Aufnahme: 1938

Hochkreuz am Oberpleiser Friedhof

Unser Land - Blätter für Heimatkunde, 3. Teil

Der offenbaren Blüteperiode der Propstei entstammt die schöne Formgebung des Langhauses und des mit Maß reichen Chores, die ein Blick von Norden her unvergleichlich erschließt. Sehr reizvoll ist das Bild der Kirche von dem nördlichen Garten aus, der indes auch selbst eine Köstlichkeit ist. Man ist versucht, trotz geringer Ausmaße ihn einen Park zu nennen, weil er die unbeschreibliche Anmut solcher Plätze hat, deren sich unsere Zeit kaum erinnert, und die sie selbst nicht mehr zu formen weiß. Wie befriedigend ist die Ruhe der gleichmäßig geschwungenen Wege unter der geneigten Schwermut alter Bäume, wie sanft das Grün eines sorgsam gepflegten Rasens. Auf zarte Weise erinnern verwitterte Grabmäler daran, es sei dieser Park einmal ein Friedhof gewesen. Wilde Rosen sind längst über die Steine hingewachsen, von zärtlicher Hand zum immerwährenden Kranz geformt; sie sind ein Zeichen, wie nahe und ohne Grauen in der Stille dieses Ortes das Leben dem Tode und die Gegenwart der Vergangenheit ist.
Und ohne den Schauer des unbegreiflichen Sterbens ist auch das Golgatha dieses alten Friedhofes. In bäuerlichem Barock, schwer, doch wohlgefügt, spricht die Kreuzigungsgruppe eher den Frieden der Erlösung als die Marter des Todes aus. Gleichsam auf der Mensa eines Altares ist das Kreuz errichtet, daran über der höchst originellen Schlange der Versuchung und dem symbolischen Baum des Todes, dessen Früchte Schädel sind, ein Christus hängt, der mit der Hingabe des Lebens zugleich als Sieger scheint. Und in jener Ruhe, ja fast in einer herkömmlichen Namenlosigkeit überzeitlicher Erscheinung ist auch die Muttergottes geschaffen, von einem gewiß nicht unvermögenden Künstler. Denn er wußte der zu dreiviertel lebensgroßen Gestalt mit der nonnenhaften Strenge des Gewandes Geist und Zeichen würdiger Trauer zu geben. Ein Einmaliges und Eigenes aber gelang ihm mit der Formung der Johannesfigur, die von bildnishafter Lebensnähe ist. Es scheint, als wollte es sich verlohnen, nach dem Schöpfer dieses aufgeschlossenen und höchst ausdrucksvollen Kopfes zu forschen.

Fast allzu verborgen ist die Kreuzigung unter den geneigten Zweigen, fast ohne den Anspruch des Gesehenwerden, neben dem mächtigen Bau der Kirche, von deren Bildwirkung allein - man verzeihe den Umweg in der Beschreibung -, die Form des Parkes bestimmt ist. Vor ihr weicht der Schwung der Bäume aus, und über den Rasen hin bietet sich der Anblick des Langhauses in einem erwählt schönen Rahmen vielfach gestuften Blattgrünes. Vom Turm her wächst der Bau im Äußeren der traditionellen Kreuzform zu, in der Anlage Werk der romanischen Frühe, in der Ausführung und in der Schmuckwirkung Zeugnis staufischen Stilwillens. Sehr rein ist diese Kreuzform des Mittel- und Querschiffes, der die Seitenschiffe nur schöngliedrige Zutat erscheinen. In einer edlen und zurückhaltenden Weise ist die Zier der Blendarkaden und Fensterlaibungen der Mauer eingefügt.

Und selbst nach mancher Zutat des 19. Jahrhunderts, die allerdings oft eine erhaltende und stützende Notwendigkeit war wie der Sakristeibau etwa an der Stelle eines allzu schwachen Turmes, ist die Klarheit der Architektur vor der Einzelform wirksam. Es ist diese Klarheit ein köstliches Zeichen 'deutscher Frühe', einer Zeit, in der noch nicht der wuchernde Reichtum des Schmuckes die Baugliederung verbarg. Zu einer noch großartigeren Einheit aber verbinden sich architektonische und schmückende Bauelemente am Chor der Propsteikirche. Hier wächst die gebundene romanische Kunst einer kühnen Freiheit entgegen und in der leichten Beherrschung lange geübter Formen erzeigt sich die Höhe und Reife des Stiles. Zwischen schmalen Lisenen schwingen zierlich wie Girlanden die Arkaden, und reich und prächtig sind die Fenster in tiefe, oft profilierte Gewände eingefügt.

Quelle
Unser Land, Teil 3, General-Anzeiger vom 10.-11. September 1938; Fotograf unbekannt
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet
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Ortsgeschichte Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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