Aufnahme: 1971
Aus der Geschichte von Oberpleis und Umgebung, 4. Teil
"Gesamtansicht des Hauses Niederbach in Oberpleis. Nach Ansicht von Hauptlehrer i. R. Gottfried Emans hat hier vor rund 700 Jahren eine große Wasserburg gestanden, die dann mit 'all ihren Wehren und Gräben von Grund auf zerstört' wurde. Dort, wo jetzt das Haus Niederbach steht, hätte damals ein großer Eckturm gestanden.
Wo hat die Burg Pleis gestanden?
'Das Bett des Baches musste erhalten bleiben. Um das Burggelände herum würde ein tiefer Wallgraben ausgehoben, dessen Erdreich man zur Erhöhung der Insel verwenden könnte. Ein starkes Wehr mit eingebautem Schütz würde es ermöglichen, den Bach in diesen Burggraben abzulenken und bei Hochwasser abzusperren. Das untere Wehr müsste besonders stark gebaut werden und mit einem Schütz versehen sein, um den Wasserspiegel zu regulieren. Die Burggebäude sind meist in mehrere hintereinander liegende Innenhöfe aufgeteilt. Man würde also z. B. von der o. a. Pleiserhohner Straße über eine Zugbrücke, die über den Außengraben führt, in den ersten Vorhof gelangen. Die Gebäude dienen dem Dienstpersonal und der Burgwache als Wohnung. Dann führt unser Weg abermals über eine Zugbrücke, die über den inneren Wassergraben führt, zum zweiten Innenhof, der auch ringsum von Gebäuden eingeschlossen wird. Der vorhin erwähnte innere Wassergraben steht natürlich in Querverbindung mit dem Wallgraben.
Durch einen Hallengang kommen wir dann in den letzten Innenhof, der von den herrschaftlichen Wohngebäuden umschlossen wird. Alle diese Gebäude bilden gegen den Wallgraben hin eine hohe geschlossene Mauer, die oben mit Schießscharten versehen ist. Zum Schutze des Wehrdammes sind meist noch kräftige Ecktürme eingefügt, um von dort den Feind vom Wehr abzuhalten. Als die Burg geschleift werden musste, ließen sich die ausgehobenen Wallgräben leichter wieder einebnen, so dass man heute ihre Lage nicht mehr erkennen kann. Nicht so leicht war das bei den festgemauerten Gebäudeteilen, und lässt es sich denken, dass man versuchte, sie zu erhalten, wie wir das vorhin am Beispiel der Lohmarer Burg gesehen haben.
Es lässt sich also vermuten, dass das Haus Niederbach zur früheren Wasserburg gehört hat oder doch auf seinen Fundamenten neu errichtet wurde, zumal ja die Gegner nach der Heirat und nach der Verpfändung der Burg an Berg der gegenseitige Streit beendet war. Hatten doch nun auch die Grafen von Berg ein eigenes Interesse daran, aus dem großen Burgenkomplex mit den dazu gehörigen Freihöfen, die in der Nähe lagen, möglichst bald ein freiadliges Rittergut erstehen zu lassen. Um den Wallgraben zu füllen, musste man einen Zuleitungsgraben von oberhalb Oberpleis — ähnlich wie bei einem Mühlengraben — anlegen, damit das Wasser in Bewegung blieb, weil es sonst faul würde und übel riechen würde. Mit dem Zuleitungsbach wäre dann ja ein 'Oberbach' geschaffen, mit einem 'Oberwehr', denn das Wasser des Pleisbaches musste ja oberhalb durch ein Wehr oder Schütz im Bachbett abgesperrt werden, um es in den Zuleitungsgraben zu leiten. Ein zweites Wehr am Einfluss des Oberbaches in den Wallgraben musste sein, um bei Hochwasser das Wasser abzuhalten. Dasselbe musste oben an der Ableitungsstelle sein, um den Bach im alten Bett sich austoben zu lassen.
Das Wasser würde also regulär um die beiden Burgteile fließen und endlich wieder im Bett des Pleisbaches münden, also ungefähr wo heute das Haus Niederbach steht. Dieses Wehr ist deshalb besonders wichtig, weil hier der Feind den Wallgraben abzapfen und so die Burg trockenlegen könnte. Darum musste dieses Wehr besonders gesichert sein, d. h. es musste fest in Stein eingemauert und durch einen festen Turm gedeckt werden. Das Wehr oder Schütz war vielleicht unter dem Turm eingebaut und konnte nur vom Turm aus bedient werden. Dieser Turm stand mit der Vorburg in Verbindung. Bei einer Belagerung und Erstürmung der Burg musste sich hier der erste Abwehrkampf abspielen, und wenn der Feind zu stark war, konnte sich die Besatzung über eine Zugbrücke, die über den zweiten Wassergraben führte, in die Hauptburg zurückziehen.
Somit hätte der Name Niederbach im Gegensatz zum Zuleitungsgraben, der ja einige Meter höher liegt, einen wirklichen Sinn, und bei dem o. a. Abbruch der Burg hat man das Wehr wohl zuletzt in Angriff genommen, weil es ja nur von nebensächlicher Bedeutung war, und es wird wahrscheinlich keine großen Folgen gehabt haben, wenn man es zum Schluss übersehen hat, oder bei einem wirklichen Abbruch hat man die festen Fundamente sicherlich im Boden gelassen, wo sie ja auch nach außen nicht ins Auge fielen und man hat später auf diesem Fundament das Haus Niederbach aufgebaut.'
An dieser Stelle enden die Aufzeichnungen von Hauptlehrer i. R. Gottfried Emans über die vermutliche Lage der Oberpleiser Wasserburg. Wir aber versuchten, durch eigene Nachforschungen und Besichtigungen die Theorie des Verfassers zu bekräftigen. So besuchten wir zunächst einmal das Burghaus in Lohmar, an dessen Stelle ja die ehemalige Wasserburg Lohmar gestanden haben soll.
Das Burghaus in Lohmar. Photo: Wicharz
Das Burghaus in Lohmar
Unser Bild zeigt die Reste der ehemaligen Wasserburg in Lohmar aus dem 14. Jahrhundert. Links im Hintergrund erhebt sich der Fliegenberg, auf dem sich eine alte vorgermanische Fliehburg befand. Während die Burg größtenteils zerstört wurde, so ist jedoch der eigentliche Kern des ehemaligen Baues, das Burghaus, noch recht gut erhalten geblieben.
Um unseren Lesern eine aufschlussreiche Gegenüberstellung der beiden ehemaligen Wasserburgen in Lohmar und Oberpleis zu ermöglichen, haben wir für unsere obenstehende Aufnahme den gleichen Blickwinkel gewählt wie Herr Karl Balensiefen, der Photograph unseres untenstehenden Bildes, des Hauses Niederbach. Wenn man die beiden Bilder vergleicht, so lässt sich tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit nicht leugnen. Die bauliche Form der beiden Häuser ist fast gleichlaufend (abgesehen von den später entstandenen Anbauten der Burg in Lohmar, die rechts im Bild zu erkennen sind). Rings um das Burghaus in Lohmar (jetzt zwar nur noch als kleines Bächlein erkennbar) ist der ehemalige Burggraben noch vorhanden.
Beim Haus Niederbach sind ebenfalls solche Anlagen an der Süd- und Südwestseite des Hauses festzustellen, allerdings heute ohne jegliche Bewässerung. Ein weiterer wichtiger Faktor für eine konkrete Zusammenstellung der beiden Burgen, der zu einer Schlussfolgerung geeignet wäre, ist die geographische Lage. Beide Burghäuser liegen in einem Talkessel an einem Flussbett. Während beim Burghaus in Lohmar die Agger dicht vorbeifließt, ist es beim Haus Niederbach in Oberpleis der Pleisbach. Bei beiden Burgen wurden die Wehrgräben von diesen Flüsschen gespeist. Fortsetzung folgt."
Das Haus Niederbach. Photo: Balensiefen
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