Aufnahme: 1984 (
Prälat Peter Buchholz - Radioansprache zum 20. Juli 1944
Wie ein düsterer Traum liegt die Zeit als Gefängnisseelsorger in dem Hause den hohen Mauern und den vergitterten Fenstern, in dem ich tätig war.
Und doch sind erst wenige Wochen vergangen seitdem sich beim Einmarsch der russischen Armee die Tore des Gefängnisses nicht nur viele hunderte Gefangene, sondern auch für mich geöffnet haben. Oder soll ich lieber sagen, sie haben sich geschlossen? Denn nun führt mein täglicher Weg mich nicht mehr in dieses Haus des Grauens. Man hat mich in die neue Stadtverwaltung berufen. Aus der Hand des leider allzufrüh verstorbenen Stadtkommandanten, Generaloberst Bersarin habe ich das Amt entgegengenommen, als Beigeordneter im Magistrat die kirchlichen Angelegenheiten zu vertreten, - ein Amt so schwer und verantwortungsvoll an der Wende zweier Zeiten, habe es, möchte fast sagen, mit frohem Herzen getan. Denn mit diesem neuen Amte werden ja auch die ewigen Kräfte eines echten Gottesglaubens und wahrer Religiösität eingebaut in das Werden einer neuen Zeit und helfen mit, ein System restlos zu überwinden, dem nichts mehr heilig war. Man führte Gott im Munde und meinte sich selbst. Das ewige Recht wurde mit Füßen getreten und in beispielloser Gesetzlosigkeit wurden tausende unserer Besten eingesperrt, gequält und gemordet.
Was alles an Bestialitäten und Grausamkeiten sich in den Konzentrationslagern abgespielt hat, wie dort ein vertiertes Untermenschentum sich in sadistischer Weise austobte an wehrlosen Opfern, darüber sind in der deutschen Öffentlichkeit in den letzten Wochen die Augen geöffnet worden, von denen, die dieser Hölle glücklich entronnen sind. Aber auch die Gefängnisse haben viel unsagbar viel Leid gesehen, und ich weiß als Zeuge einiges darüber zu berichten. Zwanzig Jahre bin ich Gefängnispfarrer gewesen, zwölf Jahre also unter dem Hitlerregime, davon die letzten Jahre in der Hinrichtungsanstalt Plötzensee, wo Tausende als Opfer faschistischer Justiz den Weg zum Schafott haben gehen müssen. Was ich da gesehen habe an Not und Jammer und Qual bei den Todeskandidaten, die ständig gefesselt waren und denen in der Einsamkeit der Zelle die Tage sich endlos dehnten und die Nächte zu Ewigkeiten wurden,was ich auch erlebt habe an mannhaftem Tragen, an heldenhaftem Sterben, an gläubiger Hingabe an Letztes und Ewiges, davon muß ich einmal sprechen, und wenn es auch nur ein kleiner Ausschnitt ist, den ich zeigen kann.
Leider muß ich meine privaten Aufzeichnungen, die ich mir heimlich und unter persönlicher Gefährdung angefertigt hatte, in den letzten Kämpfen um Plötzensee verloren gegangen und leider damit auch die Anschriften der vielen Männer und Frauen, die eine Scheinjustiz vor den Gerichtshof geschleppt und dort hingerichtet hat. Wie tröstlich wäre es für die Angehörigen, wenn ich ihnen jetzt, wo die Schranken gefallen sind und ich meinen Mund vor aller Welt auftun kann, berichten könnte, was ihre Lieben mir in letzter Stunde anvertraut und als heiligen Vermächtnis übergeben haben. Aber noch stehen diese tapferen Männer und Frauen vor meinen Augen und das Mittragen, Mitleiden und Mitfühlen ihres Ganges zur Richtstätte ist tief und unauslöschlich in mein Herz eingebrannt. Ich möchte den gramgebeugten Eltern, den untröstlichen Frauen, den verwaisten Kindern ins Auge schauen, meine Hände in die ihren legen und ihnen den letzten Händedruck, die letzte Umarmung ihrer Lieben weiterreichen. Ich möchte sie aufrichten durch die tröstlich Versicherung, daß der Sohn, der Vater, der Gatte, die Mutter und die Tochter ungebrochen den letzten Weg gegangen sind, daß die eine Gewissheit sie stark machte: da Opfer meines Lebens wird nicht vergebens sein. Einmal wird doch der Tag der Freiheit kommen.
Nun bricht dieser Tag an. Die Saat geht auf aus so viel Unschuldsblut, das wie ein heilige Same sich in die Erde senkte. Und wir – wir beuten uns in Ehrfurcht vor diesen Toten, die in ihrem Sterben für die Freiheit auch unsere Toten wurden. Eine lange Reihe, Hunderte, Tausende sehe ich an mir vorbeiziehen. Ihre Namen sind in die Geschichte ihrer Völker eingegangen. Wenn ich besonders an manche jungen Menschen denke, wird das Herz noch war, und ich werde wieder froh an ihrer trotz Kerkermauern und Fesseln immer frohen Haltung, mit der sie ihre Schicksalsgefährten und -gefährtinnen und aus der eine Kraft ausstrahlte, die aus ewigen Quellen gespeist und darum nie und nimmer müde wurde. So erlebten wir es an der jungen kommunistischen Studentin Eva Maria Buch aus Berlin, die mit der unbekümmerten Frische ihres opferfrohen Herzens das Schafott bestieg wie eine Heilige vergangener Tage.
Eine deutsche Mutter hatte ihrem Sohn ins Feld geschrieben, er solle nicht mutlos werden und sich von Heimweh übermannen lassen, es dauerte ohnehin nicht mehr lange, dann höre das Morden auf. Für dieses Wort besorgter Mütterlichkeit mußte sie sterben. Der heimkehrende Sohn wird nicht einmal das Grab seiner Mutter finden. Besonders tragisch war das Sterben der Frau Hildegard Coppi, die mit ihrem Mann und vielen anderen im sogenannten Harnackprozess zum Tode verurteilt wurden. In der Todeszelle schenkte sie einem Kind das Leben, und hofften wir alle mit ihr: jetzt ist sie gerettet. Aber ein unmenschlicher Richter schickte auch sie zum Schafott. Pfarrer Dr. Metzger, der sein Leben in den Dienst der Verständigung unter den Völkern und Konfessionen gestellte hatte, starb, weil er 1943 Hitler davor warnte, einen Krieg zu führen, der nur noch namenloses Leid über unser Volks und die anderen Völker bringen konnte. Der international bekannte Dr. Kiep, der als Persönlichkeit und Politiker vornehmlich in der angelsächsischen Welt geschätzt wurde, und das besondere Vertrauen Roosevelts besaß, ging, die Merkmale eine grausamen Folterung sichtbar an sie tragend, zur Richtstätte.
Unvergeßlich ist mir auch der Feuerkopf Dr. Adam Kuckhoff, noch im Gefängnis voller Ideen und Pläne und mit heißen Herzen und überlegenem Geist, mit den Problemen ringend, die er für die nahe Zukunft voraussah, ein idealdenkender Kommunist und Künstler von hoher Berufung. Daß er den nun hereinbrechenden Morgen nicht mehr erleben durfte, macht seinem Opfertod für uns besonders tragisch. Mit Grauen erinnere ich mich an jene schaurige Nacht mit einem Luftangriff, bei dem das Haus in Brand geriet, in dem 300 zum Tode verurteilte gefesselt lagen. Keiner kam durch Bomben zu Tode, aber in der nächsten Nacht wurden 186 in Gruppen zu acht hintereinander erhängt, ohne daß man ihnen Zeit zu einem Abschiedsbrief gelassen hätte. Kaum daß uns Geistlichen die Möglichkeit zu einem letzten tröstlichen Wort, zu einem kurzen Gebet verblieb. Unter ihnen befand sich der bekannte rheinische Pianist Keite, einer der Besten aus unserem jungen Künstlernachwuchs, der für einen landläufigen Witz zum Tode verurteilt wurde und für den noch ein Gnadengesuch lief. Erst in der Morgenfrühe um 8 Uhr stellten die Henker wegen Übermüdung ihre blutige Arbeit ein, um sie am Abend wieder aufzunehmen.
Es ist mir bitter schmerzlich, von all diesen Geschehen sprechen zu müssen, und ich möchte jetzt den Vorhang fallen lassen – aber einmal noch muß ich ihn weit auftun, um die Blick freizugeben auf den Todesweg der Männer und Frauen, deren Namen mit den Ereignissen des 20. Juli für immer verknüpft sind. Was hat man aus diesen Kämpfern um die Freiheit unseres gequälten Volkes gemacht! Ich sehe sie noch ihren letzten Weg gehen, in Sträflingskleidern und in Holzpantinen, einig über zerschlagen und geschunden, umgeben von Männern des Volksgerichts und Gestapoleuten, die sich keine Phase des dieses seltsamen Schauspiels entgehen lassen wollten und mit ihrer Filmkamera jeden Augenblick festhielten, von der Hinführung in die Todeszelle bis zu den letzten Zuckungen ihre Opfer.
Diese Männer, wie Feldmarschall von Witzleben, General Stieff, Hoepner, von Hasse, York, von Wartenburg, bewährten ungebrochen ihre männliche Haltung, die wahrhaftig ganz anders war, als die Goebbels-Propapganda sie uns dazustellen versuchte. Es waren meine Kollegen und mir nur möglich, mit ihnen vor der Hinrichtung noch kurz zu sprechen, bevor uns die Nachricht erreichte, daß durch ein besonderes Verbot Hitlers der seelsorgerische Zuspruch vor dem Tode zu versagen sei, eine besonders grausame Härte, wenn man bedenkt, was, abgesehen von den religiösen Momenten, in dem letzten Augenblick zwischen Leben und Tod die tröstliche Nähe eines mitfühlenden und mittragenden Menschen bedeutet.
Mancher Freidenker, wie mancher Jude, wie mancher Kommunist, wie mancher Bibelforscher war unendlich dankbar, wenn man ihm die letzten paar Minuten schenkte, die letzten Grüße an die Angehörigen mitnahm, oder einer letzten Zigarette eine Entspannung ermöglichte. Und hier wurde verweigert, was selbst einem schlimmen Lustmörder nicht versagt blieb. Trotzdem war es mir mit dem evangelischen Geistlichen Professor Pölgen aus Tegel gelungen, uns Zutritt zu einer ganzen Reihe der anderen Verurteilten zu verschaffen. Wie glücklich waren wir um diese Möglichkeit und wie froh waren erst die Männer in ihren Zellen, wenn wir kamen, oft schwer bepackt mit Liebesgaben, die gute Menschen besorgt hatten und die wir trotz aller Hindernisse hineinschmuggelten, wie froh um jede Stunde, die wir dort plauderten, um jede Nachricht, die wir brachten, um jeden Gruß, den wir hineinbeförderten. Und wie reich bin ich oft von dort fortgegangen, wie beglückt darüber, an soviel Heldentum teilzunehmen, so viel edle Menschlichkeit zu erleben, wie ich sie an den rheinischen Arbeitsführern Groß und Letterhaus, dem Leibziger Kaufmann Kramer, an Graf Moltke, den Jesuitenpater Delp und anderen immer wieder bewundern mußte. Ebenso groß war sie im Sterben, sie und die anderen, die ich weniger kennenlernte, aber deren Sterben ich nah war: so der ehemaligen württenbergische Staatspräsident Bolz, der sozialistische Arbeitsführer und ehemalige hessische Innenminister Leuschner, der tapfere Dr. Gördeler, Kaplan Wehrle, Rechtsanwalt Wirmer, Graf Matuschka und Dr. Lejeuner-Jung und alle 85, die allein in Plötzensee in diesem Zusammenhang hingerichtet wurden.
Nur ganz wenige sind dem Tod entgangen, wie der frühere Minister de Saarregierung Kossmann und der bekannte Vorkämpfer in der Gewerkschaftsbewegung Jacob Kaiser mit seinem Freund Stellzer, besonders unser Minister Hermes, den nur ein gütiges Geschick dazu ausersehen hat, nun als Ernährungsdezernent an verantwortlicher Stelle zum Neuaufbau Berlins mitzuarbeiten. Nun ist ein Jahr schon hingegangen seit jenem denkwürdigen 20. Juli, der so anders endete, als die Männer es sich gedacht hatten. Wie es so kam und warum es o kommen mußte, darüber werden Berufenere einmal zu berichten haben. Das eine ist gewiss: Der Opfertod der Männer des 20. Juli ist nicht umsonst gewesen. Und wenn wir in tiefem Dank und heiliger Ergriffenheit ihre heiße Liebe zum deutschen Volke und ihres Heldentums gedenken, dann fühlen wir in uns wie ein heiliges Vermächtnis die Verpflichtung, den Kampf weiterzuführen gegen die letzten Reste dieses weltanschaulich und politisch gleicherweise verbrecherischen Systems der Naziherrschaft, unter der viele gelitten haben und als Opfer gefallen sind.
In diesem Kampfe steht Schulter an Schulter der gläubige Protestant und Katholik neben dem Sozialisten und Kommunisten in ehrlicher Achtung vor der Überzeugung des Anderen. Vergessen muß alles Trennende sein – wir hätten sonst ja nicht verstanden, wofür die Frau aus dem Volke und das junge Mädchen, der Kommunist und der Geistliche, der Politiker aus der Arbeiterbewegung und der Graf aus altem Geschlecht gestorben sind, wir wären dieser Edelsteine des Volkes nicht wert, wir sähen, diese gemeinsame Front der Toten nicht, wenn wir nicht eine Front der Lebenden bildeten, eine Front gegen Nazitum und Faschismus, die von niemand und durch nichts mehr zerrissen werden darf. In diese Front stelle ich mich bewußt hinein mit meiner Arbeit als Beirat kirchlicher Angelegenheiten, deren Bedeutung für den Aufbau einer neuen Zeit der Staatskommandant, Generaloberst Bersarin, bei der Übertragung dieses Amtes an mich hervorgehoben hat. In dieser Front stehe ich in aufrichtiger Liebe und reich die Hand nach allen Seiten und ich weiß, da ich damit die heilige Mission erfülle, die mir die Toten aus dem Hause des Grauens an die Lebenden mitgaben.
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