reif, so müsste man das ins Hochdeutsche übersetzen. Mit „Frooch“, (Frucht) sind jedoch nicht allgemein alle Früchte der Erde und des Sommers gemeint, sondern eine spezielle Art der Feldfrüchte, und zwar die, die man allgemein als Korn bezeichnet, nämlich Roggen, Weizen, Gerste und Hafer. Diese der Herstellung unseres alltäglichen Brotes dienenden Feldfrüchte waren insbesondere in früheren Zeiten neben den Kartoffeln für die Ernährung der Menschen die wesentlichsten und wichtigsten Erzeugnisse.
Um so mehr zitterten die Landwirte der Reifezeit entgegen und hofften, dass kein Platzregen, Dauerregen oder Sturm die reifenden Früchte plattlegte und Unkraut und Feuchtigkeit die Arbeit eines ganzen Jahres zunichte machte.
Wenn aber alles glatt verlaufen war und die reifenden Ähren in der Sonne leuchteten, war das, wie ich mich als Kind der 40-er Jahre erinnere, ein Dorfereignis, wenn die Ähren geschnitten wurden und die Dreschmaschine sie vom Stroh trennte.
Doch zunächst zum Getreideschneiden.
Die Landwirte engagierten dann etliche Männer und Frauen aus dem Ort, um bei der Ernte zu helfen. In Ermangelung der heute zum Standard gehörenden Maschinen, denn die gab es noch nicht oder waren im Krieg zerstört, wurden die Ähren mit der „Seech“, einer kurzstieligen Sense, unter Zuhilfenahme der „Hööch“, eines Hakenstocks, am Boden abgeschlagen. Ja, nicht gemäht sondern abgeschlagen, was viel Kraft und Geschicklichkeit erforderte, damit die Ähren dann so umfielen, dass die Frauen sie dann zu „Schobben“, zu Bündeln bzw. Garben zusammenfassen und mit Stroh binden konnten.
Diese wurden dann jeweils zu dreien oder vieren zu „Huustere“, zu Häuschen aufgestellt, damit sie noch ein paar Tage trocknen konnten.
Dann war Dreschzeit angesagt. Ich erinnere mich, damals in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre morgens früh bereits um fünf Uhr aufgestanden zu sein, um bei hellem Sonnenlicht zusammen mit anderen Kindern und natürlich den Helfern aus dem Dorf die „Dreischmaschiin“ zu bestücken. Dieses dem Landwirt Schleifer gehörende Gerät stand auf einem Grundstück „Auf den Steinen“ abseits vom Dorf. Nach dem obligatorischen Vorglühen stieß der alte Lanz mächtige Qualmwolken aus und tuckerte dann ununterbrochen bis in die Abendstunden los. Über ein breites, ungeschütztes Lederband als Transmission erwachte dann das Ungetüm von einer Dreschmaschine zum Leben.
Fleißige Helfer, bewaffnet mit Heugabeln, warfen Schobbe auf Schobbe hoch auf die Maschine, wo die Frauen die Bindungen aufschnitten und die Ähren schön verteilt in den gefräßigen Schlund der Maschine einfüllten. Es rasselte und polterte, dass es weithin zu hören war. Den „Kaaf“, den „Spless“, die Kleie und sonstige Kleinteile blies die Maschine durch ein Rohr auf einen nebenstehenden Wagen; das ausgedroschene Stroh band sie zu handlichen „Pöngele“, Bündeln, die später als Streu für die Kühe verwendet wurden.
Wagen um Wagen rollte heran, denn für sämtliche Erzeuger stand nur diese eine Maschine zur Verfügung.
Uns Kindern oblag die Aufgabe, darauf aufzupassen, dass die sich langsam mit „Köene“, Körnern füllenden Säcke nicht überliefen. Wir durften dann einen Verschlusshebel betätigen und riefen kräftige Männer herbei, die die schwer gefüllten Säcke wegschafften.
So ging das den ganzen Tag bis zum Einbruch der Dunkelheit. Der Inhalt eines Picknickkorbes bewahrte uns vor unangenehmen Bauchgefühlen.
Jahre später funktionierte dann eine ähnliche Dreschmaschine im Ort Sand, wohin dann die Schobben, die nicht alle bei Schleifers verarbeitet werden konnten, mittels Ochsengespann (die Pferde waren im Krieg konfisziert worden) (siehe Datensatz 1345 /Dämm Möllesch Marie senge Oeß) dorthin und wieder zurück befördert wurden.
Und so waren wir dabei und halfen beim Dorffest der Getreideernte, die aber damit noch nicht abgeschlossen war, denn als Letztes durften die Nichtlandwirte, also die Nichtshabenden, die Stoppelfelder abgehen und die dort noch zu findenden Ähren für sich selbst aufsammeln. Dieses war natürlich wieder eine Arbeit der Frauen und von uns Kindern. Und so freuten wir uns über ein paar ausgedroschene Körner, die in der an der Wand hängenden „Kaffeemühle“ zu Mehl gemahlen wurden.
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