Aufnahme: 1904 /
Heimatkunde des Kreises Sieg - Bearbeitet von Peter Müller, Lehrer, Siegburg 1898
Die Bürgermeisterei Oberpleis
„Ihre Größe beträgt 56,25 qkm und die Zahl der Einwohner 6700. Sie liegt am nördlichen Abhang des Siebengebirges. Obwohl sie zu dem gebirgigen Teile unseres Kreises gehört, besitzt sie doch auf den ausgedehnten Bergrücken große Ackerflächen, welche einen fruchtbaren Boden haben. Die Landschaft wird von zwei großen Bächen, Pleisbach und Lauterbach durchflossen. Im Pleisbachthale sind herrliche Wiesen, auf denen im Herbste die Zeitlose ihre schönen Blütenkelche entfaltet. Die Obstbaumzucht hat in den letzten Jahren bedeutend zugenommen. Da sieht man in den Obstgärten, von Hochstämmen getrennt, Zwergobstbäume in den verschiedensten Formen. Zur Verwertung des Obstes haben sich mehrere Obstverwertungs-Genossenschaften gebildet; auch befindet sich in Oberpleis eine große Obstkrautfabrik. Verkehrswege sind: die Pleisthalbahn mit den Stationen Oberpleis, Uthweiler und Birlinghoven, die Heisterbacherthalbahn, die Pleisthal- und die Dollendorf Kircheiperstraße.
Den brieflichen Verkehr vermitteln die Post- und Telegraphenstationen Oberpleis und Stieldorf.
Die 86 Ortschaften verteilen sich auf die beiden Gemeinden Oberpleis und Stieldorf, von denen auch die beiden Kirchengemeinden ihren Namen haben. Zur ersteren gehört auch die Rektoratskirche zu Eudenbach. Die Schulbezirke heißen: Oberpleis, Eudenbach, Kuxenberg, Stieldorf und Rauschendorf. Am Fuße des Oelberges liegt in dem reizenden Thale des Pleisbaches Oberpleis, welches bereits als Pleisa im Jahre 944 genannt wird. Nachdem Anno Heinrich den Wütenden besiegt hatte, schenkte er einen Hof daselbst der Abtei Siegburg. Dieser Hof war, wie der in Geistingen und Sieglar, ein Freihof. Die Grafen von Sayn besaßen in dem Orte eine befestigte Burg. Von dort aus wurden die über die Frankfurterstraße ziehenden Kaufleute, besonders die Kölner Goldschmiede, stets beunruhigt. Deshalb zwang Adolf von Berg im Jahre 1268 den Besitzer, Dietrich von Heinsberg, die Befestigungen niederzureißen. Sie befanden sich wahrscheinlich an dem Wege von Oberpleis nach Uckerath.
Ein anderes, bis jetzt erhaltenes Burghaus liegt nördlich vom Dorfe. Es hieß früher Niederwich, wird jetzt aber Niederbach genannt (s. Link unten). Nordwestlich von Oberpleis in Elsfeld lag der Rittersitz gleichen Namens (s. Link unten). Ebenso stammt von Bellinghausen ein adeliges Geschlecht, Früher war das jetzige Pfarrhaus ein Benediktinerkloster, wozu auch die heutige Pfarrkirche gehörte. Als im Jahre1805 das Kloster aufgehoben wurde und die alte Kirche baufällig war, erhielt die Gemeinde die Klosterkirche als Pfarrkirche. Die Steine der alten Kirche erwarb sie, um daraus ein Schulhaus zu bauen. Jetzt prangt die ehemalige Klosterkirche wieder in ihrer früheren Schönheit; auch die unterirdische Kirche, welche lange verschüttet war, ist wieder freigelegt.
In dem Dorfe befindet sich das Bürgermeisteramt, eine Apotheke und manches schöne Geschäftshaus; auch wohnen dort zwei Aerzte. In dem vorhin genannten Niederbach befindet sich eine landwirtschaftliche Schule. Etwa eine halbe Stunde nordwestlich von Oberpleis ist die Baum- und Rosenschule Jüngsfeld, welche einen Flächenraum von 25 ha umfaßt. Die schönen Anlagen sind es wert, einen Ausflug dorthin zu machen, Weiter nach Nordwesten liegt Stieldorf, das rheinische Ammergau, wo seit 1889 in mehrjährigen Zwischenräumen Passionsspiele aufgeführt werden. Es liegt auf einer Anhöhe, an deren Fuß der Lauterbach vorbeifließt. Etwa eine Viertelstunde weiter nach Norden liegt Rauschendorf, ebenfalls auf einer Anhöhe. An der Verbindung von Pleis- und Lauterbach befindet sich die Ortschaft Birlinghofen, wo vor hundert Jahren noch eine Burg gestanden hat. Das Wappen der Besitzer ist auf dem Kreuze, welches den Wirtschaftsgebäuden der früheren Burg gegenübersteht, zu sehen.“
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