Aufnahme: 1950
Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung, 13. Teil
Das Hochkreuz unter den Platanen
Bevor wir die Betrachtung der Kirche in Oberpleis beenden und uns den wirtschaftlichen und politischen Geschichte von Oberpleis zuwenden, möchten wir nicht versäumen, eine interessante, lustige und doch zugleich geistvolle Betrachtung eines Koblenzer Journalisten, O. Skalberg, wiederzugeben, die wir in den „Katholischen Kirchenblättern" für die Pfarrgemeinde Oberpleis fanden.
Wir meinen, dieser Beitrag, der 1935 anlässlich eines Besuches des obengenannten Journalisten in Oberpleis entstand, sei deshalb so köstlich, weil er das alte, romantische Oberpleis in jenen Tagen ausführlich schildert. Manches in diesem Bericht existiert auch heute noch, jedoch gehört schon vieles der Vergangenheit an.
Rösselsprünge am Rhein
Koblenz, Wartesaal (von O. Skalberg)
Die Taschen werden umgekehrt . . .
Brachte mich die Fähre nicht zurück von Neuwied nach Weißenthurm, tat die Lokomotive nicht kurz danach ein paar langbeinige Räderschritte nach Koblenz? Fuhr sie nicht an einer in Geheimnis gehüllten Fabrikanlage vorüber, die wie ein hellgraues Kriegsschiff mit weißen Dampfsprudeln über den Schloten in der Nacht lag?
So war es wohl. Sie fuhr in die Bahnhofshalle von Koblenz ein, und ich trank im Wartesaal eine kleine Kanne Kaffee. Wie erschöpfend sind kurze Eisenbahnfahrten! Es war beinahe Mitternacht. Was war zu tun? Draußen lag Koblenz, dunkel und tot um den Bahnhof, die Blätter der Kugelakazienallee auf der Markenbildchenstraße waren nun abgefallen. Die kleine Marienbildchenkapelle lag dazwischen so verlassen wie ein Bildstock im Spessart.
Meine Taschen waren unerträglich geworden. Im Wartesaal stellte es sich heraus. Drei Stationen am Rhein genügen, sie unübersehbar zu füllen, und ich hatte das Wichtigste, was vor Wochen und Monaten in sie geraten war, jedes Mal ungesichtet nach Abschluss einer Woche einfach in Mappe und Brieftasche hinübergefüllt was war da mittlerweile entstanden?!
Und bevor ich mich entschloss, das Hotelverzeichnis zu überblättern, hielt ich Gericht unter den papierenen Wichtigkeiten in meinen Taschen. Was konnte bleiben? Die meisten Dinge hatten sich selbst gesammelt, ungebeten, ohne das Zutun meines freien Willens: Straßenbahnfahrscheine aus Köln, Neuwied und Bonn, Fährenzettel mit wechselnden Tarifen, obwohl der Rhein, wenn einer nicht kleinlich mit dem Zollstock nachmaß, überall dieselbe Breite hatte, die Gepäckaufbewahrungsscheine von Koblenz, Streichholzschachteln unklarer Herkunft, zwei Bierfilze mit Eifelburgen, ein graues Löschpapier mit Notizen, Prospekte aus Linz, Kalkar, Bonn, Nierstein, Oberingelheim, Darmstadt, Germersheim, Regensburg (nanu?), Eltville, Wiesbaden . . ., in was für eine beispiellose Unordnung verwickeln einen die Verkehrsvereine.
Bleistifte, Zeitungsausschnitte, Hotelrechnungen, Ansichtskarten, Adressen, Omnibusfahrscheine . . . halt. Hier kam ein langer blaugrauer Zettel zum Vorschein, ein Papierstreifen so nüchtern wie die Auftragsbestätigung einer Kragenwäscherei: der sechsmal gelochte Rückfahrschein der Rhein-Sieg-Eisenbahn AG., Nr. 00 38 11, mit einer Bonner Pelzreklame auf der Rückseite und einem 21zeiligen Stationsverzeichnis auf der Vorderfläche.
Siegburg, St. Augustin, Niederpleis, Schmerbroich, Birlinghoven und so zu bis Löhe und Asbach. Genau in der Mitte, von einem viereckigen Knipsloch durchbohrt, lag Oberpleis.
Oberpleis im Omnibusspiegel
Wie war das? Das war eine Fahrt in den ersten Herbsttagen, von Siegburg mit dem Autobus nach Oberpleis, von Oberpleis zurück nach Siegburg mit einer dakelartigen Spielzeugbahn, die bald schläfrig, bald hysterisch tat wie köstlich, friedlich und altfränkisch war das alles: zurück nach Oberpleis!
Die Pompondahlien standen damals noch bordeauxrot hinter den Gartenzäunen, und Sonnenblumen, gewaltig große und winzige, warfen ihre schwarzgelben Scheiben in den dahinratternden Omnibusspiegel. Ja, ich saß dicht hinter dem holpernden Spiegel und freute mich daran, wie er alles in sich hineinschlang, was des Wegs kam eine alte Frau mit einem geblähten Fallobstbeutel, Runkelrübenfelder, Rosenblüten, blutjunge Bäumchen, die noch auf die Baumschule gingen und vorerst noch wie Petersilienstengel im Park eines Riesen aussahen, und der Petersberg guckte, von der Sonne grau gelb getüncht, von oben durch die Scheiben.
Wegkreuze flogen vorbei, Fachwerkhäuser verschwanden im unruhig blinkenden Spiegel, Apfelbäume, grasende Pferde, die das Gras, das noch so grün und schön war, in antiker Ruhe ableckten, dann verschwand in der Scheibe eine kleine giftgrüne Hütte, darauf stand Dambroich. Weiter Uthweiler, Wahlfeld, Oberpleis. Wie lang ist das her. Die unergründliche Mappe ist daran schuld, dass es verschwand. Die Sonnenblumen sind umgesunken, die Runkelrüben eingemietet, das weidende Pferd steht im Stall.
Ist die Luft von Oberpleis nicht selbst ein wenig schuld? German Hubert Christian Maaßen schreibt in seiner „Geschichte der Pfarreien des Dekanates Königswinter" nach der Schilderung der Kunstwerke in der Pfarrkirche von Oberpleis den unglaublichen Schlußpassus: „Über die sämtlichen Merkwürdigkeiten steht ein eingehender Bericht nebst Zeichnungen von berufener Hand zu erwarten. Nur ist zu wünschen, dass die Ausführung des löblichen Vorhabens nicht zu lange verschoben wird." Was für eine Kette von Erfahrungen mit Mappen und überfüllten Manteltaschen spricht aus diesem pedantischen Satz!
Das Lied von der Glocke
Es stand also die Sonne noch senkrecht über der Kirche, und die Schieferhelme blitzten frisch über den Nischen zwischen den langrückigen Strebepfeilern: hier standen Hortensien mit ungeheuren schneeigen Blütenballen, das weiß ich noch gut. Am Gefallenendenkmal blühten die Rosen, weiße und rote, und vom Kinn der steingehauenen Mutter war ein silberbläulicher Spinnfaden auf den Kopf des Kindes gezogen. Ein lichtgrünes Rasenquadrat lag davor, Kastanien, Platanen und Nussbäume hielten ihre starken Kronen über den Kirchplatz, der da akkurat und dort romantisch war; zwischen den rissigen Stämmen verschlief ein braves ramponiertes Automobil die nachmittäglichen Stunden.
Am Denkmal wettergeschützt, steht die alte Glocke, diese uralte Glocke aus dem Jahre 1442, die während der Separatistenzeit so ungestüm mit dem Hammer angeschlagen worden war, dass ein tüchtiges Stück ihres Randes in Trümmer ging; ein dunkelgrüner Käfer krabbelt über die rauhe Kante.
In gotischen Unzialen trägt sie die Inschrift: Sum villanorum saltem, sed non monachorum
Man sal mich ludin zum Sturme O Rex Glorie Christe Veni cum pace.
„Wenigstens gehöre ich den Bauern, nicht den Mönchen", sagt die erste Zeile trutzig. Die große Glocke im Turm läutet zu Ehren des heiligen Pankratius, des Schutzheiligen von Oberpleis.
Diesseits der Pleis
Blütenüberrankt senkt sich der Friedhof zu Tal, unten raschelt, unsichtbar hinter Grabsteinen und Sträuchern, die Pleis, ein Bach, ein unbesungener Bach, der schwanzwedelnd in die Sieg rinnt. So nichtssagend der Pleisbach dahinzieht, so energisch scheidet er die landschaftlichen Charaktere: östlich vom Pleisbach wohnt der Westerwälder Bauer, westlich davon der Rheinländer und das ist ein mächtiger Unterschied. Die kleine unbekannte Pleis ist eine Grenze und ein Bach.
Zwischen Kirche und Kirchhof eine hohe, brockige, farnbewachsene Mauer: das Land ringsum liegt in einer grünen Wanne mit emailblauen Rändern, die Kirche von Oberpleis überragt es wie eine turmreiche Burg. Da ziehen die bescheidenen Berge ihre milden Linien: Ölberg, Hühnerberg, Nonnenstromberg, Lohrberg, der Auelsberg, aus dessen Tongruben die „Pötte" kommen ein Land am Rhein, für sich und wenig geschaut von fremden Augen, ein fruchtbares Land mit verstreuten Häusern und Siedlungen, die eine einzige zusammenhängende und fest zusammenhaltende Familie beherbergen, ein Land am Rhein, das den Strom nicht dahinziehen hört und das seine zur Ebene strebenden Wellen deshalb nachgebildet hat in den Linien seiner Wiesen, Waldwipfel und Hügelsäume: dann und wann aber steht die Steinkrone einer Kirche oder einer Burg (die von Oberpleis wurde freilich schon 1268 auf Veranlassung der Grafen von Berg, denen sie zu unbehaglich im Lande stand, geschleift) wie ein Fels aus dem Mittelrhein über den zarten Landwellen, so wie diese laubumschäumte Kirche von Oberpleis.
Wie ein fürstlicher Park ruht ihr Friedhof unter dem Mauerwall, und zwischen zwei Platanen am Eingang steht die merkwürdigste Kreuzigungsgruppe, die das in düsteren Symbolen träumende Barock ersinnen konnte: der Schaft des großen Kreuzes zerteilt sich in den Baum der Erkenntnis, der bleckende Totenschädel als Früchte trägt. Die geschwärzte Sandsteinkrone des Baumes ist aus faustgroßen Unwetterwolken zusammengeknäuelt.
Totenschädel und glattwangige Äpfe nebeneinander; der Kopf der Schlange, die den Stamm umwindet, lächelt mit Evas Gesicht.
Es ist nicht Eva, es ist die Lüge, die nicht erraten lässt, in welchem Geschlecht sie nistet; der Gekreuzigte beugt sich unendlich geduldig darüber. Maria und Johannes stehen beiseite: Totenschädel und Apfel, wie nah muss man an den Baum der Erkenntnis herantreten, um Frucht und Totenkopf genau unterscheiden zu können, und wie kurzsichtig sind wir alle, und aus welcher Tiefe greifen wir in die Zweige, und wie viele, denen die Gabe der Unterscheidung nicht gegeben ist, sind es wieder, die nach den versagten Früchten gelüstet.
Es wird gut sein, die alte Kirche zu betreten. Fortsetzung folgt
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