Aufnahme: 1967
"Ausbildungswege für Realschulabsolventen
von Realschuldirektor-Stellvertreter i. R. Christian Schenkelberg
A
Höhere und gehobene Berufe
Die Realschule hat die Aufgabe, den Bedarf der Wirtschaft an gehobenen Nachwuchskräften zu decken. Diese Aufgabe der Realschule hat die Ständige Konferenz der Kultusminister vom 17. Dezember 1953 wie folgt zusammengefaßt: „Sie bereitet ihre Schüler auf Aufgaben des praktischen Lebens mit erhöhter sachlicher, wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung vor und vermittelt die dafür notwendige allgemeine Bildung. Sie soll hiernach eine geeignete Schulvorbildung für den Nachwuchs in den gehobenen und praktischen Berufen von Landwirtschaft, Handel, Industrie und Verwaltung sowie in pflegerischen, sozialen, technischen, künstlerischen Berufen und den hauswirtschaftlichen Frauenberufen geben." Neben der gediegenen, grundlegenden Allgemeinbildung, wie sie die Realschule vermittelt, ist jedoch eine praktische Berufserfahrung von zwei Jahren oder eine Lehre die erforderliche Voraussetzung zum Besuch einer Höheren Fachschule. Durch die günstige Verkehrslage von Oberpleis zu Bonn und Köln sind fast alle Höheren Fachschulen vom Heimatort aus zu erreichen. Im Raum Köln-Bonn liegen folgende Höheren Fachschulen:
Ingenieur-Schulen für sechs verschiedene Fachgebiete, Höhere Fachschule für Hauswirtschaft, Bekleidungsindustrie, Jugendleiterinnen, Sozialarbeit, Photographie, Augenoptik, Versicherungswesen, Dolmetscher und Übersetzer, Höhere Landbauschule, Werkkunstschule für zehn verschiedene Fachrichtungen, Zweijährige Höhere Handelsschule (das Abschlußzeugnis wird bei der Finanzverwaltung und der Bundespost dem Abitur gleichgestellt), Höhere Wirtschaftsfach-schule (verlangt neben einer kaufmännischen Lehre zusätzlich ein Jahr kaufmännische Tätigkeit und berechtigt den Absolventen die Bezeichnung „Betriebswirt" zu führen), Besuch von Staatlichen Pädagogischen Fachinstituten zur Ausbildung von musisch-technischen Fachlehrern.
Seit 1966 ist es Realschulabsolventen ermöglicht durch den vierjährigen Besuch von Fachinstituten zu Fachlehrern für den Unterricht an Volksschulen (nach Zusatzprüfung auch an Realschulen und Gymnasien) in den Fächern Kunsterziehung, Werken, Musik, Leibeserziehung, Hauswirtschaft und Textiles Gestalten ausgebildet zu werden.
In Köln befindet sich ein solches Fachinstitut für unseren Raum. Mit der Absolvierung dieser Höheren Fachschulen ist der Weg zu den gehobenen Berufen geöffnet. Es sind Berufe, die eine erhöhte Verantwortung in sich tragen, wie sie durch die wachsende Technisierung und Spezialisierung in der gesamten Wirtschaft in immer stärkerem Umfang erforderlich werden.
Berufe für Realschulabsolventen:
Ingenieur des Maschinenwesens, der Elektrotechnik, des Bauwesens, des Vermessungswesens für Kartographik, im Berg- und Hüttenwesen, der Fachrichtung Chemie, der Fachrichtung Physik, des Textilwesens, in der Schiffahrt, im Flugwesen, Flugbegleiter (Stewardeß, Steward) Chemo-techniker, Wirtschafts-Ingenieur, Ton- und Fernsehtechniker für Rundfunkstudiobetrieb, med.-techn. Assistentin Veterinärmed.-techn. Assistentin, Biol.-techn. Assistentin, Landwirtschaftliche Assistentin, Beamter des gehobenen techn. und nichtt. Dienstes bei der Deutschen Bundesbahn und Deutschen Bundes-Post, Beamter des gehobenen Dienstes von Bund, Ländern und Kommunen, in der Finanzverwaltung, bei der Zoll-Verwaltung, in der Gewerbeaufsichts-Verwaltung, bei Bund, Ländern, Landkreisen und Städten, in der Sozialverwaltung, im Auswärtigen Dienst (Konsulat-sekretär), bei der Kriminalpolizei, Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde, Landwirtschaftliche Berufsschullehrerin, gartenbaulicher Berufsschullehrer, Werklehrer, freier Turn- und Sportlehrer(in), Gymnastiklehrerin, Jugendpfleger, Heimerzieher, Kindergärtnerin, Jugendleiterin, Krankengymnastin.
Die Nachfrage nach qualifizierten Nachwuchskräften der gehobenen Berufe steigt ständig. Ebenfalls steigt auch die Anforderung an Wissen. Die meisten höheren Fachschulen haben diesem Verlangen Rechnung getragen, erstens durch Heraufsetzung der Semesterzahl von 5 auf 6, und zweitens durch Anforderungen bei der Aufnahmeprüfung. Dies wird zwangsweise dazu führen, daß die Realschulzeit auf sieben Jahre heraufgesetzt werden muß; denn die wichtigste Aufgabe der Realschule ist es, den künftigen Besuchern der Höheren Fachschulen die angemessene Allgemeinbildung zu vermitteln, die sie befähigt, ihren Platz zwischen akademischen und praktischen Berufen auszufüllen, d. h. die mittlere Führungsschicht zu bilden.
B
Akademische Berufe
Nach 6-jährigem Besuch des Gymnasiums verlassen etwa 1/3 der Schüler mit der sogenannten „Mittleren Reife" die Schule aus drei Gründen:
1 .) In Ermangelung einer Realschule am Ort wurde die Höhere Schule nur ersatzweise gewählt, obgleich man von vornherein nur den mittleren Bildungsabschluß beabsichtigte.
2.) Im Verlauf der Schulzeit setzte man sich ein anderes Berufsziel, für welches kein Reifezeugnis benötigt wird.
3.) Man fühlt sich den steigenden Anforderungen nicht länger gewachsen.
Diesen Abgängern des Gymnasiums steht der Weg zu gehobenen Berufen über die Höheren Fachschulen gleichermaßen offen, wie den Absolventen der Realschule.
Umgekehrt entscheiden sich etwa 12 1/2 Prozent der Realschüler nach erfolgreichem Realschulabschluß zum Besuch einer gymnasialen Aufbauform, um später ein Hochschulstudium absolvieren zu können.
Auch hier können wir drei Gruppen unterscheiden:
1.) Schüler, bei denen sich erst im Laufe ihres Realschulbesuches eine stärkere theoretische Begabung und wissenschaftliches Interesse ausgeprägt haben.
2.) Schüler, bei denen die Eignung zum Besuch des Gymnasiums schon nach dem 4. Volksschuljahr feststand, deren Eltern jedoch die lange akademische Ausbildung zunächst scheuten oder ihre Kinder rascher zum Beruf und damit zu früheren Verdienstmöglichkeiten bringen wollten. Der erfolgreiche Realschulabschluß und die Stellung in der Spitzengruppe der Realschulklasse weckte in diesen Eltern die Bereitschaft, weiterhin Opfer für die Ausbildung ihrer Kinder zu bringen.
3.) Die zeitraubenden und gefahrvollen Wege zu den entfernt liegenden Gymnasien veranlassen viele Eltern gerade in den ländlichen Bezirken, ihre Kinder in die nähergelegene Realschule zu schicken. Sie haben dabei den späteren Übergang zur Höheren Schule von vornherein eingeplant. Dieser Übergang ist für alle zum Studium geeigneten Schüler organisch und ohne Zeitverlust möglich durch die in zunehmendem Maße an bestehenden Gymnasien angegliederten 3-jährigen Aufbaustufen für begabte Realschulabsolventen.
Wege der Realschulabsolventen zur Hochschulreife
Nach sechs erfolgreich durchlaufenen Realschuljahren verläßt der Realschulabsolvent im Alter von 16 bis 17 Jahren die Schule mit dem Abschlußzeugnis der Realschule. Hat sich bis dahin erwiesen, daß er eine überwiegend theoretisch-wissenschaftliche Begabung besitzt, so bietet sich ihm die Möglichkeit, durch Erlangung der Hochschulreife zum Universitätsstudium zu kommen. Ihm stehen hier zwei Wege offen, die ihn beide ohne Zeitverlust gegenüber den gleichaltrigen Oberschülern zum Abitur bringen.
1.) Das Gymnasium in Aufbauform Realschulabsolventen (Vollabitur)
Es ist angegliedert an ein bestehendes Gymnasium, steht nur erfolgreichen Realschulabsolventen offen und führt in drei Jahren zur vollen Hochschulreife. Die Stundentafel baut auf den bisherigen Bildungsgang auf. Voraussetzung für den Besuch ist das Gutachten der abgehenden Schule. In unserem Raum vorhanden in Bonn (Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium) und von 1968 an in Troisdorf.
2.Die Gymnasien in Aufbauform zu Erlangung einer fachgebundenen Hochschulreife
(3-jährige Form) in 4 verschiedenen Fachrichtungen.
Realschulabsolventen, die bereits eine klare Vorstellung über die Art ihres späteren Universitätsstudiums haben, können zur Erlangung einer eingeschränkten Hochschulreife einen Weg gehen, der in mancher Hinsicht einfacher ist und der von vornherein auf das gewählte Studium hinführt, den Weg über das sogenannte F-Gymnasium. Auch hier handelt es sich um eine an bestehenden Gymnasien angegliederte Aufbauform, die eigens für Realschulabsolventen geschaffen wurde.
Folgende vier F-Gymnasien können besucht werden:
1. Das wirtschaft- und sozialwissenschaftliche Gymnasium,
3. Das pädagogisch-musische Gymnasium,
3. Das naturwissenschaftliche Gymnasium,
4. Gymnasium für Frauenbildung.
Durch Ablegung einer Ergänzungsprüfung können die Inhaber der fachgebundenen Hochschulreife auch die volle Hochschulreife erwerben."
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