Aufnahme: 1910

Frauenberufe im Siebengebirge um 1900

Im Datensatz 2944 sind die um die Jahrhundertwende üblichen Berufe der Männer aufgeführt.
Aber welchen Berufen gingen die Mädchen und Frauen unseres Gebietes zu dieser Zeit nach?

Da ist in erster Linie entsprechend dem damals geltenden Patriarchat der Dienst in Haus, Hof und Küche zu nennen. Sie waren dafür zuständig, dem hart arbeitenden Ehemann ein angemessenes Heim zu schaffen. Dazu gehörte selbstverständlich auch die Erziehung der eigenen Kinder.

Aber welche Möglichkeiten hatte die damalige Damenwelt darüber hinaus?
Die Auswahl war sehr beschränkt:

Landwirtschaft:

Sie wurden Mägde und vielleicht Hauswirtschafterin oder zeitweise Erntehelferin bei der Heuernte, der Weizenernte oder der Rübenernte.
(siehe Galerie Getreideernte, Galerie Heuernte, Datensatz 831 Knollenernte)

Fabriken:

Die Industrialisierung befand sich damals noch in der Entwicklung, so dass hier in unserer
Gegend nur wenige Arbeitsplätze angeboten wurden.

Handel:

Die meist vom männlichen Inhaber und ggf. gemeinsam mit seiner Ehefrau geführten kleinen Geschäfte - große Kaufhäuser gab es nur in größeren Städten - benötigten keine oder nur selten Unterstützung durch Verkäuferinnen.

Selbständigkeit:

Die handwerklichen Berufe mit Meistertitel standen den Frauen i.d.R. nicht offen, es sei denn sie übernahmen gezwungenermaßen den Betrieb nach dem Tode des Ehemannes.

Sie konnten zum Beispiel bei einer Schneiderin oder in einer Landwirtschaftsschule (siehe Datensatz 1026) Nähen, Kochen und Handarbeit lernen und diese Kenntnisse dann für eigene Zwecke, als Nachbarschaftshilfe und für Freunde ausüben.

Verdingen (eine Lohnarbeit, einen Dienst annehmen):

Beliebt waren Anstellungen bei höheren und hohen Herrschaften. Dies setzte aber eine persönliche positive Grundeinstellung und Kenntnisse voraus, die durch Besuch einer entsprechenden Schule abgerundet werden konnten. Nach entsprechend bestätigtem Nachweis verdingten sie sich dann als Haus- und Stubenmädchen, als Kindererzieherin oder als Hauswirtschafterin.

In Stellung:

Diesen Begriff kennt man heute eigentlich nur noch vom Militär, vom Krieg an der vordersten Front, als man, an Leib und Seele bedrückt, nach allen Seiten sichernd, möglichst ohne aufzufallen und alle Fehler vermeidend seine Pflicht tat.

Aber auch auf unsere jungen Damen, die bis zur offiziellen Aufhebung des Adels ihre Aufgaben als Haushalts- und Stubenmädchen bei höhergestellten Familien oder hochherrschaftlichen Häusern ausübten, treffen diese Aussagen zu.

Wir können uns das heute kaum noch vorstellen, dass sich junge Frauen ohne Kündigungsschutz und soziale Absicherung in den Dienst der „höheren Herrschaft“ stellten und bei geringem Lohn und gelegentlich den üblen Launen und willkürlichen Anordnungen der „feinen“ Leute ausgesetzt ihre Arbeit verrichteten. Aber was blieb ihnen anderes übrig, wenn sie nicht in der Landwirtschaft oder in Fabriken bei gesundheitsgefährdender Arbeit etwas zur Bestreitung des Unterhaltes ihrer Familie beitragen wollten.

Meine Schwiegermutter war so eine Haushaltshilfe „in Stellung“, wie sie mehrfach berichtete, und so fand ich in ihren Unterlagen einen „Katechismus“ für das feine Haus- und Stubenmädchen von 1897.

In dem kleinen Büchlein ist beschrieben, welche guten Manieren eine Haushaltshilfe haben sollte, wie Tische zu decken sind und wie serviert wird, wie der Haushalt sauber und ordentlich geführt wird, einschließlich der großen und kleinen Wäsche und welche sonstigen Pflichten so ein Mädel hatte.

Es beschreibt, wie die hohen Herrschaften von Handel, Industrie und vom Adel, wie Barone, Grafen und Fürsten sowie deren Familienangehörigen anzusprechen sind und wie man sich ihnen untertänigst nähert, wenn man z. B. eine Botschaft zu überbringen hatte.
Weiter enthält es ausführliche „Goldene Mahnworte“ für die Mädchen, aber auch vorsichtige „Bitten“ an die Herrschaften, mit den Mädchen gnädig und wohlwollend umzugehen.

Im zweiten Vorwort findet sich aber auch ein Zitat, das heutige Mädchen und Frauen als Beleidigung und Herabwürdigung ansehen würden und ihnen einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, wenn es da heißt:

„Wir dürfen in der Verbreitung dieses Buches ein erfreuliches Zeichen erblicken, daß das deutsche Mädchen den gesunden Sinn für Häuslichkeit und häusliche Arbeiten behalten hat und so lange unsere weibliche Jungend den Sinn für Häuslichkeit behält und darin ihren wahren Beruf erblickt, wird auch das edle deutsche Familienleben blühen und die bedenklichen Utopien von Frauen-Emancipation, welche der heutigen jungen Mädchen vielfach von falschen Priesterinnen gepredigt werden und den Zweck haben, die deutsche Frau ihrem angeborenen und natürlichen Beruf zu entfremden, keinen Boden in unserem Volke finden.“

Zur Verfügung gestellt von
Fritz Karl Birkhäuser: Foto; Paul Winterscheidt: Text Berufe im Siebengebirge - Galerie: Getreideernte - Galerie: Heuernte
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