Aufnahme: 1967
"Konrektorin Christine Schwindt,
geboren am 26. Juni 1898 in Oberpleis, gestorben am 11. April 1967 in Iserlohn.
Am 11. 4. 1967 verstarb im Krankenhaus zu Iserlohn Frl. Konrektorin R. Christine Schwindt. Mit ihr ist eine Persönlichkeit von uns gegangen, die mit ihrer Heimat Oberpleis in ganz besonderer Weise verbunden und verwachsen war und die mit ihrem Wesen und Wirken als schlechthin 'zu uns gehörig' empfunden wurde. Als ihr am Tage der Beerdigung auf dem Friedhof zu Oberpleis die Trauer einer breiten Öffentlichkeit, einer kaum überschaubaren Menschenmenge, das letzte Geleit gab, da wurde deutlich, wie sehr in den Menschen ihres Lebenskreises das Bewusstsein der so stark und wesentlich mitprägenden Kraft der Lehrerin lebendig war.
Ein an Verdiensten und Leistungen reiches Lebenswerk ist vollendet; fortwirken wird es in Allen, denen Frl. Schwindt als Lehrerin in Beispiel und Lehre den Weg ins Leben gebahnt hat, denen sie als Berufskollegin eine tüchtige, immer hilfsbereite und herzhaft-frohsinnige Gefährtin des Alltags in der Schule und in der Geselligkeit der Amtslehrerschaft war, mit denen sie außerhalb des beruflichen Wirkens nachbarlich und freundschaftlich Umgang und Verbindung hatte.
Die Daten des schlichten Lebensweges kann man nicht nachzeichnen, ohne gleichzeitig einen epochalen Wandel in der Geschichte des Lehrerstandes bewusst zu machen: Als Tochter des Lehrers Bertram Schwindt, 1898 in Oberpleis geboren, verbringt sie hier ihre Kindheit und Schulzeit, das letzte Volksschuljahr jedoch in Köln, wo ihr das Entlassungszeugnis unterschrieben vom Kölner Oberbürgermeister Dr. Kahl und dem Ortsschulinspektor Keimes, am 30. 3. 1912 ausgestellt wird. Im VS-Lehrerinnenseminar erwirbt sie 1917 vor der Königlichen Prüfungskommission die Befähigung zur Anstellung als Lehrerin. 1918 bis 1920 wirkt Frl. Schwindt als Lehrerin in Thomasberg und vertretungsweise in Köln-Nippes; dann ist sie fast fünf Jahre im Schuldienst der VS in Eudenbach. Am 1. 2. 1925 erfolgt die Rückversetzung nach Thomasberg, wo sie nun über 7 Jahre tätig bleibt.
Vom 1. 4. 1932 bis zur Pensionierung am 15. 5. 1960 ist Frl. Schwindt Lehrerin an der kath. VS Oberpleis, wo ihr auch das im Jahr 1954 eingerichtete Konrektorat von der Schulaufsichtsbehörde übertragen wird. Nach einjähriger Ruhezeit lässt sie sich noch einmal vorübergehend zur Linderung des Lehrermangels anstellen. In 43 Dienstjahren ist Frl. Schwindt mit unzähligen Menschen im gemeinsamen Werk verbunden gewesen: Die Hauptlehrer und Rektoren Müller, Symnofsky, Schneider, Schweinheim, Brinkmann, Gossen, Breuer sind ihre Schulleiter gewesen; Dr. Greferath (Köln), Brauweiler, Langenbach, Ettwig, Ulmen, Becker, Dr. Broermann, Beilenhoff waren ihre Schulräte. In der kirchlichen Zusammenarbeit wirkte sie mit den Pfarrern von St. Pankratius: Horst, Lemmen, Dick und Wichert; in der kommunalen Zusammenarbeit unter den Bürgermeistern und Amtsdirektoren: Komp (Bürgermeister), Hahn, Benkowitz, von Hirschfeld, Aretz, Klein, Vurthmann, Horn, Quink, Fusshöller, Komp (A. dir), Lindenstreich, P. Meurer und A. Weber.
Ein Leben möchte man sagen, ohne besondere Höhepunkte, arm an der Dynamik des Wanderns und Wechselns! Und doch werden hier Merkmale der Lehrerin alter Wesensform und Prägung deutlich: Beständigkeit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit und Treue am zugewiesenen Auftrag und Arbeitsplatz. Aufgrund ihrer Herkunft und ihres Ausbildungsweges vorrangig auf die Pflege überkommener, verlässlicher Werte verpflichtet und aus tiefster religiös-sittlicher Verantwortung um die Erhaltung einer 'heilen Welt' besorgt, erschließt sich die Lehrerin und Erzieherin dennoch mit wachem und kritischem Geist dem Zeitgeschehen und der wachsenden Mächtigkeit seiner Probleme. Nicht aus einer idyllisch-bequemen von der Wirklichkeit abgekapselten Scheinwelt, sondern aus der unablässigen wertenden Auseinandersetzung mit Tradition, Wandel und Fortschritt gewinnt sie die Maßstäbe pädagogischen Handelns. Im hellbewussten Erfahren menschlicher Begegnungen und kultureller, politischer und religiöser Herausforderungen reift sie zu einer Persönlichkeit unverwechselbarer Prägung heran. Unbestechliche Rechtschaffenheit verschafft ihrem Urteil Achtung und Anerkennung. Freunde bewundern ihre Tapferkeit und erfreuen sich an der zündenden Schlagfertigkeit ihres Mutterwitzes.
Abseitsstehende respektieren sie, wenn sie mitunter zweifelt oder widerspricht, wenn sie ihrem Gewissen folgend, immer wieder den Mut aufbringt, auch nicht Genehmes und Unbequemes zu sagen und zu vertreten. Doch alle Spannung gleicht ein unversieglicher Humor aus, der aus den Quellkräften rheinischer Wesensart und dem sprachlichen Übermut bildhafter heimatlicher Redensart und volkstümlichen Sprachgutes genährt ist. Ihre oft so rasch entschlüpften, nicht immer schmeichelhaften 'guten Einfälle' pflegte sie in Selbstironie mit dem Ausdruck: „Was gebe ich auf mein dummes Geschwätz!' versöhnend zu entschärfen. Für anekdotisches Erzählen bleiben Sinn und Gedächtnis bis in die letzten Lebenstage ebenso lebendig, wie für das sorgende, mitfühlende Gespräch mit ihren Mitmenschen; den betreuten und ehemaligen Schülern, den Berufskollegen, dem weiteren Bekanntenkreis. Freude an der Natur, an der mit Sachkenntnis und Liebe erforschten Pflanzen- und Vogelwelt, an Musik und anspruchsvoller Literatur, liebevoller Umgang mit Kindern und unvermindert reger Teilnahme am kirchlichen Leben geben endlich den Ruhestandsjahren Inhalt und Erfüllung.
Wenn der Lehrerin Christine Schwindt hier in vielleicht ungewöhnlicher Ausführlichkeit gedacht worden ist, so hofft der Chronist, der Dankbarkeit einer großen Schülerschar, der Lehrerschaft und der Schul- und Pfarrgemeinde Oberpleis Ausdruck gegeben zu haben und die Erinnerung an eine Lehrerin die - im Lebensstil unserer Zeit kaum noch vorstellbar - in 43-jährigem Dienst ihre Heimat geliebt und mitgeformt hat. Ihre Geisteshaltung, ihre Christlichkeit, ihre Verantwortung, ihre Tapferkeit mögen in uns weiterleben!"
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