Aufnahme: 1938

Romanisches Tor am Propsthof in Oberpleis

Unser Land - Blätter für Heimatkunde, 2. Teil

Das begehrte Ländchen an der Pleis fiel den Siegburgischen zu und die Herren von St. Cassius wurden mit sechzig Mark Silber und Einkünften von Ramersdorf entschädigt. -
Mit dieser Bestimmung wurde den Siegburgern ein Recht zugestanden, dessen sie schon lange offenbar genossen. Denn gegen das Ende oder um die Wende des 11. Jahrhunderts war schon in Oberpleis, damals „Pleisa" oder „Bleisa" genannt, eine Propstei von dort her gegründet worden. Es ging, als man mit Eifer dem Ursprung und der Geschichte solcher Bauten nachzuspüren begann, lange die Sage, sie sei eine Tochterniederlassung des Klosters Corvey an der Weser gewesen, des zu großer Berühmtheit gelangten ‚Convents von Dreizehn-Linden‘ und schon um das Jahr 950 mit Mönchen besiedelt worden. Doch scheint es sich aus späterer Forschung klarer zu heben, dass die Abtei von Siegburg Oberpleis zum geistlichen Wohnsitz bestimmte, auf dass von dort aus leichter der ausgedehnte Besitz zu verwalten sei und nutzbringend zu verwenden. Von Siegburg erhielt die neue Propstei, die unter den Schutz des heiligen Pankratius gestellt wurde, mönchische Ordnung und die Regel der Benediktiner.

Nun folgen in langer Reihe die Pröpste von Oberpleis, Herren des rheinischen Adels zumeist, milde und gestrenge, die sich eine stolze Stellung zu wahren wußten zwischen dem Mutterkloster und der um eine Wegstunde entfernten, mächtigen Zisterzienser-Abtei Heisterbach. Sie waren in der Zeit des frühen und hohen Mittelalters, ja offenbar noch bis zur Aufhebung der Propstei auch mit weltlicher Gerichtsbarkeit begabt, so dass die Herren des Klosters von St. Pankratius rittermäßig ihr schönes Ländchen regierten. Der Propsthof neben der Propstei war Sitz des Schöffengerichtes, und nach dem Weisthum galt der Propst als Lehnsherr. Urkunden und Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts geben in schönen, altertümlichen Worten und Formulierungen, deren deutliche Umständlichkeit wie die Schnörkel verblichener Handschriften uns erscheinen, Kunde von Gerichtstagen und Markgeding. Und so wird auch in ihnen berichtet, dass der Propst des Klosters neben dem Recht zu wägen und zu strafen kraft besonderer Vollmacht die schöne Gnade des Asylgewährens üben durfte. In einem alten Lagerbuch steht es so zu lesen: 'Dieses Gotteshaus und Propstey hat sowohl adeliche als geistliche Freiheit; und möchte es geschehen, daß jemand wegen begangener Uebelthat sein Zuflucht uff die Propstey nehmen würde, sollte niemand sine gravi laesione praedictae libertatis - das will heißen, ohne große Verletzung eben jener Freiheiten - hinweggenommen werden können.'

Man wird die Geschichte der Propstei Oberpleis, ihr Wachsen und Blühen im Mittelalter, ihre adelige Machtstellung bis auf die Höhe des 18. Jahrhunderts, aber auch die wacker bestandenen Notzeiten und Gefahren ohne große Mühe und höchst anschaulich an den Bauten ablesen können, die als Erinnerung und Zeichen geistlicher Herrschaft in Oberpleis erhalten blieben, nachdem das Kloster aufgehoben wurde mit der allgemeinen Säkularisation in den ersten wirrsäligen Jahren des 19. Jahrhunderts. Die neue Bestimmung, nach dem Wegzuge der Stiftsherren, Pfarrkirche des Ortes zu sein, der mit dem Kloster gewachsen war, an der Stelle eines sehr zerfallenen Gotteshauses, hat die Propsteikirche und mit ihr die ehemaligen Klostergebäude vor dem Abbruch gerettet, der die nahe Zisterzienser-Abtei Heisterbach so grausam zerstörte. So ist die Propstei heute ehrwürdiges Zeugnis vergangener Jahrhunderte und in ihrem schönen und sichtbaren Gewachsensein Spiegel des Lebens, das sie vordem barg. Sie wurde jüngst in einer Beschreibung zu den Bauwerken gezählt, 'die in ihrer ungeheuren Fülle und mit der Kraft ihres Wesensgepräges der Rheinlandschaft einen ganz bestimmten Ausdruck verleihen'. Zugleich aber wird man sagen dürfen, sie seien auch in hohem Maß von ihr geformt, denn eben in dieser Wechselseitigkeit scheint die tiefe Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit zu liegen, die dem Bau hier und nirgends anders seine Heimat räumlich und künstlerisch gibt.

Vom frühen romanischen Beginn bis zu der gemessenen Schönheit des noch kühlen 18. Jahrhunderts folgen sich die Baustile, nicht ohne Unterbrechung, doch in einer schönen Bezogenheit. An ihrer Ausprägung mag man Kunstsinn und Reichtum der Bauenden ersehen, und zuweilen ist sogar ein Wappen oder ein Namenszug unmittelbares Zeichen der Urheberschaft. Im Ganzen aber ist die Propstei Oberpleis trotz des sichtbaren Wandels der Form und des künstlerischen Maßstabes wesentlich geprägt von dem Geist, der der ersten Anlage innewohnte, von der gehaltvollen Würde der deutschen Romanik. Unter den schöpferischen Willen eines ersten Baumeisters beugten und fügten sich die später Schaffenden, also dass auch die Bauglieder folgender Jahrhunderte nicht der Gemessenheit und der Maße ermangeln. Darum wird es erlaubt sein, trotz der Vielheit der Einzelerscheinung hier von einer zu Anfang gewollten und nie zerstörten Einheit und Einheitlichkeit zu sprechen. Freilich war auch die Prägung des späten 11. und des beginnenden 12. Jahrhunderts stark und von unvergleichlicher Schönheit. Welchen anderen Ort hätte ein Baumeister erwählen können für die beherrschende Lage eines Klosters als diesen Abhang, der der Sonne entgegen liegt? Heute allerdings wird man zumeist den ersten Eindruck von dem schweren und wohlgefügten Westwerk her bekommen. Noch immer ist, auch in gewandelter Zweckmäßigkeit jene Zusammengehörigkeit von Kirche, Propstei und Propsthof nicht gelöst, so dass das Gotteshaus nur von drei Seiten her zu sehen ist für den zufälligen Besucher. Doch ist eben in dieser Bestimmung die reiche und köstliche Durchformung des Baukörpers nach West, Nord und Ost hinbegründet, eine Gestaltung, deren Klarheit und Wohlerwogenheit entzückt.

Allzu mächtig fast erwächst mit einer plötzlichen Biegung der Straße der gewaltige Turm, einem festen Wehrwerk nicht unähnlich, der niederen Gedrungenheit der umgebenden Häuser. In kaum gegliederten unteren Geschossen sind seltsame Tierfiguren früher Zeit Schmuck und fast einzige Zier. Um weniges heben sie, deren Symbolik uns nicht mehr deutbar ist, sich als Relief aus rauhem Stein. Darüber aber steigen leichtere letzte Baustufen auf, von Lisenen und Blendarkaden belebt und durchbrochen auch erstmals von der maßvollen Form gekuppelter Fenster unter gemessenem Bogenschwung. In der Klarheit dieses Turmbaues, in dem sinnvollen Wachsen aus schwerer Basis zu zwar würdiger, doch gelösterer Höhe ist die Geschichte der Propstei enthalten. Die ungezierten Geschosse gehören der ersten Bauzeit, dem vergehenden 11. Jahrhundert an, und sie tragen ihre Prägung gemeinsam mit der in edlen Formen einfachen Krypta der Kirche. Die freiere Lösung oberer Stockwerke ist eine Schöpfung der hohen und reifen romanischen Zeit. Dieser offenbaren Blüteperiode der Propstei entstammt auch die schöne Formgebung des Langhauses und des mit Maß reichen Chores, die ein Blick von Norden her unvergleichlich erschließt. Sehr reizvoll ist das Bild der Kirche von dem nördlichen Garten aus, der indes auch selbst eine Köstlichkeit ist.

Quelle
Unser Land, Teil 2, General-Anzeiger vom 10.-11. September 1938; Fotograf unbekannt
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Willi Joliet
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Ortsgeschichte Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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