Aufnahme: 2013

Das Brölbähnchen verband bis 1951 Quirrenbach mit Siegburg (Bild von 2013)

Jugend-Erinnerungen an die alte "Brölbahn" von Professor Dr. Werner Heinen (Teil 4)

"Bevor sich der Verfasser in dieser kleinen Heimatgeschichte an den letzten, aber wenn man es durchdenkt, was daraus hätte werden können, durchaus nicht so tragischen Unfall wendet, möchte er doch noch seine Zuneigungen zu den mitfahrenden jungen Damen kundtun, denn unter seinen Kameraden waren in seiner Primanerzeit einige rüde Burschen, die jene mit ziemlich unverschämten Spitznamen benannten. Da mußte ein junges Mädchen jeden Morgen fast fünf Kilometer von Sonnenberg über Grengelsbitze nach Oberpleis laufen. Ein anderes 'Tippfräulein' kam von einem Hof hinter Stieldorf, die vornehmste aus einer Ziegelei bei Niederpleis, wo früher einmal eine Abdeckeranstalt war, und daher als 'Schinderei' bezeichnet wurde.

Obwohl ich mich damals schon der Prima näherte, habe ich nur eine höhere Art von Verehrung für die Damen verspürt. Wie war das damals etwa zu Beginn des 1. Weltkrieges? An einem Nachmittag saß ich mit einem Schulkameraden vor einer Landkarte von Böhmen. Wir bereiteten eine Wandervogelfahrt mit Scheunenquartieren vor. Jugendherbergen waren noch spärlich und uns verhasst, weil sie in den meisten Fällen ziemlich schmutzig waren. Und weil wir ganz besonders die Volkslieder pflegten, (die ersten Ausgaben des 'Zupfgeigen-Hansels' kamen damals in den Handel), wollten wir nach Prag, Olmütz, Brünn, möglicherweise bis Wien tippeln. Joseph von Eichendorff war uns der Dichter europäischer, nicht deutschnationaler Lebensform. Unser Bundeslied war zu lesen in der herrlichen Erzählung „Aus dem Leben eines Taugenichts":

Nach Süden nun sich lenken
Die Vöglein allzumal.
Viel Wandrer lustig schwenken
Die Hüt im Morgenstrahl
Ade in die Läng und Breiten
O Prag, wir ziehn in die Weiten!
Et habet bonam pacem
qui sedet post fornacem.

An anderer Stelle stand: Der Stephansdom guckt übern Berg, und ist er`s nicht, so kommt er doch gleich!

Vivat Österreich!
Wir sahen zum Fenster hinaus und bemerkten, dass sich viele Menschen vor dem Bahnhof versammelten. Natürlich liefen wir auch gleich hinüber. Es traf uns wie ein Schlag. Ein Offizier verlas den Befehl zur 'Mobilmachung'. — Fast von heute auf morgen brach der Krieg aus. Kluge Leute veranlassten ihre Söhne, bei den Nachrichtentruppen oder der Fußartillerie einzutreten. Die idealistischen Wandervögel wurden fast alle Infanteristen. Die meisten von ihnen fielen dann an der Marne, in Flandern, bei Verdun. Von meiner Unterprima waren es schon im Winter 1914-15 an die zehn. Ich selbst wurde trotz all meiner Bemühungen nicht genommen, wegen des, meiner Meinung nach, geringfügigen Fehlers an der rechten Hand. Zu Beginn der Sommerferien ließ ich mich dann vom Roten Kreuz in Linz als Helfer ausbilden. Einer meiner Kameraden war dort der Prinz Max von Salm-Kirburg.

Den nächsten Winter hindurch schob ich in Siegburg im Hilfslazarett Nachtwachen und arbeitete außerdem am Tage, soweit ich nicht Unterricht am Gymnasium hatte. Abends im Spätsommer kam dann häufig ein vornehmes Fräulein, das von einem anderen Schulkameraden namens Fritz, der leider auch als Arzt früh verstorben ist, als 'Mausezähnchen' bezeichnet wurde, und erfreute die meist nur leicht verwundeten Soldaten mit in klarem Sopran gesungenen Rosenliedern von Philipp zu Eulenburg. Dieser war ein Duz-Freund des Kaisers und es gab ein paar Jahre vorher einen Skandal, über den wir damals natürlich ebenso wenig Bescheid wussten, wie andere Leute über die wirklich tragische Geschichte des englischen Dichters Oscar Wilde. 'Mausezähnchen' also sang mit ihrem wirklich strahlenden Sopran:

Aus des Nachbars Haus
Trat mein Lieb heraus,
Hielt ein Röslein in der Hand
Und ich stand am Zaun,
Konnt nicht satt mich schaun,
Nicht ein Wort zum Gruß ich fand.

Nach wenigen Monaten geriet der Krieg im Westen ins Stocken. Es begann der menschenmordende Stellungskrieg in Frankreich. Wir mußten uns mit den Siegesnachrichten an der Ostfront bis zum raffinierten Friedensvertrag von Bresk-Litowsk begnügen und sozusagen in Sicherheit wiegen. Es ist hier nicht der Ort, dem weiter nachzugehen. Was wussten wir jungen Leute von den wirklichen Ursachen der 'Lusitania-Katastrophe', die die Kriegserklärung der Vereinigten Staaten zur Folge hatte? Wir hatten uns an den Krieg gewöhnt. Es dauerte noch ein Jahr, ehe ich Abitur machte, und wir 'Studenten' trieben derweil auf dem Brölbähnchen allerhand Unfug. Zu den Hauptspäßen gehörte, wenn der Aufenthalt in Birlinghoven, wo zwar nur ein paar Packwagen abzuhängen waren, länger dauerte, die Einkehr in der Bahnhofswirtschaft der Familie Anton Meis. Obwohl ich mir damals eigentlich sehr klug vorkam, machte ich doch den dümmsten Unfug mit. Sei es, dass wir zum Ärger der Mitreisenden den Zugführer mit zusammengelegten Groschen zum Bier einluden, wobei mir mein durch Privatstunden verdientes Geld sehr zustatten kam, sei es, dass wir mit ein paar Steinchen eine Weiche für ein paar Minuten festklemmten.

Am meisten aber konnten wir die Reisenden ärgern, wenn wir hauptsächlich in Birlinghoven am winterlichen Spätzug entlanglaufend, die Fenster zurückschoben, so daß die schimpfenden und fluchenden Insassen sie wieder hochziehen mußten. So war es auch an diesem regnerischen und eigentlich zu warmen Januarabend 1915. Der letzte Wagen war übrigens eine der schon geschilderten alten Kutschen. Schaffner und Lokführer machten sich dann einen Spaß darauf, die Lokomotive plötzlich und so schnell wie möglich anziehen zu lassen. Einer der beiden Sekundaner 'bediente' den ersten Wagen, ich den zweiten und ein dritter, Josef, den dritten. Der Zug zog plötzlich an, Karl hopste auf die Plattform des ersten Wagens, ich auf den zweiten und bemerkte zu meinem Schrecken, daß Josef sich vergriffen hatte und hintenüberfiel. Ich enterte schleunigst zu dem vorderen Wagen. Karl und ich sprangen in voller Fahrt ab und rollten in ein Kartoffelfeld. Außer uns hatte keiner der Reisenden etwas von dem Vorfall bemerkt. Im übrigen gab es damals auch keinerlei Notbremse.

Wir rasten zurück, und am Bahnhof in Birlinghoven lag Karl ohnmächtig zwischen den Geleisen. Auf der Station hatte man noch nicht das Geringste bemerkt. Wir schleppten den armen Schulkameraden ins Stationsgebäude. Ich band den stark blutenden Fuß kunstgerecht ab, wobei mir meine Ausbildung als Sanitäter zustatten kam. Der Stationsvorsteher rief den Arzt in Oberpleis an, den Vater von Josef ließ er in seinem Dorf benachrichtigen. Nach einer knappen halben Stunde kam der Arzt aus Oberpleis mit seinem Miniaturauto - Marke Dixi an. Er machte ein bedenkliches Gesicht und sagte, dass besagter letzter Wagen noch das einzige in Betrieb befindliche Kutschwägelchen war, sonst wäre der Junge schon nach kurzer Zeit tot gewesen. Kurz darauf kam der Vater von Josef in seiner Kalesche an. Er fragte den Oberpleiser Arzt, wer ihn denn gerufen hätte. Sein Arzt sei der Doktor aus Uckerath!

Der Oberpleiser Doktor setzte auf den groben Klotz einen groben Keil. Der Junge müsse sofort in die Klinik nach Bonn. Vielleicht könne der Fuß dann noch gerettet werden. Der Bauer - als Grobian weit und breit bekannt - fragte den Arzt, was er ihm für seine Bemühungen schulde und schmiss ihm dann die genannte Summe Geldes vor die Füße. Der Doktor war so freundlich, mich in seinem kleinen Auto mit nach Hause zu nehmen und meinte, ich hätte das Menschenmöglichste getan, es habe aber keinen Sinn, den Unfall an die große Glocke zu hängen. Die meisten Menschen waren auch schon durch die Nachrichten an der Westfront stark beunruhigt, wenn auch die Propaganda das Siegesbewußtsein nicht einschlafen lassen wollte, mit Hilfe der Erfolge der später schon legendären Feldherren Hindenburg und Ludendorff. Nach dieser Geschichte des wirklich tragischen Ereignisses auf der Brölbahn erfolgte keinerlei Reaktion. Weder das Personal auf dem Bahnhof Birlinghoven wurde dafür verantwortlich gemacht und vor allem nicht der Stationsvorsteher, der doch das Abfahrtssignal gegeben hatte, noch die feixenden Bremser noch der Heizer, erst recht nicht die „Studenten".

Es gab keine gerichtliche Untersuchung, denn eine Anzeige war nicht erfolgt. Es gab auch keine Mitteilung an den Direktor des 'Königlich-Preußischen Gymnasiums' in Siegburg. - Einfach nichts geschah! - Wozu sich aber aufregen? Am Tage nach dem Unfall setzte der verspätete aber desto dichtere Schneefall dieses Winters ein. Die kleinen 'Automobilchen' der einheimischen Ärzte mussten zuhause bleiben. Am dritten Tag nach dem Unfall in Birlinghoven, als der Schnee fast einen Meter tief lag, stapften wir zwei 'Mitschuldigen' in das Dorf, wo unser Freund Josef zu unserem Schrecken in schwerem Wundfieber lag. Er war so geschwächt, dass es uns so vorkam, als ob er keine Schmerzen hätte. Der Hausarzt aus dem westerwälder Nachbardorf war zwar dagewesen, konnte aber nichts ausrichten.

Doch dann fuhr sein Vater ihn mit dem Schlitten in das primitive Krankenhaus des Westerwalddorfes. Wir, seine Freunde, besuchten ihn wohl allwöchentlich einmal, aber der Dorfarzt hatte sich als Chirurg bewiesen. Dreimal wurde unserem Josef ein Stück des Beines amputiert und dann konnte endlich das Wundfieber am Oberschenkel gestoppt werden, was damals fast ein Wunder war. Nach etlichen Wochen kam unser Freund mühselig in unsere Sekunda zurück und bestand als Unterprimaner die Reifeprüfung. Dieser Unfall hatte indessen für den Betroffenen sein Gutes: Denn wäre dies nicht geschehen, hätte er wenige Monate darauf als kräftiger junger Bauernsohn zum Kommiß gehen müssen. Er hätte nicht die geringste Chance gehabt, in einer relativ geschützten Spezialeinheit ausgebildet und eingesetzt zu werden und wäre fast mit Sicherheit in den darauffolgenden Jahren in der 'Knochenmühle von Verdun' geblieben mit all den anderen Gespenstern am „Toten Mann". Aber kann das die 'Mitschuldigen' trösten? Immerhin, es war das letzte tiefgreifende Erlebnis und das schlimmste was mich selbst betrifft. Ich mußte mich nun auf das Abitur vorbereiten und nahm meinen Abschied von den Schienensträngen. Ich konnte mich mit meinen eigenen Aufgaben beschäftigen.

'Mausezähnchen' war auch nicht im geringsten zu näheren Beziehungen zu uns Primanern gekommen. Im Winter 1916 nahm ich mit Eifer am Unterricht im Englischen teil und übte sehr fleißig Cello bis etwa sechs Uhr abends. Mein Vater, der ein ausgezeichneter Cellospieler war, hatte mir ein kleineres Instrument ein 'halbes Cello' geschenkt, als ich noch ein Knabe war. Und das tat seine Pflicht im Orchester von 'Papa Süß' auch, so dass der sehr musikalische Professor Mühlfahrt mir einmal auf die Schulter klopfte und sagte: „Na, kleiner Casals", obwohl ich mich durchaus nicht als Wunderkind fühlte. Im Krieg war aber nach sechs Uhr abends noch viel Zeit. Zumal der Expreß nach Oberpleis ja erst um acht Uhr abbrauste. In diesen Stunden bin ich im Dämmern und im Dunkel dahin gewandert. Hinter Siegburg gibt oder gab es einen winzigen Vorort, genannt 'Die Zange' und dahinter noch ein Wiesen- und Auenwaldgelände, genannt 'Die Ilm'. Da spazierten die jungen Leute Händchen in Händchen. Gab es jemals einen Kuß? Ich kann mich nicht erinnern. Aber oben stand der Michaelsberg, einst Trutzfeste des Kölner Erzbischofs Anno.

Seit der Säkularisation von der preußischen Verwaltung zum Irrenhaus und später zum Zuchthaus erniedrigt. Ebenso wie die Abteien in anderen Orten Westdeutschlands, waren die Benediktinermönche, denen die Kölner Kurfürsten durchaus nicht sympatisch waren, vertrieben worden. Aber jetzt hatten sie die Siegburger Abtei wieder erworben. Der hässliche Trakt des Zellengefängnisses war schon abgerissen. Unten von der Ilm her - es gab noch nicht die im zweiten Weltkrieg übliche Verdunkelung - sah man die Fenster der Abtei leuchten. In den späteren 30-40 Jahren hat sich viel verändert. Noch am Ende des 2. Weltkrieges mussten die Oberpleiser Angestellten, Schüler und Arbeiter oft unter erschwerten Bedingungen ihr Ziel in Siegburg anstreben. Es waren viele 'Ausgebombte' darunter. Sie haben es geschafft. Und doch denke ich mit einer gewissen Trauer daran, dass die alte Brölbahn der modernen Technik hat weichen müssen. Aber es hat eben seine technischen Vorteile. Denn heute fährt man von Oberpleis nach Siegburg in 25 Minuten mit dem Bus zu einem bequemen Umsteigebahnhof. ENDE"

Das alte Oberpleis.
So sah der Ortsteil aus, in dem der Autor unseres Berichtes über die Bröhlbahn, Prof. Dr. Werner Heinen, als "Student" wohnte.




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Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 6 vom 09.02.1973
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller (SZ); Bernhard Gast: Foto Der General-Anzeiger berichtete am 30.12.2017
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