Aufnahme: 1935

Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung 14. Teil

Das spätromanische Hoftor, der Eingang zum Wirtschaftshof. Unsere Aufnahme stammt aus jener Zeit, als der Koblenzer Journalist in Oberpleis war.

Rösselsprünge am Rhein

Von O. Skalberg — 2. Teil und Schluss

Am Taufbecken
Auf dem Kirchplatz steht ein altersschwarzer Sockel, ein rundes romanisches Steinstück, auf dessen Bruchfläche in diesem Augenblicke zwei aufgeregte Sperlinge einen heftigen Wortwechsel um eine wellende Lindenblüte haben: Das ist die gehegte Reliquie, die von der alten Pfarrkirche in der „Villa Pleis im Auelgau" übrigblieb. Im Jahre 948 wurde sie durch Erzbischof Wichfried bestätigt; im Jahre 1805 hat eine kurfürstliche Kommission  ohne dass der Nachwelt Näheres über ihre Bauart und Gestalt überliefert wurde sie der Gemeinde Oberpleis zur Erbauung eines Schulhauses überlassen.

In der Stille zwischen Mittag und Nachmittag liegt der Raum der einstigen Propsteikirche; zwei Frauen aus dem Dorf knien vor der ländlichen Pieta, die vor fünf Jahrhunderten nach dem Bild einer dieser unbekannten Beterinnen, die gute Mütter und tüchtige Hausfrauen sind, geschaffen wurde. Kindlich hilflos lehnt sich der kleine weiße Körper des gekreuzigten Herrn in die Buchtungen ihres Mantels.

Bastei neben dem Taufstein
Hinter einem niedrigen Gänsestall-gitter steht ein alter verlassener Taufstein. Hier will ich die Notizblätter zu ordnen versuchen, die mir gereicht wurden. Die Propstei zu Oberpleis entstand durch einen Wink des Krummstabes der hier begüterten Abtei Siegburg. Die dreischiffige romanische Basilika und Gebäude des Klosters wurden in der Mitte des 12. Jahrhunderts errichtet. Was blieb davon erhalten?

Die Kirche bewahrte Turm, Langhaus und Krypta; 1718 wurde die Krypta in einen Keller verwandelt; man war so ordnungsliebend, dies auf einem Balken zu vermerken: „Anno 1718 ist dieser Keller gemacht worden." Der Schutt stand darin, schreiben die Chronisten, hoch über den Pfeilersockeln. Aber ich sehe durch das Gatter der viereckigen Säulen die Stufen, die in den Dämmergrund des Kellers führen, der vor etwa 40 Jahren in die alte Krypta zurückverwandelt wurde.

Von der Propstei blieb ein Flügel des romanischen Kreuzganges, 20 staksige, wetterrissige Säulen mit Eckblattbasen und kostbar ornamentierten Kapitellen und Kämpfern; fünf tiefliegende romanische Joche sind dahinter gespannt, In ihren bröckelnden Gewölbekappen klingt das Gackern der Hühner vom Wirtschaftshof wider, als sei die Zeit noch nicht vergangen, in der Erzbischof Engelbert der Heilige die Propstei in seine besondere Obhut nahm und schrieb: „Im Namen der heiligen und unzerteilten Dreifaltigkeit. Da das Kloster des heiligen Pankratius, Pleysa benannt, uns durch vorzügliche Liebe und Sorgfalt verbunden ist, so nehmen wir die Güter desselben, die in verschiedenen Orten unserer Diözese zerstreut liegen und welche unser geliebter Sohn Propst Gerhard und seine Vorgänger zu ihrer Präsenz besessen haben, unter des heiligen Petrus und unseren eigenen Schutz." Das war im Jahr 1218.

Zwischen Kreuzgang und Ententeich
Wie viele Schritte, ruhevolle und hastige, geistliche, weltliche und räuberische gingen durch diesen Kreuzgang, dem Alter und Wetter eine Landkarte von Narben in die Gewölbe gegraben haben! Im Jahre 1615. wird die Propstei von Grund auf geplündert; einige Jahrzehnte später setzt bereits wieder eine entschlossene, unbekümmerte Bautätigkeit ein. Propst Bertram von Ans erneuert den Ostflügel es entsteht ein zweigeschossiger Bau mit geschiefertem Walmdach; sein Wappen mit den Lettern BVAP hängt zwischen der Wölbung des barocken Portals und der braunen Eisenankerzahl 1645.

Am Ende des Kreuzganges steht der Grabstein des Propstes Christoph Everhard von Stael zu Suthausen, geschmückt mit dem Staelschen Wappen. Dann ging Propst Johann Walbott von Bassenheim an den Neubau des Wirtschaftshofes, von dem nicht mehr erhalten blieb als das aus Trachyttrümmern aufgebaute Barocktor zum Wirtschaftshof, in dessen flachbogigem Giebel das Wappen des „Johannes Bertramus de Nesselrode et Alsade der Grimberg, Anno 1701", stand, und die Stallgebäude aus dem Jahre 1701. Und der dicke, alte Nussbaum, der im Wirtschaftshof steht, mitsamt den unzähligen Enten und Hühnern unter seinem Laubdach.

Das Walbottsche Wappen aber ist eingelassen in das rundbogige spätromanische Trachyttor, das in die hellgrüne Perspektive einer Akazienallee führt. Ein Doppelsäulenkapitell aus der zerstörten Abtei Heisterbach steht darüber wie ein Ziermützchen auf dem Schädel eines Elefanten. Hier hat die Geschichte aus ihren untergehenden Welten behauene Steine wie Meteore umhergestreut. An der Mauer um den Entenweiher liegen sie lässig, von den krähenden Hähnen als Podium auserwählt: romanische Basen, gotische Kapitelle, Säulenstücke und die Inschrift: „1704 hat Johan Bertram Propst zu Oberpleis, den Garten neu  angelegt." Dazwischen wackeln die kahnbäuchigen Enten, darüber steht auf Stelzen das grüngestrichene Entenhaus wie ein Spielzeug; die Scheunentore gähnen den Atem ihrer Heustapel über die romanischen, gotischen und barocken Würfel, die aus den Bechern der Jahrhunderte in dieses mauerumstandene Idyll gefallen sind.

Unter dem Turm
Denn es blieb nicht bei den Kriegsschäden im 17. Jahrhundert. Im Jahre 1703 bereits erlebte die Propstei eine neue Plünderung durch französische Truppen. Das kleine Gatter vor dem Taufstein, neben dem ich die Aufzeichnungen über die alte Propsteikirche ordnen wollte, habe ich, geführt von Neugier und Erinnerung, gründlich im Stich gelassen. Der Boden, auf dem ich nun stehe, ist aufgeschütteter Grund. Dunkel, mit großer Kraft, ist der breite, ausschwingende Rundbogen unter dem Westturm darüber gespannt. Wie eine verwahrend gekrümmte Hand legt er seine runde Steinschiene über die Sicht in die bäuerlich bunten Rippen und Schlusssteine der Gewölbe. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde das Langhaus eingewölbt, und über der Krypta entstand ein neuer Chorbau. In den Jahren 1891—1894 wurde die Kirche nach den Plänen des Kölner Architekten Wiethase wiederhergestellt, die Chorpartie ergänzt und die Krypta unter dem alten Querhaus freigelegt.

Die Krypta
Das für ein Raum unter der Erde: Säule presst sich an Säule, Bogen schneidet mit Sichelschnitten über Bogen, Dunkelheit und Licht, Schwarz und Weiß stoßen in mächtige Würfel-, Kegel- und Pyramidenformen durcheinander. Dabei ist diese Krypta nicht groß, nein, sie ist klein, eine Handvoll Irrgarten, eine unterirdische Klause, von Tropfsteintonnen verstellt, 21 Kreuzgewölbe mit unregelmäßigen Feldern brüten über zwölf Säulen und flachen Wandleisten; die lappigen Mammutköpfe der weißen Würfelkapitelle starren wie ausgesandte fossile Wachtposten aus der Krypta des Bonner Münsters vor dem Tonnengewölbe der Altarnische. Oben ist alles lichter, weiter geworden nach dieser heftigen Nacht zwischen den Kryptasäulen, obwohl der Nachmittag die Sonne nach und nach hinter die Bäume rollen ließ.
Versteinertes Bild über dem südlichen Seitenaltar hängt ein steinernes Relief aus romanischer Zeit, von höherem Alter als die Kirche selbst, ja, die der Kunstgeschichte Kundigen sind uneins, ob es dem 10. oder dem 12. Jahrhundert zuzuzählen sei.

Es ist in einem rechteckigen, gleichgültig ornamentierten Tuffrahmen eingefügt; steife, entrückte Würde macht es überfestlich: sieh, eine fast byzantinisch starre Anbetung der Könige; mit zylindrischen Gefäßen in den Händen nahen sie sich, die Drei Könige aus dem Morgenland, einer kaum unterscheidbar vom anderen; nur der erste knickt linkisch sein Knie vor der Gottesmutter, die mit zwei kerzengrade erhobenen Fingern, in archaischer Kühle, die eintönig feierliche Näherung der Könige und der langgewandeten Engel mit den knopfartigen Augen erwartet. Gemmenhaft festgehalten, versteinert ist jede Erwartung und Spannung, die zeitliche Art sind, in verweilender überirdischer Gewissheit  wie viel Größe in einem Stein.
Er liegt mitten im Siebengebirge, in der alten Pfarrkirche von Oberpleis.

Koblenz
Unschlüssig, als sei es ein kleiner Wegweiser für einen guten Freund oder eine Landkarte für später, lege ich das durchlöcherte Billett der Rhein-Sieg-Eisenbahn in die Mappe zurück.
Es ist noch nicht Morgen geworden im Koblenzer Wartesaal. Ich vergaß, dass leichter Schnee fiel, in Oberpleis blühten noch die Reseden. Es ist Dezember in Koblenz, und über Mosel und Rhein rufen die Möven. So gehe ich denn."
Fortsetzung folgt

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 47 vom 19.11.1971
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet, SZ; Fotograf unbekannt Tor zum Propsteihof - Krypta von St. Pankratius
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