Aufnahme: 1971
Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung, 6. Teil
"Unsere Zeichnung - entnommen der Dissertation von Herrn Dr. Robert Flink - zeigt die vermutliche Lage der alten Pfarrkirche in Oberpleis. Kleingestrichelte Zeichnung: alte Pfarrkirche; langgestrichelte Linie: heutige Ehrenmalanlage.
Die Pröpste von Oberpleis
Propst Gerhard 1212,
Propst Henricus 1297,
Propst Johannes 1341,
Propst Friedrich 1388,
Propst Albert Boue 1457,
Propst Godert von Anxtel 1487,
Propst Gerhard v. Plettenberg, 1498,
Propst Heinrich Hoult 1515,
Propst Daniel Kreckebeck, genannt Beek 1542. Dieser Propst wird um 1550 in den Reformationswirren der Ketzerei beschuldigt.
Propst Gumprecht von Ahr 1555,
Propst Wilhelm von den Hoeff, 1610. Er hatte große Auseinandersetzungen mit den sog. „Wiedertäufern" (Protestanten). Er wollte unter allen Umständen verhindern, dass diese auf dem Oberpleiser Friedhof beerdigt wurden. Unter dem gleichen Propst wurde 1615 als Folge des verhängnisvollen jüdisch- klevischen Erbfolgestreites die Propstei von den Spaniern geplündert.
Propst Heinrich Scheiffard von Merode 1619,
Propst Johann von Holzem. Unter diesem Propst wurde im Dreißigjährigen Krieg 1632 die Propstei von den Schweden geplündert. Der persönliche Schaden des Propstes soll insgesamt über 30 000 Reichstaler betragen haben. Durch mehrfache Kredite geriet er in Schulden und verpfändete sogar die gesamten Einnahmen der Propstei. Die Folge davon war, dass er 1639 abgesetzt wurde.
Propst Bertram von Aus als Nachfolger ließ 1645 die beschädigten Klostergebäude abreißen und errichtete die heutige Vikarie über deren Eingang sich sein Wappen befindet. Als tatkräftiger Mann stellte er aber auch die Propsteikirche wieder her, beschaffte einen neuen Altar und ordnete das gesamte Verwaltungswesen der Propstei. Als leidenschaftlicher Angler fing er nicht nur Forellen, sondern auch Lachse im Pleisbach. Am 23. Januar 1679 starb er nach einem schaffensreichen Leben.
Sein Nachfolger, der gelehrte Professor Johann Adolf Wallbott von Bassenheim, Subprior von Siegburg und Propst von Oberpleis (1674) wurde im Spanischen Erbfolgekrieg von eingedrungenen Franzosen gefangengenommen, misshandelt und nach Bonn verschleppt, wo er am 22. März 1703 verstarb.
Propst Johann Bertram von Nesselrode 1703, vollendete das, was sein Vorgänger in Angriff genommen hatte, nämlich die Erneuerung des Wirtschaftshofes und der Gärten, wie sie zum größten Teil noch heute erhalten sind. Er starb am 5. Juli 1720, 52jährig, als Cellerar und Subprior von Siegburg.
Danach wurde die Oberpleiser Propstei nur noch von Kapitularherren der Abtei Michaelsberg verwaltet. So u. a. von Christoph von Stael aus Suthusen, Wilhelm Ludwig von Hagen um 1746, Franz Leopold von Wrede und als letzter vor der Säkularisation Franz Georg von Merl aus Zissingen.
Die alte Pfarrkirche in Oberpleis in Oberpleis
Die Urkunde von 948, auf Grund derer 1948 in Oberpleis die Tausendjahrfeier festlich begangen wurde, spricht von einer wohl im 9. Jahrhundert erbauten und den drei Heiligen Primus, Felicianus und Lupianus geweihten Kirche. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass diese Kirche die gleiche ist, die nach 1805 abgerissen wurde. Vielmehr scheint es eher möglich, dass Lage und einzelne Teile von ihre in einem Neu¬ oder Ergänzungsbau übernommen wurden. Urkundlich ist jedenfalls nichts bekannt. Auch hier hat Herr Dr. Robert Flink überaus wertvolle Heimatforschung betrieben und in seiner Dissertation „Die Geschichte von Oberpleis" alles das Spärliche zusammengetragen, was darüber auszumachen war. Demnach muss diese Kirche auf der heutigen Kriegerehrenmalanlage und dem westlichen Vorplatz (jetziger Parkplatz) gestanden haben.
Vermutlich hatte sie ein Haupt- und ein Seitenschiff, welche durch Arkaden miteinander verbunden waren. Ihre Gesamtlänge betrug fast 32 m. Sie hatte keinen Turm, sondern lediglich einen kleinen Dachreiter. Aus den Akten geht hervor, dass die alte Pfarrkirche Mitte des 18. Jahrhunderts sehr reparaturbedürftig war und lange von den Baupflichtigen über die zu leistenden Beiträge gestritten wurde. 1770 bittet die Gemeinde den Landesfürsten eindringlich, den Abt dazu anzuhalten, doch endlich die Reparatur des Chores und des Schiffes vorzunehmen.
Ob die Reparatur jemals durchgeführt wurde liegt im Dunkeln. Am 31. Mai 1794 fand eine Kirchenbesichtigung statt. Aus den erhalten gebliebenen Aufzeichnungen geht hervor, dass die Kirche noch mehr zerfallen war. U.a. heißt es hier: „l. tens wäre die kirch vorbehaltlich des aufbewahrten heiligsten Sakraments schier einem Schweinestall gleich, es waren 2. tens ausschließlich des hohen altars die beyde Nebenaltäre fast unbrauchbar ... 5. tens das blafon durch den durchs Tach schlagenden Regen abgefallen. . ."
Am 9. April 1805 schließlich genehmigte die kurfürstliche Regierung den Kirchentausch, wobei die Unterhaltspflicht von der alten Pfarrkirche auf die an Größe, Stärke und Schönheit hervorragende Propsteikirche übertragen wurde. Die alte Pfarrkirche wurde für 300 Taler zur Erbauung eines Schulhauses an die Gemeinde verkauft und auch wenig später abgebrochen. Eine einzige Erinnerung an sie ist geblieben, ihre schöne Kreuzigungsgruppe, das Hochkreuz am Friedhof. Damit haben in Oberpleis rund 650 Jahre lang zwei Kirchen nebeneinander gestanden; die alte Pfarrkirche und die um die Mitte des 12. Jahrhunderts erbaute Propsteikirche, die heutige Pfarrkirche.
Die Propstei Oberpleis als architektonisches Baudenkmal
Wie fromm und kühn der Geist der Mönche war, beweist die Propstei Oberpleis als architektonisches Baudenkmal. Es ist der großartigste Ausdruck ihrer Religiosität und die kostbarste Hinterlassenschaft. Man darf etwa zwölf Mönche, entsprechend der Zahl der Apostel annehmen, die die Propsteikirche, die südlich der Kirche um den Kreuzhof rechtwinklig angeordneten Klostergebäude mit einem Kreuzgang und den „stillen" östlichen Teil mit den Gärten und dem Wirtschaftshof erbauten.
Insgesamt war das Kloster eine abgeschlossene Welt für sich, ein echtes claustrum. Die Gemeinschaft der Gott Tag und Nacht dienenden Mönche in Oberpleis hatte sich von der Welt draußen abgeschlossen, um ein Leben in und für Gott zu führen. Wie die Gesamtanlage der Propstei um 1150 ausgesehen haben mag, zeigt unser Bild, das wir der Dissertation von Dr. Robert Flink „Die Geschichte von Oberpleis" entnommen haben. Aber die in wahrscheinlich 50jähri¬ger Bauzeit errichteten herrlichen Klosteranlagen wurden schon bald ein Opfer der Flammen. 1198 begann durch die Wahl zweier deutscher Könige ein furchtbarer Bruderkrieg, der besonders das Rheinland verheerte. Die herrlichen Propsteianlagen gerieten in Brand und wurden zerstört.
Die Wiederherstellung um 1220/50
Unter Propst Gerhard (1220) wurde die Propstei wiederhergestellt. Es ist nicht genau festzustellen, wie die Kirche nach ihrer Wiederherstellung im einzelnen genau ausgesehen hat. W. Effmann hat in seiner Abhandlung „Die Propsteikirche zu Oberpleis", erschienen in der Zeitschrift für christliche Kunst, 5. Jahrgang, Düsseldorf, einen Rekonstruktionsversuch unternommen. Wir werden diese Rekonstruktion in unserer nächsten Ausgabe abdrucken.
Dr. Robert Flink beschreibt die wiederhergestellte Kirche wie folgt:
„Es ist ein echt rheinisches, spätstaufisches Bauwerk. War die erste Propsteikirche ein salisch-ernster, weltabgeschlossener, tektonischer Bau, dessen Sinn in erster Linie im Innenraum lag, so wurde er jetzt umgestaltet zu einem (heiteren) weltaufgeschlossenen, plastisch-malerischen Bau, dessen Sinn in gleicher Weise im Innen- und Außenbau lag. Mit imponierender Sicherheit stand der Ostbau mit seinem (sicher geplanten) Vierungsturm und seinen beiden Chorflankierungstürmen in der Landschaft und verband Draußen und Drinnen, Himmel und Erde in großartiger Weise. Innen und außen war das Kloster farbig gefasst. Die Bemalung der Gewölberippenwulste und des östlichen Gurtbogens im Mittelschiff ist original. Sie vermittelt uns eine schwache Vorstellung von der Farben- und Schmuckfreudigkeit der Stauferzeit.
Die Gewölbe sind mit wenig Verständnis auf die alte Pfeilerordnung unorganisch aufgestülpt worden. Die hängenden Schlusssteine sind Ausdruck später Staufik, in der Vierung, die von Schlangenköpfen, in die die Rippenwulste auslaufen, gehaltene Weltkugel, im Mittelschiff wechselnd Taube und Kugel. Es war eine Stufe der Reife erreicht, die ein Ende darstellte. Erste Anzeichen des neuen gotischen Stiles, dem die Zukunft gehören sollte, sind bereits in den Schmuckformen der schönen, noch romanisch gedachten Apsis aufgenommen. Auch das nördliche Seitenschiff ist offensichtlich neu errichtet worden. Der Wirtschaftshof scheint ebenfalls erneuert worden zu sein. Er erhielt in derselben Zeit das spätromanische Hoftor, das erst im letzten Krieg zerstört und inzwischen wieder aufgebaut worden ist." Kurz gesagt, der Wiederherstellung der Propsteikirche in den Jahren 1220/ 50 verdanken wir im Wesentlichen die heutigen Raumformen der Kirche.
(Fortsetzung folg)
Unsere Zeichnung zeigt die vermutliche Gesamtanlage der Propstei Oberpleis um 1150.
Etwas zu ergänzen?
Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.