Aufnahme: 1948
Das alte Dorf (Gedicht von Werner Heinen zur Oberpleiser Tausendjahrfeier)
Vor dem Kranz der Sieben Berge,
Doch landeinwärts, nicht am Rheine,
Liegt das Dorf in weiter Mulde
Friedlich schön im Sonnenscheine.
Wenig nur mit bunten Dächern
Hebt es sich aus grünen Gründen,
Und die Straßen, all die Gärten
Sind erfüllt vom Duft der Linden.
Freundlich reihen sich die Häuser,
Blanke Fenster schmucker Läden
Eng gedrängt im Unterdorfe
Von der Lust des Lebens reden.
Aufgelockert auf der Höhe,
Weit verstreut nach Süd und Norden,
Oft versteckt in Park und Gärten
Ist ein andrer Teil geworden.
Hier und da, schwarz-weiß im Fachwerk,
Grüßt ein Schriftwerk alter Zeiten,
Flüstern die Mansardendächer
Von den Jahren, die vergleiten.
Herrlich blauen die Glyzinen,
und es duften die Syringen.
Rosen leuchten, am Frühmorgen
Hundertfache Amseln singen.
Auch des Nachts ist keine Stille;
Käuzchen schreien, Schleiereulen
Rufen, dunkle Fledermäuse
Durch die Schlucht der Straßen eilen.
Ach, die Blumen und die Bäume
Wachsen, blühen und vergehen.
Kinder spielen, und sie werden
Zitternd an den Zäunen stehen
Einst als Greise. Ja, und einmal
Kommt für jeden jene Stunde,
Da die mittägliche Glocke
Gibt von seinem Tode Kunde.
Auch die Tiere müssen sterben.
Aber ihr allnächtlich Rufen,
Und in Duft und Glanz die Blumen
Und die Menschen aller Stufen
Sind in der Geschlechterkette
Tief gegründet in das Alte,
Das zu einem neuen Leben
Lieblich sich im Licht entfalte.
Zwar die Häuser und die Ställe,
Selbst die Scheunen und die Hütten,
Wie für ewig baut der Mensch sie,
Doch die Zeit muss sie zerrütten.
Nur der Tiere dunkle Stimmen,
Und das Raunen in den Zweigen
Ist so zauberisch und seltsam,
Ist so rätselhaft und eigen,
Denn die Blumen sprießen jährlich
Immer aus dem alten Grunde,
Und des Traumes nächtge Bilder
Geben uns geheime Kunde.
Irgendwo, nein, allenthalben
Gibt es da geheime Quellen,
Kühle Brunnen unter Steinen,
Schnitzwerk an verborgnen Stellen,
Irgendwo ein dunkles Bildwerk,
Als Herdplatte einst gegossen,
Wappenschilde edler Herren,
Deren Schicksal längst verflossen.
Irgendwo in alten Kammern
Dämmert wohl ein Ahnenbildnis,
Und ein steingewölbter Bogen
Trotzte langer Zeiten Wildnis.
Auf dem Friedhof, ob den schönen
Blumenüberdeckten Grüften
Wiegt sich ein Platanenzwilling
In den sonndurchwobnen Lüften.
Drunter aber ragt des Herren
Hochkreuz viele Menschenalter,
Niemand aber weiß von seinem
Großen Bildner und Gestalter.
Nun die Kirche! Schon achthundert
Jahre steht sie frei im Sturme.
Tief im Fels ruht ihre Krypta,
Doch mit dem gewaltgen Turme
Ragt sie hoch, die Glockenstuben
Lugen weit auf alle Hügel,
und die sonntäglichen Klänge
sind wie sanfte leichte Flügel.
Einstmals schloss sich gegen Süden
Eines Klosters reine Stille
Mit der Andacht Erdenferne,
Mit der Güte reicher Fülle.
Heute ists ein Hof geworden.
Doch da gibt es schöne Bögen,
Steingewölbe, kühle Grüfte,
Alte Kreuze an den Wegen.
Alles das ist alt und würdig.
Und ein Mensch, der in den Stilen
Sich auskennt, wird Wunderdinge
Bald erkennen, bald erfühlen.
Gotisch schwingen manche Bögen
Sich. Es gibt Barockfiguren
Und romanisch strenge Formen,
Doch darunter sind auch Spuren,
Die viel tiefer in die Zeiten
Und an tausend Jahre gründen.
Kennt ihr nicht die Löwenköpfe?
Wusstet ihr nichts von den Linden,
Drunter die uralten Gräber
Ruhen fast an tausend Jahre?
Wusstet ihr nichts von dem strengen
Epiphanienaltare?
Und vom Steinsarg, der verborgen
Schlummert auf dem Friedhofsanger
Tausend Jahre! Wieviel Schicksal
Ruht verborgen in so langer
Zeit? Spricht kein geheimes Warnen
Aus den überbliebnen Dingen?
Warum forscht man unermüdlich
Nach Schicksalen, die vergingen?
Kann man doch das Gegenwärtge
Niemals ganz zusammenfassen,
Sollte man darum die Toten
Nicht bei Toten ruhen lassen?
Ja und nein! Es mögen alle
Alten Pröpste sänftlich schlafen,
Alle stillen Mönche ruhen,
Und wer immer in den Hafen
Seines Endes, seines Grabes,
Seiner Ewigkeit gefahren,
Jedem soll man seine Stille
Fromm und ehrfurchtsvoll bewahren.
Nur die Stimmen, welche rufen
Auch aus den verfallnen Grüften,
Nur die Worte, aufgezeichnet
In vergilbten alten Schriften,
Die Bildwerke der Altäre
Und des Kreuzgangs Kapitäle,
Rätselhafte Epitaphe, -
Alles das hat eine Seele.
Und das darf uns nicht verloren
Gehen in des Tags Geschäften.
Lasst uns selbst zum Himmel streben
Mit den starken Säulenschäften!
Lasst uns mit der schönen Kirche
Und mit ihres Turms Gewalten
Unser aller kleines Leben
Froher, herrlicher gestalten!
Darum sei dies Jahr erwählet
In der Zeit, gefährlich brausend,
Dass wir es zusammenfassen,
Das gewaltige Jahrtausend.
Zwar, das Dorf, es ist vielleicht schon
Über tausend Jahr geworden.
Auf den Straßen her vom Rheine
Zogen römische Kohorten,
Kämpften bis zum Westerwalde,
Ruhten aus in leichten Zeiten.
Still im Dollscheid liegt die Fliehburg
Der Germanen oder Kelten. -
Nur, das alles ist wahrscheinlich,
doch es bleibt im Ungewissen.
Und wir Menschen suchen Klarheit,
Licht trotz aller Finsternissen.
Also scheint es uns bedeutsam,
Dass genau vor tausend Lenzen
Bischof Wichfried eigenhändig
Der Gemarkung ihre Grenzen
Setzte, die sogar noch heute
Gültig sind in vielen Teilen,
Die das weite Amt umgeben
Wohl auf vielen langen Meilen.
Und so mag dann die Begrenzung
Glückhaft uns sich offenbaren,
Die die Menschen schützt und hütet,
Dass ihr Eignes sie bewahren.
Darum mag vom Turm die Glocke
Eine frohe Stunde künden,
Dass wir alle in der Heimat
Uns zum Fest zusammenfinden.
Lasst voll Dank uns und in Ehrfurcht
Hin vor Gottes Altar treten
Und um friedevolle Zeiten
Für uns und die Kinder beten.
(Quelle: Festschrift zur Tausendjahr-Feier der Pfarrgemeinde St. Pankratius Oberpleis, 1948, S. 6ff.)
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