"Sie bliesen Trompete wie Louis Armstrong"

Aufnahme: 1974

"Sie bliesen Trompete wie Louis Armstrong"

Obgleich die Königswinterer  Musikschule nun schon rund drei Jahre besteht, fragt sich immer  noch mancher: „Was ist denn eigentlich diese Musikschule?" Der eine glaubt, sie anderen Schulen angegliedert, und ein anderer meint, sie gehöre zum Volksbildungswerk, und wieder ein anderer ist sicher, daß sie nur Kindern und Jugendlichen offenstehe. Um allen Bürgern anschaulich zu machen, was die Königswinterer Musikschule ist, befragten wir deren Leiter, Kurt  Wirtz.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr Wirtz, die Königswinterer Musikschule ist zwar in aller Munde, aber wie sie arbeitet und für wen - Genaues wissen da offenbar nicht alle.

Wirtz:
Die Musikschule existiert neben den übrigen Schulen und ist auch von den Kursen des Volksbildungswerkes unabhängig. Die Schüler kommen nachmittags oder abends zu den Unterrichtsstunden, um Instrumente oder Gesang zu lernen.

Siebengebirgs-Zeitung:
Manche glauben, diese Schule sei nur für Kinder und Jugendliche  da.

Wirtz:
 Aber nein, sie ist für alle da, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche.

Siebengebirgs-Zeitung:
Wieviele Schüler hat die Musikschule zur Zeit und wieviele Lehrer unterrichten?

Wirtz:
Es sind zur Zeit rund 250 Schüler, dazu kommt der Singkreis mit 60 Kindern, und Lehrer haben wir 24. Dazu möchte ich gleich sagen, daß wir zwar keine Professoren der Musikhochschule bezahlen können, daß wir aber sehr qualifizierte Musikpädagogen einsetzen. Besonders erwähnen, möchte ich hier auch die Musiker des Stabsmusikkorps Siegburg, die ich gut kenne und schätze, zum Teil noch junge Leute, die an der Musikhochschule in Köln studieren, gute Pädagogen zudem, bei denen man wirklich etwas lernt.

Siebengebirgs-Zeitung:
Sie  sagen, ein Professor sei zu  teuer: Wie sieht es überhaupt mit dem Geld aus. Wer bezahlt den Unterricht der Musikschule?

Wirtz:
Zum Teil die Schüler, zum Teil die Stadt. Der Unterricht kostet im Monat 36,- DM. Bei Gruppenunterricht wird der Betrag unter die Schüler aufgeteilt. Die Stadt Königswinter gibt zu jeder Unterrichtseinheit (Einzel- wie Gruppenunterricht) einen Zuschuß. Aber obwohl dieser für 1974 erhöht wurde, ist er zu gering, um alle Schüler, die sich anmelden, auch unterrichten zu können. Aber der Stadt sind natürlich auch Grenzen gesetzt.

Siebengebirgs-Zeitung:
Das ist eigentlich bedauerlich, daß nicht alle Wünsche nach Musikunterricht befriedigt werden können. Wie sieht es denn mit dem Angebot in Bezug auf die verschiedenen Instrumente aus?

Wirtz:
Wir können natürlich nicht alle Instrumente anbieten, sondern nur diejenigen, für die wir qualifizierte Lehrer haben.

Siebengebirgs-Zeitung:
Welche Instrumente kann man lernen?

Wirtz:
Blockflöte, flauto traverso (Konzertflöte). Oboe, Klarinette, Saxophon, Trompete, Horn, Posaune, Tuba, Schlagzeug und Pauken. Dann Geige, Gitarre, Klavier, Cembalo, Orgel und Akkordeon.

Siebengebirgs-Zeitung:
Also auch eine ganze Reihe Orchesterinstrumente. Es fehlten in Ihrer Aufzählung Bratsche, Cello und Baß.

Wirtz: Da besteht zur Zeit keine Nachfrage.

Siebengebirge-Zeitung:  
Wie sieht nun der Unterricht aus?

Wirtz:
Die Grundausbildung soll möglichst zwei Jahre dauern. Dazu  gehört selbstverständlich der theoretische Unterricht. Ich möchte übrigens nicht vergessen zu erwähnen, Herr Scheffen, daß wir nicht nur Instrumente lehren, sondern auch Gesang. Der Singkreis für Jungen und Mädchen erfreut sich großer Beliebtheit. Ich möchte jedoch zu einer richtiqen Chorschulung für Jugendliche und  Erwachsene kommen. Ich will mir damit keinen eigenen Chor schaffen.  Das wäre engstirnig gedacht. Ich möchte damit keinen anderen Chören Konkurrenz machen, wie mir manchmal vorgeworfen wird. Aber die Musikschule sollte stimmbildnerisch tätig sein. Das  Angebot soll von früher Mehrstimmigkeit bis zum Musical reichen, quer durch die Musikgeschichte. Auch  Sologesang soll angeboten werden. Und was bei uns gelernt wird,  kommt den Chören, wohin die Leute dann gehen, doch zu gute.

Siebengebirgs-Zeitung:
Sie haben also noch Pläne. Gibt es noch andere?

Wirtz:
 Ja, ich möchte auch eine Bewegungsschulung. Kein Ballett, kein Gesellschaftstanz. Diese Anregung kommt übrigens von den Eltern, eine Bewegungsschulung mit Musik natürlich. Ob dann später eine Volkstanzgruppe daraus wird, oder sich gar eine Ballettgruppe bildet, das muß sich ergeben.

Siebengebirgs-Zeitung:
Welche Instrumente werden am meisten gewählt?

Wirtz:
Raten  Sie mal.
Siebengebirgs-Zeitung: Gitarre.

Wirtz:
Stimmt. Dann Klavier und Blasinstrumente. Übrigens profitieren die Bläserkorps unserer Stadt auch von unserer Arbeit. Die Leute kommen zu uns, um sich zu verbessern. Das betrifft vor allem Trompete, Posaune und Klarinette.

Siebengebirgs-Zeitung:
Warum gibt es noch kein Schulorchester?

Wirtz:
Es sollte eins geben. Aber nach drei Jahren Unterricht ist der Bestand an qualifizierten Musikern noch nicht groß genug, um ein Orchester ins Leben zu rufen.

Siebengebirgs-Zeitung:
Es gibt Schülerkonzerte, die guten Anklang finden.

Wirtz:
Die beiden „Pänz", die im letzten Schülerkonzert Trompete spielten, waren eine reine Ohrenweide. Sie bliesen wie Louis Armstrong. Ich hatte sie selbst vorher noch nicht gehört und war wirklich überrascht von ihrem Können. Außerdem gibt es ja die Vorspielnachmittage, wo sich die Schüler an Publikum gewöhnen sollen.

Siebengebirgs-Zeitung:
Eine andere Frage, Herr Wirtz. An welchen Orten wird der Unterricht durchgeführt, und wie ist es mit den Verkehrsverbindungen?

Wirtz:
Unterricht findet in Oberpleis, Heisterbacherrott, Dollendorf und Alt-Königswinter statt. In  Stieldorf ist die Nachfrage sehr groß. Dort wird wohl auch in Zukunft Unterricht sein. Im Übrigen kommen die Schüler aus allen Teilen Königswinters. Wenn keine Busse fahren, müssen die Eltern sie bringen. Vor allem die Verbindung durch öffentliche Verkehrsmittel von und nach Stieldorf ist schlecht.

Siebengebirgs-Zeitung:
Wann beginnt eigentlich das Schuljahr der Musikschule?

Wirtz:
Am 1. August. Die  Ferien sind genau wie bei den anderen Schulen.

Siebengebirgs-Zeitung:
Wo kann man sich für die Musikschule anmelden?

Wirtz:
Beim Schul- und Kulturamt der Stadt Königswinter. Aber das sollte rechtzeitig geschehen, wenn man sicher gehen will, daß man angenommen wird.

Siebengebirgs-Zeitung:
Das Volksbildungswerk der Stadt Königswinter bietet auch Musikkurse außerhalb der Musikschule an. Warum?

Wirtz:
 Nun, man fährt da zweigleisig. Die Ansprüche der Musikschule liegen höher. Wir möchten qualifizierte Musiker heranbilden. Das braucht seine Zeit. Der Musikunterricht ist auch für die Allgemeinentwicklung des Kindes von großer  Bedeutung. Denken wir nur an die von Kodaly eingerichteten Musikschulen in Ungarn. Kodaly sagt, Musik lockere den Geist auf, so daß er alles leichter erfasse. Übrigens haben mathematisch begabte Kinder meist ein besonders gutes Rhythmusgefühl. Und Musik ist ja vor allem auch Rhythmus. Man sollte die Kinder schon früh ein Instrument erlernen lassen. Und nicht zu vergessen: Singen ist auch Musizieren.

Siebengebirgs-Zeitung:
Wird Ihnen Ihre Arbeit nicht manchmal zuviel?

Wirtz:
Ich tue es gerne. Es ist eine Aufgabe, die sich lohnt, und sie ist außerdem notwendig.

Siebengebirgs-Zeitung:
Herr  Wirtz, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 6 vom 08.02.1974. Von Wilhelm Scheffen
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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