Aufnahme: 1966

Das Haus Niederbach in Oberpleis, V. Folge

"Unser heutiges Titelbild zeigt eine Gesamtansicht des Hauses Niederbach und seiner Umgebung.

Ob hier vor rund 700 Jahren tat­sächlich eine große Wasserburg ge­standen hat, die dann mit 'all ihren Wehren und Gräben von Grund auf zerstört' wurde? Jedenfalls ist der Verfasser unseres Heimatberichtes dieser Ansicht. Nach seiner Meinung muss die Burg hier gestanden haben, da sich sonst in der Nähe des Ortes Oberpleis kein genügend großer Raum ausmachen ließ.  Er schreibt: 'Nehmen wir doch mal die Maße des Dreiecks zwischen der jetzigen Hauptstraße (Siegburger Straße) und der Straße nach Pleiser­hohn (unten rechts im Bild erkennbar) sowie dem Feldweg nach Wahlfeld (oben rechts im Bild sichtbar), so er­gäbe das eine Länge von 750 m an der Siegburger Straße entlang.

Ebenso 750 m von der Spitze des Dreiecks in Wahlfeld bis zum Feldweg und dem Feldweg nach bis zur Pleiserhohner Straße. Von hier aus wieder hinunter bis zur Siegburger Straße ebenfalls 750 m. Die Entfernung vom Bahnhof bis zum Knick der Pleiserhohner Str., als der Spitze dieses Dreiecks, beträgt 500 m. Die eigentliche Wasserburg nahm nur einen Platz ein von höchstens 100 m oder die ganze Anlage in der Längsseite von 300 m und größte Brei­te 200 m.'

Man muss sich also vorstellen, dass das auf unserem Bilde sichtbare weite Gelände fast eine einzige Wasserflä­che war, auf deren Mitte die Wasser­burg mit ihrer Vorburg und ihren Wehren stand. Dort, wo jetzt das Haus Niederbach steht, hätte damals ein großer Eck­turm mit einem starken Wehr gestan­den.

Die Landschaft um Oberpleis

Es kann auch nicht die Burg Bennerscheid gemeint sein; denn es ist dort nur ein Wall zu sehen, der vermutlich von einer vorgermanischen Fliehburg herrührt. Von einer Wasserburg oder sogar Festung kann da keine Rede sein. Pastor Erwin Düster (früher Kaplan an St. Pankratius zu Oberpleis) schreibt hingegen in der Festschritt zur Tausendjahrfeier 1948 über den Ringwall und die vermeintliche Wasserburg folgendes:

'An der Stelle, wo diese Grenze (Oberpleiser Gemeindegrenze) unterhalb von Bennerscheid ( = Scheide des Bannes von Oberpleis und Uckerath) den Weg zwischen Neuglück und Altglück etwa 200 m unterhalb Neuglück schneidet, liegt rechts vom Wege in einem Tannenbestand ein alter Ring­wall, der sofort an der Grenze gerade noch auf Uckerather Gebiet liegt. Man hat darin einen germanischen Ringwall zu erkennen geglaubt, viel­leicht ist aber die Ansicht richtiger, dass hier die Befestigung stand, die Theoderich von Heinsberg als Graf von Sayn und Besitzer von Blankenberg und Löwenburg bei Pleyse angelegt hat und nach dem Vertrage vom 18. Februar 1268 mit ihren Gräben und all ihren Wehren von Grund auf Zerstören sollte, weil sie dem Lande des Grafen von Berg (als Inhaber der Vogtei über den Gerichtsbann in Oberpleis) zu nahe lag. Dann hätte es sich aber wohl kaum um eine ausgebaute Burg gehandelt, sondern um eine pro­visorische Befestigung in dem vorausgegangenen Kampf zwischen den Gra­fen von Berg und denen von Heinsberg.'

Die gleiche Ansicht, dass an der Stelle des Ringwalles in Bennerscheid, die ehemalige Sayn'sche Burg, gestanden habe, vertritt auch Pastor Ger­man Hubert Christian Maaßen in seinem Buch: 'Geschichte der Pfarreien des Dekanates Königswinter.' Dagegen bezweifelt Herr Dr. Robert Flink, ein Sohn unserer Oberpleiser Heimat,  der in den recht spärlichen Überlieferungen unserer Heimat­geschichte einen erfreulichen Lichtblick durch seine äußerst interessante Dissertation 'Die Geschichte von Oberpleis' erbrachte,  die Angaben der beiden vorgenannten Verfasser.

Seiner Meinung nach kann in einem etwa 1 m hohen Wall von etwa 50 Schritt Durchmesser niemals eine Burg gelegen haben. Welche Auffassung Herr Dr. Robert Flink, in Bezug auf die Oberpleiser Wasserburg vertritt, werden wir im Verlauf unseres Berichtes darlegen. Folgen wir zunächst einmal den Ausführungen des Autors unseres Heimat­berichtes:*

Zur Anlage einer Wasserburg ist ein besonders geeignetes Gelände not­wendig. Außer einem fließenden Wasser gehört dazu eine freie Lage. Sie darf nicht von einer überragenden Umgebung eingeschlossen sein, weil sonst der Feind bei einer Belagerung ein allzu leichtes Spiel haben würde, indem er 'von oben nach unten' kämpfen könnte. Es gab damals noch kein Schießpulver, wohl aber Steinkugeln und Pechkränze, die mit Katapulten geschleudert wurden. Man hätte diese dann von einer Höhe mitten in das Innere der Burganlage schleudern können.

So wäre zum Beispiel im Pleistal oberhalb von Oberpleis bis nach Herres­bach keine Wasserburg möglich gewesen, da das Tal zu eng und die um­liegenden Höhen zu nahe sind. Somit blieb nur die weite Aue unterhalb von Oberpleis als Baugelände übrig. Dieses wäre auch wohl als ideal zu bezeichnen, denn außer dem Pleisbach kommt von Norden noch der Eisbach und von Süden der Lütz- oder Weilerbach unterhalb des jetzigen Bahnhofs in den Pleisbach. Würde man das Tal oberhalb Wahlfeld durch ein Wehr von mehreren Metern Höhe absperren, so gäbe das bis zum Orte Oberpleis eine weite Wasserfläche, in deren Mitte man sich die Oberpleiser Wasser­burg, auf einer Insel gelegen, hineindenken könnte.

Ihr Terrain würde also von der Straße nach Pleiserhohn bis zur Einmün­dung des Lützbaches unterhalb des Bahnhofs und von der jetzigen Haupt­straße nach Norden bis zu dem Feldweg reichen, der von der o. a. Straße nach Pleiserhohn bis Wahlfeld führt. Als Sicherung ließe sich ein Wall­graben denken, der von den drei Bächen gefüllt wurde. Als Musterbeispiel könnte die Burg Crottorf bei Morsbach oder die Burg Gudenau im Drachenfelser Ländchen gelten.

Das Bett des Baches musste erhalten bleiben. Um das Burggelände herum würde ein tiefer Wallgraben ausgehoben, dessen Erdreich man zur Erhöhung der Insel verwenden könnte. Ein starkes Wehr mit eingebautem Schütz würde es ermöglichen, den Bach in diesen Burggraben abzulenken und bei Hochwasser abzusperren. Das untere Wehr müsste besonders stark gebaut werden und mit einem Schütz versehen sein, um den Wasserspiegel zu regulieren.

Die Burggebäude sind meist in mehrere hintereinander liegende Innen­höfe aufgeteilt. Man würde also z. B. von der o. a. Pleiserhohner Straße über eine Zugbrücke, die über den Außengraben führt, in den ersten Vor­hof gelangen. Die Gebäude dienen dem Dienstpersonal und der Burgwache als Wohnung. Dann führt unser Weg abermals über eine Zugbrücke, die über den inneren Wassergraben führt zum zweiten Innenhof, der auch rings­um von Gebäuden eingeschlossen wird. Der vorhin erwähnte innere Wassergraben steht natürlich in Querverbindung mit dem Wallgraben.

Durch einen Hallengang kommen wir dann in den letzten Innenhof, der von den herrschaftlichen Wohngebäuden umschlossen wird. Alle diese Ge­bäude bilden gegen den Wallgraben hin eine hohe geschlossene Mauer, die oben mit Schießscharten versehen ist. Zum Schutze des Wehrdammes sind meist noch kräftige Ecktürme eingefügt, um von dort den Feind vom Wehr abzuhalten.

Als die Burg geschleift werden musste, ließen sich die ausgehobenen Wallgräben leichter wieder einebnen, so dass man heute ihre Lage nicht mehr erkennen kann. Nicht so leicht war das bei den festgemauerten Ge­bäudeteilen, und lässt es sich denken, dass man versuchte, sie zu erhalten, wie wir das vorhin am Beispiel der Lohmarer Burg gesehen haben. Es lässt sich also vermuten, dass das Haus Niederbach zur früheren Wasserburg gehört hat, oder doch auf seinen Fundamenten neu errichtet wurde, zumal ja die Gegner nach der Heirat und nach der Verpfändung der Burg an Berg der gegenseitige Streit beendet war. Hatten doch nun auch die Grafen von Berg ein eigenes Interesse daran, aus dem großen Burgenkomplex mit den dazu gehörigen Freihöfen, die in der Nähe lagen, möglichst bald ein freiadliches Rittergut erstehen zu lassen.

Um den Wallgraben zu füllen, musste man einen Zuleitungsgraben von oberhalb Oberpleis ähnlich wie bei einem Mühlengraben  anlegen da­mit das Wasser in Bewegung blieb, weil es sonst faul würde und übel rie­chen würde. Mit dem Zuleitungsbach wäre dann ja ein 'Oberbach' geschaf­fen, mit einem 'Oberwehr'; denn das Wasser des Pleisbaches musste ja oberhalb durch ein Wehr oder Schütz im Bachbett abgesperrt werden, um es in den Zuleitungsgraben zu leiten. Ein zweites Wehr am Einfluss des Oberbaches in den Wallgraben musste sein, um bei Hochwasser das Wasser abzuhalten. Dasselbe musste es oben an der Ableitungsstelle sein, um den Bach im alten Bett sich austoben zu lassen.

Das Wasser würde also regulär um die beiden Burgteile fließen und end­lich wieder im Bett des Pleisbaches münden, also ungefähr wo heute das Haus Niederbach steht. Dieses Wehr ist deshalb besonders wichtig, weil hier der Feind den Wallgraben abzapfen und so die Burg trocken legen könnte. Darum musste dieses Wehr besonders gesichert sein, d. h. es musste fest in Stein eingemauert und durch einen festen Turm gedeckt werden. Das Wehr oder Schütz war vielleicht sogar unter dem Turm eingebaut und konnte nur vom Turm aus bedient werden. Dieser Turm stand mit der Vor­burg in Verbindung. Bei einer Belagerung und Erstürmung der Burg musste sich hier der erste Abwehrkampf abspielen und wenn der Feind zu stark war, konnte sich die Besatzung über eine Zugbrücke, die über den zweiten Wassergraben führte, in die Hauptburg zurückziehen. Somit hätte der Name Niederbach im Gegensatz zum Zuleitungsgraben, der ja einige Meter höher liegt, einen wirklichen Sinn, und bei dem o. a. Abbruch der Burg hat man das Wehr wohl zuletzt in Angriff genommen, weil es ja nur von nebensächlicher Bedeutung war und es wird wahrscheinlich keine großen Folgen gehabt haben, wenn man es zum Schluss übersehen hat oder bei einem wirklichen Abbruch hat man die festen Fundamente sicherlich im Bo­den gelassen, wo sie ja auch nach außen nicht ins Auge fielen und man hat später auf diesem Fundament das Haus Niederbach aufgebaut." 

* Anmerkung: Den einleitenden Text schrieb Heinz Wicharz. Autor des nachfolgenden Heimatberichts ist Gottfried Emans.

 

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 25 vom 24.06.1966
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet; Scan: Heinrich Röttgen
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