Aufnahme: 1938
Krypta der Pfarrkirche Sankt Pankratius in Königswinter-Oberpleis
Unser Land - Blätter für Heimatkunde, 4. Teil
Von edler Reinheit der Maße ist auch der Innenraum der Propsteikirche, der gleichermaßen von West nach Ost, vom schweren gedrungenen Anfang der dunklen Turmhalle zum reichgliedrigen Chor hin gleitet. Sehr malerisch ist der von tiefem Bogen überschnittene Blick durch das Langhaus hin. Um ein Geringes ist in dieser schönen Kirche schon das durch das Vierungs-Quadrat, das aus dem Zusammentreffen von Langhaus und Querhaus gebildet wird, gebundene Bausystem gelöst und abgewandelt. Um Geringes schmaler sind die Felder der Wölbung, und schlanker steigt in öfterer Teilung die Mauer empor zum hellen Oberlichtgaden. Dennoch ist noch die Waagerechte nach dem Baugesetz des romanischen Stiles herrschend, und ungebrochen ist darum auch das strenge Gerichtetsein der Kirche, von deren Gewölbe seltsam genug die hängenden Schlußsteine tropfen, auf den Altar hin, das den geistigen Mittelpunkt zwingend bedeutet. Man sehe von den Seitenschiffen, die die Wappen der Propstei von St. Pankratius bergen, hinüber zum Langhaus. Da scheint sich der Raum zu straffen und kühner zu heben, ein wahrhaftes Bild nie gealterter Kunst.
Verwirrender, reicher ist die Einheit von Querschiff und Chor, in Stufen sichtbar erhoben über den Raum der betenden Gemeinde. In einer fast gotisch bizarren Lösung wurden Türme, die heute nicht mehr in ihrer Ganzheit bestehen, in diesen Bauteil einbezogen gleich Nebenapsiden zu der ausgeschwungenen Rundung des Chores. Sie sind tief gekehlt und voll dämmernder Schatten. Ohne Bild oder Zeichnung läßt sich ihr Gestaltetsein kaum erklären. Ihre Seltsamkeit macht den Chorraum zum Geheimnis der Kirche. Die kühle Klarheit des äußeren Baues, die eindeutige Kreuzform wird hier zur bestaunten Rätselhaftigkeit. Um wie vieles köstlicher muß diese Wirkung noch gewesen sein als die unerhörte Grazie des Heisterbacher Gitters, jenes berühmten Erzeugnisses rheinischer Rokokokunst, das heute im Schnütgenmuseum in Köln wie ein zartes Schattenspiel vor der Halle eines Kreuzganges steht, noch den Chor vom Mittelschiff schied.
Unter der vielgliedrigen Apsis liegt die sehr gemessene Einfachheit der Krypta, die der zeitlichen Bestimmung dem schweren Turm verwandt, doch um vieles reicher und kostbarer in der Wirkung. Die sechzehn Säulen tragen ein in mannigfachem Spiel der möglichen Form gewandeltes Gewölbe. Man wird den Anblick des Raumes kaum schöner beschreiben können, als das jüngst in der Veröffentlichung der ‚Rheinischen Kunststätten‘ durch Kubach geschah. 'Durch diese Feinheiten - die wechselnde Stärke und der unterschiedliche Werkstoff der Säulen - und durch die rhythmisch wechselnde Jochbreite kommt ein atmendes Leben in das gebundene Maß dieses Raumkunstwerkes, dessen Ernst und Strenge alle Einzelheiten bestimmt hat.' In der Schönheit der Propsteikirche, die oft genug mit dem Bonner Münster verglichen wurde, ist die Schwere der romanischen Kunst zu einer Reife geführt, der - es sei die Entlehnung gestattet - das schmückende Prädikat ‚con gravita‘ wohl ansteht. Ja, sie vereint wahrhaft edle Form und Würde. Wie ein Lächeln in diesem hoheitsvollen Ernst blüht die Zierlichkeit barocker Bilder, vor allem jene reizvolle, königliche Maria, die neuerlich eine glückliche Wiederherstellung erfuhr. Von ihrer Grazie ist es ein weiter Weg zu der schweren Gebundenheit der früheren Pieta und zu der Gehaltenheit des oft gerühmten Dreikönigsreliefs.
Es wunde gesprochen von der Einheit, die die Kirche mit den anderen Bauten der Propstei verbindet. So entläßt der Kirchenraum in den schönen geschlossenen Bezirk des Innenhofes, den sie mit dem alten Wohngebäude und dem einzigen erhaltenen Kreuzgangflügel bildet. Nochmals zeigt sich dem Blick, überschnitten von einem steilen, ernsten Raum, der erwogene Schmuckreichtum des Langhauses, ein schönes Schauspiel vom gestuften Mauersockel bis zum gezackten Dachfirst. Dann aber verliebt sich das Auge in den mannigfachen Reiz des Kreuzganges. Man wird die Zierlichkeit der schlanken Säulen rühmen dürfen, die denen des Bonner Münsterkreuzganges verwandt sind, als um weniges jüngere Geschwister und gleich ihnen ‚eine Fundgrube für die Bauzier der Stauferzeit‘. Am Ende der Bogenschwünge, die steigen und fallen mit der edlen Leichtigkeit eines Spieles, steht ein barocker Grabstein, eines jener Steinmetzwerke, die in der gemessenen Eleganz - hier ist das Wort zu seinem Ursprung und seinem Sinn geführt, der ‚eligere‘ gleich ‚erwählen‘ sein läßt, um den Verdacht der Leichtfertigkeit von einem längst verstorbenen Künstler abzuwenden - die also in Eleganz den Ernst und die Dunkelheit des Todes mit Feierlichkeit zu überwinden wissen. Die Inschrift sagt, daß am 7. März des Jahres 1736 der sehr edle Herr Christian Everhard von Stael als Propst hier gestorben ist. Mit der Nennung seines Namens wird man zugleich seiner Vorgänger gedenken, der Herren Bertram von Ans und des von Nesselrode, die an der Stelle der in Not- und Kriegszeiten schadhaft und unwohnlich gewordenen Bauten die neue Propstei schufen, ein schlichtes Haus des 17. Jahrhunderts, erwogen in den Formen und wohlgestaltet, und jenes bezaubernden Tores, in ländlichem Baustil, das zum Wirtschaftshof hinüberführt.
Weniger Schritte nur bedarf es, um aus dem Bezirk klösterlichen Friedens und der abgeschlossenen Weltverlorenheit eines Gartens, in dem zerbrochene Säulen und Mauerreste vor Propstei und Kreuzgang ein erinnerungsvolles Gestern sind, zu dem ungleich lebhafteren Reich landwirtschaftlichen Waltens zu gelangen. Ein anderer Name steht darüber. Der Propst Walbott von Bassenheim schuf, gleichfalls ein schon früher Gewesenes erneuernd, den großen Wirtschaftshof mit dem bestens gefügten Winkelzug der Ställe, mit dem schönen Nebeneinander von leuchtendem Fachwerk und solidem Steinbau im Jahre 1701. Er scheint ein derberer Herr gewesen zu sein, als der Propst von Nesselrode, der sein Wappen sehr zierlich führte, und auch als der von Stael, um dessen Namen der Hauch des französischen Esprits, nicht einmal ganz zu Recht vielleicht, ist. Indes wer seine Phantasie gern spielen läßt, mag sich die Pröpste von St. Pankratius nach ihren Schöpfungen vorstellen, vornehm und der höheren Kunst zugetan oder auch breit und von behäbiger Diesseitigkeit, die gern die fröhliche Sorge für das Tägliche trägt.
Gewiß aber muß man die schöne Anlage des Walbott von Bassenheim, die helle Geräumigkeit der Bauten um den malerischen Ententeich, die die Wappen und die Jahreszahl als sein Werk bezeichnen, auch heute noch als gültig und brauchbar anerkennen müssen, denn sie dient in ihrer jetzt mehr als zweihundertjährigen bedachtsam erwählten Form auch heute noch ihrem ihm bestimmten Zweck bestens. Der mauerumschlossene Propsthof, der ehedem, adligen Gütern gleich, mit Rechten und Freiheiten reichlich ausgestattet war, ist für den Besucher der Propstei der Beschluß seiner Wanderung. Und allzu bald entläßt das tiefgeschwungene romanische Tor mit der gestuften Zier seiner schönen Profilierung aus diesem friedlichen Nebeneinander von täglicher Arbeit und glücklicher Weltabgeschiedenheit, von tätigem Schaffen und geweihter Stille."
Irmgard Thomas
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