Aufnahme: 2010

Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, II. Teil

Alte Straßenansicht im Oberpleiser Unterdorf

Unser heutiges Titelbild ist aus zweifachem Grunde wiederum der wertvollen Bildersammlung des Arbeitskreises für Heimatkunde im Oberpleiser Volksbildungswerk entnommen. Einmal bringen wir im Innern des Heftes einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit dieses Arbeitskreises und zum anderen veröffentlichen wir heute den zweiten Teil der Jugenderinnerungen von Johann Bennerscheid, zu denen dieses Photo so recht passt.
Es zeigt das Oberpleis um die Jahrhundertwende. Also jene Zeit, in der das Pferdefuhrwerk und das Fahrrad die einzigsten „Fortbewegungsmittel" waren. Als es noch keine Wasserleitung und keinen Strom gab und trübe Gaslaternen und „Petroleumfunzeln" die einzigsten notdürftigsten Lichtquellen am Abend darstellten. Das Bild gibt so recht realistisch jene Zeit wieder, in der Johann Bennerscheid, als Schulbub, tagtäglich über das holprige Kopfsteinpflaster der Siegburger Straße hinauf zur Schule pilgerte. (Heinz Wicharz)


Aus der Jugendzeit

Aus der Jugendzeit Jugend und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid


Unser Lehrer Schwind

Herr Lehrer Schwind hatte aber auch manchmal wirklich Ursache, über uns erbost zu werden, zum Beispiel war das Zuspätkommen bei Freund Peter und mir im höchsten Grade chronisch. Der Schulweg ging durch das Eisbachtal am Bache vorbei und wir hatten dort öfter „Arbeiten" auszuführen, die uns wichtiger dünkten, als der Schulunterricht. Hier mussten wir nachsehen, ob der große Fisch noch da war, den wir gestern gesehen hatten, dort mussten wir überprüfen, ob die eingebauten Wasserräder noch liefen. usw.. Einmal hatten wir. einen Krebs gefangen. Wir bauten von Lehm und Steinen einen Ringwall, gossen Wasser hinein, setzten den Krebs dazu und deckten ein Brett darüber. Hier saß der arme Krebs tagelang in seinem. Gefängnis, bis ein Gewitterregen die „Ringburg" wegschwemmte, wodurch der arme Krebs erlöst wurde. Es war uns unbegreiflich, dass Lehrer Schwind hierfür nicht das geringste Verständnis zeigte. Unsere schönsten Entschuldigungen wurden von ihm meistens „handlich" erledigt. Oft mussten wir die Zeit, die wir morgens zu spät kamen, nachmittags nach Schulschluss nachsitzen, dann aber mit hundert Prozent „Aufschlag".

Ein Erlebnis vom „Nachsitzen" ist mir noch gut in der Erinnerung. Eines Tages war ich auch bei den Bevorzugten, die nachmittags, wenn die anderen Kinder nach Hause gingen, noch eine Stunde nachsitzen durften. Da schon in der ersten Viertelstunde, dank der vorzüglichen Lehrmethode von Schwind, drei Kinder weinten, schien die Nachhilfestunde einen ganz normalen Verlauf zu nehmen. Schwind wurde aber vorzeitig abberufen, er gab uns eine schriftliche Arbeit auf und beauftragte mich, ihm einen Stoß Schreibhefte, die auf seinem Pulte lagen, nach Schluss der Stunde in seine Wohnung zu bringen. Sicher wollte er damit kontrollieren, ob wir nicht vorzeitig die Schule verließen.

Um fünf Uhr gingen die anderen „Sträflinge" nach Hause und ich brachte die Hefte auftragsgemäß zum Lehrer Schwind," der damals in dem jetzigen Hause Wendel wohnte. Als ich dort ankam, werkelte Schwind in einem alten Anzug im Garten herum. Ich war entsetzt!  Bis jetzt hatte ich meinen Lehrer als das höchste Wesen auf Gottes weiter Erde angesehen; dass sich dieser aber soweit erniedrigen konnte, ganz gewöhnliche Gartenarbeiten zu verrichten, das war mir unfassbar. Schwind schien guter Laune zu sein. Er nahm mir die Hefte ab, sprach freundlich mit mir, zeigte mir noch allerlei in seinem Garten, und nachdem ich noch ein wenig jäten helfen durfte, war ich in Gnaden entlassen.

Ich ging hocherfreut nach Hause. In mir war alles eitel Wonne, ich dünkte mich der Gunst und Gnade meines Lehrers für alle Zeiten. Auf dem Heimwege überlegte ich mir schon, was ich jetzt alles anfangen könnte, ohne von Schwind gestraft zu werden. Wie schrecklich wurde ich aber andern morgens enttäuscht. Der Unterricht hatte noch kaum begonnen, da bekam ich meine Hiebe wegen der berüchtigten „Hemp-Geschichte" die ich anfangs meiner Erinnerungen beschrieben habe. Die Enttäuschung: „Gestern Freund — heute Feind", war für mich fast schmerzlicher, wie die Strafe selbst.

Trotz allem hatten wir unseren Lehrer gerne und so beschlossen wir einmal, ihm auf seinem Namenstage eine Freude zu machen. (Er hatte den schönen Vornamen: Bertram). Darum hielten wir in unserer Klasse eine Sammlung ab. Wenn auch fast nur Kupfermünzen einkamen, so reichte es doch, um beim „Thiebes Griet" jetziges Kaufhaus Koch, einige, möglichst bunte, Glasschüsseln einzukaufen, die wir vor Beginn des Unterrichtes schön auf sein Katheder stellten. Statt der von uns erwarteten Freudenausbrüehe machte unser Lehrer, als er die Klasse betrat und die „Bescherung" überschaute, ein recht finsteres Gesicht. Wir mussten unser Namenstagsgeschenk zum „Thiebes Griet" zurückbringen, dort die Kupfermünzen in Empfang nehmen und sie jedem einzelnen Spender wieder zustellen.

Damit waren die „Namenstagsfeierlichkeiten" beendet. Damals mutete uns das Benehmen des Namenstags-kindes sonderbar an, heute bin ich Just der Meinung, dass es in Wirklichkeit seinem guten Herzen entsprang. Er wollte nicht zulassen, dass das ohnehin schon schmale „Budget" der Kinder durch ihn noch mehr belastet würde. Von seiner Gutheit zeugte auch, dass er dem Schulmädchen, dem ich die Schultafel kaputt geworfen hatte, aus seiner Tasche eine neue Tafel kaufte. Ich erinnere mich noch, dass es mir während des Unterrichtes einmal schlecht wurde. Lehrer Schwind merkte es und gab mir fünf Pfennig. Dafür sollte ich mir ein „Möndchen" kaufen. Diese Möndchen, ein halbmondförmiges, geflochtenes Gebäck aus Milchteig, gab es zu kaufen beim „Thiebes Griet" (Frau Margarethe Koch, geb. Thiebes, heutiges Kaufhaus Koch). Person und Geschäft hießen damals im Volksmund allgemein „beim Thiebes Griet". Diese „Möndchen" wurden gebacken in der Bäckerei der Gebrüder Anton und Hermann Buchholz in Herresbach und wurden morgens zum „Thiebes Grieth, gebracht, als begehrter Leckerbissen für die nahegelegene Schule. Kaffeeteilchen und sonstige Schleckereien gab es  damals noch nicht. Später hatte der „Pittesch Wellem" (Bäckerei Wilhelm Lichtenberg, gegenüber der Kirche), Streuselkuchen und Apfeltorte zu verkaufen, ein kleines Stück kostete 10 Pfg. Dieser Preis war für mich unerschwinglich, abgesehen davon, dass man solche „Schwelgerei" fast als Sünde angesehen hätte.

Das von Schwind gestiftete „Möndchen" verzehrte ich genüsslich in der Pause unter den neidvollen Blicken meiner Schulkameraden, wodurch der Genuss bei mir nur noch erhöht wurde. Nach der Pause brach in unserer Klasse eine „Epidemie" aus. Viele Kinder ließen den Kopf hängen und erklärten, es wäre ihnen sehr schlecht, in der Hoffnung, von Schwind auch 5Pfg. für ein „Möndchen" zu erhalten. Lehrer Schwind durchschaute aber die Absicht der „schlechten" Kinder und ließ es mit meinem Falle bewenden. Dadurch war der „Gesundheitszustand" der gesamten Klasse schnell wieder auf den alten Stand gebracht.

Zu meiner Zeit war der normale Unterricht von 8 bis 12 Uhr, mit einer Pause um 10 Uhr und nachmittags von 2 bis 4 Uhr ohne Pause. Mittwochs und Samstagnachmittags war schulfrei. In der Regel besuchten wir nachmittags das gleiche Schulzimmer wie morgens. Darum konnten wir unsere Schulsachen über Mittag in der Klasse lassen. Zweimal in der Woche durften wir um 10 Uhr nach Hause gehen, mussten dann aber unsere Sachen mitnehmen, da von 10 bis 12 Uhr andere Kinder unsere Plätze belegten. Zu faul, um unsere Tornister über Mittag mit nach Hause zu nehmen, wurde dieser irgendwo im Dorfe „hinterlegt". Dieses geschah meistens im Hausflur der Wirtschaft Bröl (heute Bramkamp) oder in Läden des Geschäftes Dresen.

Bröl's und auch Dresen's hatten im Hofe eine Wasserpumpe, die von uns Kindern in den Pausen sehr in Anspruch genommen wurde, da Oberpleis damals noch keine Wasserleitung hatte. Wenn wir Dresen's Was-serpumpe erreichen wollten, mussten wir durch den ganzen Laden laufen. Schon allein der Umstand, was es in dem Laden alles zu „begaffen" gab, erzeugte bei uns großen Durst. Ich bewundere heute noch die große Geduld der guten Frau Dresen, denn in den Pausen war ein ewiger „Durchzug" der Kinder durch den Laden in den Hof an die Pumpe. Ich kann mich nicht erinnern, von Frau Dresen jemals ein hartes Wort gehört zu haben, im Gegenteil, als sie merkte, dass wir manchmal aus der hohlen Hand trinken mussten, hing sie einen Metallbecher an die Pumpe.

Was die Gastwirtschaft Bröl betrifft, so möchte ich noch folgende Begebenheit erwähnen: Der Vorfahr von Bröl hieß Hemmerling, der Name Bröl war eingeheiratet. Bei diesem Hemmerling gab es früher die. bekannten und begehrten „Hemmerlings Bretzeln", die bei den Müttern sehr beliebt waren. Zu Zwieback getrocknet ergaben diese ein gutes Kindersüppchen: Der Mann, der bei Hemmerlings die guten Bretzeln „fabrizierte" hieß Deckenbach und wohnte in Rübhausen. Er muss wohl eine urwüchsige Natur gewesen sein, denn wenn er schon mal über Nacht bei Hemmerlings bleiben musste, holte er sich einige Schanzen in eine alte Backmole, wo er dann „sanft" und ruhig schlief. Die gute Frau Hemmerling wollte dem alten Manne einmal eine bessere Lagerstätte bereiten; sie warf die Schanzen hinaus und füllte die Mole mit weichem Heu und Stroh. Abends, als der alte Deckenbach sich in die Mole legen wollte um zu schlafen, schimpfte er gewaltig, dass ihm einer sein „Bett versaut" hätte. Er warf das Stroh hinaus und holte sich seine Schanzen wieder, damit er, wie er sagte, wieder „gut" schlafen könne.

Für die Schulkinder von Eisbach und Pleiserhohn war ein beliebter „Standartplatz" zum Aufbewahren der Schulsachen ein alter Schuppen im Unterdorfe von Oberpleis, der schon längst einem Neubau hat weichen müssen. In diesem alten Schuppen war in einer dunklen Ecke ein „stilles Örtchen", in einem recht baufälligen Zustande. Wegen diesem „Örtchen" hatten wir Kinder einmal ein „grausiges" Erlebnis. Wenn die ganze Sache auch etwas „anrüchig" ist, so glaube ich doch, dass es auch von „zarten Seelen" gelesen werden kann, weshalb ich es hier schildern möchte.

Eines Morgens konnten wir wieder um 10 Uhr nach Hause gehen, wobei wir, wie vorhin geschildert, unsere Schulsachen mitnehmen mussten, die wir über Mittag in dem besagten alten Schuppen hinterlegen wollten. Plötzlich ertönte von dem „stillen Örtchen" her ein jämmerliches Geschrei und als wir erschreckt nachschauten, war unser Schulkamerad mit dem schönen Namen Joachim nur noch von den Hüften an aufwärts zu sehen, alles andere steckte in einer undefinierbaren Masse. Joachim wollte vorsichtigerweise seinen Schulranzen in das Örtchen stellen, trat dabei anscheinend auf ein morsches Brett und der arme Junge versank in der „Unterwelt".

Kleinjoachim, der, wie Schiller sagte, „festgemauert in der Erden", dastand, konnte sich durch eigene Kraft nicht mehr befreien, alle Bemühungen dienten nur dazu, um noch tiefer zu sinken. Auf unser vereintes Geschrei hin, erschien der Besitzer des Schuppens, der nebenan wohnte, auf der Bildfläche. Als dieser die Situation überschaute, machte er ein Gesicht, dem nichts Gutes zu entnehmen war. .Normalerweise werden ja bei Knaben etwa notwendige Strafpredigten auf dem Hinterteil ausgetragen; da dieses aber im Moment bei Joachim nicht erreichbar war, begnügte sich der „Unhold" vorläufig damit, dem armen Jungen, gleichsam einer Akontozahlung, eine kräftige Ohrfeige zu versetzen..
Fortsetzung folgt.

Quelle
SZ. Nr. 12 vom 27.03.1968; Scan: Heinrich Röttgen
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet (SZ) Arbeitskreis Heimatkunde (Bild)
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