Aufnahme: 1974
Der Müllenholz Matthias
Als wir in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre noch in Hasenboseroth wohnten, kam er regelmäßig auf seinem Weg über die Dörfer an unserem Haus vorbei und klopfte an, um ein Glas Wasser zu trinken.
Matthias war uns Kindern mit seiner Art langsam vertraut geworden, aber doch auch immer etwas befremdlich geblieben mit seinem aufgeregt klingenden stoßweisen Sprechen, der angehobenen Stimme, seinem oft starren Blick, seiner Gestik. Er war leutselig, von kindlichem Gemüt, dabei auch von Ängsten getrieben, wenn man ihn auf traumatische Erlebnisse wie den Krieg ansprach – womit ihn manche quälten, wenn sie ihn loswerden wollten, weil er dann sofort Reißaus nahm. Ihn als geistig verwirrt zu bezeichnen wäre falsch gewesen, denn er besaß ein phänomenales Gedächtnis - zum Beispiel für die Namenstage -, liebte die Musik und hatte das absolute Gehör.
Nicht nur in der Kirche, in der er bei jedem Gottesdienst und in jeder Andacht auf seinem Platz – links außen in der hintersten rechten Bank im Mittelschiff – anzutreffen und aus dem Chor der Betenden herauszuhören war, sondern im Ort und seiner Umgebung war er täglich präsent.
„Alle kannten ihn, dieses Oberpleiser Original, das bei seinen ältlich jüfferlichen Tanten lebte, von ihnen versorgt und vielleicht etwas vertüttelt und wohl noch etwas mehr als ohnehin in heiliger Einfalt gehalten wurde…Wir Kinder versuchten damals immer wieder, den Matthias auf unserem Weg von der Oberpleiser Kirche nach Hause, also nach Thomasberg, einzufangen und ein Stück des Weges, vorbei an dem kleinen Müllenholz-Häuschen, ‚mitzuzöbbeln’… Und dann amüsierten wir uns über seine gefühlsbetonten Sprüche, die wir aus ihm herauslockten. Wie herrlich machte er die Kölner Domglocke nach – Bomm-Bomm-Bomm! – und dann dagegen das Vesperglöcken „Bimm-Bimm-Bimm!“. Und wie schnaubte er empört durch die Nase, wenn er vom Oberpleiser Strandbad berichtete, wo et … hinter Gebüsch auf der Wiese lag, ‚puddelbläck!’, wie Matthias schaudernd betonte.“*
Gerne hörte man von ihm das Gleiche immer wieder – wie seine Antwort auf die Frage „Matthias, wat maache me dann Weihnachte?“: „Kuhele quatsche!“** oder den Satz, mit dem er seine Fasziniertheit von der Pleistalbahn ausdrückte: „Die schwer Dreiunfuffzich*** op däm schwaache Jleisje!“
Matthias Söntgeroth, 1908 in Steinringen geboren, war ein „waschechter Strücher“ und kam zu seinem Namen Müllenholz, weil er im kleinen Müllenholz-Häuschen, das in Oberpleis an der Dollendorfer Straße rechts neben der Einfahrt zum heutigen Schulzentrum stand, aufwuchs und lebte. Dort wohnte er mit seinen beiden ledigen Tanten Elisabeth und Helene Müllenholz, und niemand weiß, wann und warum er in deren Obhut gekommen ist.
Zum Alltagsleben gehörte Matthias einfach dazu. Er war ein Original, das alle, nachdem er sie 1980 für immer verlassen hatte, noch lange vermissten.
Text: Edgar Zens
*s. Willi Schmidt: Es geschah in Thomasberg, Strücher Geschichten, hg. vom Bürgerverein Thomasberg, o.J., o.O., S. 35
**(zerbrechliche Christbaum-)Kugeln zerquetschen
***Lok 53, das schwerste „Zugpferd“ der Pleistalbahn
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